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Literatenfunk

Berichte aus Japan
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 30.09.2016

Berichte aus Japan

Der fabelhafte Reprodukt-Verlag hat einen dritten Band mit Reise-Comicliteratur des Italieners Igort veröffentlicht: nach Rußland und der Ukraine nun Japan ("Berichte aus Japan - Eine Reise ins Reich der Zeichen"). Comics eignen sich besonders für Reiseberichte, man braucht nicht viele Worte, es gibt ja Zeichnungen, die aber schon eine Interpretation der Wirklichkeit durch den Autor sind. Zudem kann alles an Materialien eingebaut werden, was Reisen einem in die Hände spülen: Werbung, Bücher, Fotos, Skizzen, Fahrkarten, etc. "Berichte aus Japan" ist aber weit mehr als Reiseliteratur, es geht um eine lebenslange Obsession für dieses Land und seine graphische Kultur. Igort ist in den 90ern der erste westliche Zeichner gewesen, der für einen der großen japanischen Manga-Verlage eine eigene Serie produziert hat, "Yuri – Back in the U.S.S.R.", deren Held ein sehr niedlicher ("Kawaii!") ungefähr fünfjähriger Raumfahrer ist. Man bekommt Einblicke in die Art, wie in Japan produziert wird, wo 60 Seiten im Monat schon wenig sind. Die großen Zeichner haben zahlreiche Assistenten, es gibt Berge von Leserpost, und man richtet sich an den Leserwünschen aus, um Erfolg zu haben. Immer wieder war Igort in Japan, einmal hatte er ein mehrmonatiges Stipendium, und wie er sein Leben in dieser Zeit beschreibt, das kommt schon nah an mein Ideal. Er wohnte auf 15 Quadratmetern, ging morgens in ein Dojo einer Zen-Schule (unterwegs umarmte er alte Bäume) und meditierte 90 Minuten in der Stille. Er spazierte durch das alte Stadtviertel, in dem er wohnte, er kaufte und studierte alte Postkarten mit Abbildungen von Mangahelden und zeichnete nächtelang. Auf der Suche nach der Perfektion, aber immer in dem Bewußtsein, den japanischen Klassikern der Illustration nicht das Wasser reichen zu können. Sein Buch (das, wie bei Reprodukt üblich, hervorragend gelettert ist) steckt voll von interessanten Details über die japanische Geschichte und Kultur, besonders interessiert sich Igort für die Widersprüche, die Freude am Niedlichen, den Kult der Schönheit, die Wabi-Sabi-Ästhetik (Wabi steht für Schlichtheit, Sabi für Patina, z.B. die Risse im Inneren einer Tasse) und auf der anderen Seite den Kult des Kriegers (verstörend, wenn sich beides in den 40ern in Comics über den Krieg, mit niedlichen Kindersoldaten, verbindet). Er berichtet von den Regeln zur Lebenspflege, die der Samurai-Arzt Ekiken im 17.Jahrhundert verfaßt hat, und in denen Geduld eine wichtige Rolle spielt, aber auch die Ehrfurcht vor der Natur. (Bei Sturm und Gewitter solle man sich auf den Boden setzen und die Naturgewalten willkommen heißen.) Er erzählt von kuriosen Mißverständnissen: Weil er beim ersten Treffen mit dem Chef seiner Comicredaktion nicht wußte, daß der Gast zuerst aufstehen und das Treffen beenden muß, dachte der Chef, er wolle mehr Gehalt herausschlagen und erhöhte beim Teetrinken dreimal das Angebot. Er erzählt von seiner Begeisterung für vergessene japanische B-Movies, von denen er alte Videokassetten aufstöbert. Er erzählt von den Ritualen der Sumo-Ringer, von den Geheimnissen und dem elenden Leben der Geishas, vom heute noch lebendigen Rassismus gegenüber den Nachkommen der Burakumin, einer Kaste von Unberührbaren (Handwerker, z.B. Gerber, die mit Blut in Berührung kamen). Haiku-Dichter, Papierkultur, Hokusais Ärger mit den Druckern, die seine Nasen und Ohren veränderten: "Bitte achtet darauf, die Augen ohne das untere Lid zu schneiden. Nicht nach der Utagawa-Schule." Was mich an Hokusai besonders freut, ist, daß er damit rechnete, erst mit 110 Jahren so gut zu sein, daß "jeder Punkt, jede Linie ihr eigenes Leben haben." Bei uns glaubt man ja eher, daß Künstler irgendwann "ausgebrannt" sein müssen, daß sie im Alter nichts mehr zu sagen haben. Wie viel schöner, daran zu glauben, daß man bis zum letzten Tag besser werden kann. Ich bin gespannt, wohin sich der vielgereiste Igort im Alter entwickelt, auf seiner Website schreibt er, daß er an einem Buch über einige russische Mathematiker-Philosophen arbeitet, die bei uns völlig unbekannt sind. 

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