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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Samstag, 30.06.2018

Being Yung & Ye

Bevor es heute weiter- oder endlich losgeht mit der WM hier noch schnell zwei Artikel, um sich von dem ganzen hochdepressiven Jogi-Merkel-Angela-Löw-Overkill der letzten Tage zu erholen. Aber geht es überhaupt noch um Bücher? Sehr laut und am Rande schon!

Eigentlich wollte ich heute über die beiden radikalen Gegenwartskünstler David Lynch und Kanye West schreiben, die in ihren aktuellen Werkphasen auch gerade durch schwierige Zeiten gehen (das irre "Twin Peaks: The Return" und das nicht weniger irre "Ye") und sich dann auch noch zusätzlich mit Äußerungen zu Trump im unteren bis oberen Shitstorm-Bereich bewegt haben.

Dabei hat David Lynch gerade die schön collagierte Oral Biography "Room for Dreams / Traumwelten" (mit Kristine McKenna, auf Deutsch bei Heyne) draußen. Und Kanye West schreibt sein Buch sowieso kanyemäßig im Livestream:

KANYE WEST‏Verifizierter Account @kanyewest 18. Apr.

I will work on this "book" when I feel it. When We sit still in the mornings We get hit with so many ideas and so many things We want to express. When I read this tweet to myself I didn't like how much I used the word I so I changed the I's to We's.

598 Antworten 11.284 Retweets 67.992 Gefällt mir

Zu David Lynch wollte ich eigentlich das wunderbare Interview im Guardian posten, was jetzt aber schon Co-piqer Tino Hanekamp wunderbar übernommen hat (persönliche Lieblingsstellen im Lynch-Gespräch darüber hinaus, dass er sich als Happy Camper sieht, in seinem Atelier in so etwas wie einen Müllschlucker pinkelt - der viele im Rahmen des von ihm angestrebten Artlife zu Zigaretten getrunkene Kaffee fordert seinen Tribut - und dass er LA für eine wilde Gegend hält, wenn er beobachtet, wie eine Biene von einer Spinne im Netz kaltgemacht wird). Vorzulesen hier, Nachzulesen hier.

Deswegen - und weil es um junges, hyperpopuläres Erzählen gehen soll (neben Fußball sind die weltweit erfolgreichsten Narrative nun mal Kino inklusive Netflix und Hip Hop), beziehungsweise, was im globalen Skandalmodus überhaupt noch zieht - springt für Lynch der heute von Tobias Kniebe in der SZ besprochene Film "Yung" ein.

"Yung" heißt das Debut des von Klaus Lemke entdeckten Schauspielers und Regisseurs Henning Gronkowski, der vier Freundinnen durch ihre exzessive Jugend begleitet, die es locker mit dem ganzen vor allem um krassestmögliche Dekadenz bemühten Shit aus den gängigen Hip Hop-Lyrics aufnehmen kann:

Dieses superhübsche Mädchen zum Beispiel, irgendwo tief in den Katakomben, wo die Beats gerade noch hinreichen, schwer und dunkel, wie in Watte. Hängt kotzend über der Kloschüssel, voll am Schmieren, völlig weggetreten, war zu gierig mit der Pipette, beim Nachladen nicht auf die Uhr geschaut, jetzt erbricht sie ihren finalen Kontrollverlust in die Kanalisation. Und dazu drei völlig fremde, sehr interessierte Jungs, nicht ganz so breit, vom beißenden Gestank nicht abgeschreckt, die ihr das Höschen auf Halbmast gezogen haben und jetzt intensiv ihre nackte Scham bearbeiten.

Wenn Henning Gronkowski von solchen Szenen erzählt, schwingt ein gewisser Fatalismus mit. Ist halt so. Gibt es. Zigmal gehört auch von anderen. Und wenn man ernsthaft erzählen will, was die Jugend so treibt, wenn die Eltern gerade nicht hinschauen, Alter vierzehn bis neunzehn, Standort Berlin, dann muss so was dazugehören. Nicht die Szene selbst vielleicht, das wär dann doch zu hart. Aber das Grundgefühl. Die Abgefucktheit, die Langeweile, diese superbilligen Drogenkicks, die es jetzt gibt, die neueste Verlorenheit einer neuen Generation, die eigentlich alles hat. Und Galaxien weit entfernt ist von den Feminismus- und Korrektheitsdebatten, die ihre Eltern gerade so führen.

Die Abgefucktheit, die Langeweile, die superteuren Drogenkicks, das Gefühl von Verlorenheit in einer aus den Fugen geratenen Welt, die einerseits auf überkorrekte Emoji-Likability pocht, andererseits politisch auf rechte Wichser zurückgreift (um die Sache mal abzukürzen)...: Auftritt Kanye West.

Das Wunderkind-turned-to-enfant-terrible der westlichen Aufmerksamkeits-Industrie (Pop, Fashion, Entertainment untrennbar miteinander verwoben) hat gerade nicht nur fünf Alben in fünf Wochen veröffentlicht, sondern auch der New York Times ein ausführliches, mehrtägiges Interviewportrait gewährt, das sich ganz unten im Hauptlink nachzulesen lohnt.

Vielleicht handelt Mr. Wests Kunst (der selbst von Jon Caramanica ganz new-york-times-untypisch nur "Kanye" genannt wird, Kurzform "Ye", wie auch der Albumtitel lautet, von dem Kanye dann genialerweise behaupten kann, es würde gar nicht ihn meinen, sondern altertümlich für "Du" stehen, das häufigste Wort in der Bibel...) - vielleicht handelt Kanyes Kunst also nur noch von der allergründlichsten Zerstörung eines Egos. Nachdem man es vorher eine Karriere lang als Super-Ego aufgebaut hat. Das wäre dann der letzte Skandal - die verzweifelte Suche nach etwas Wesentlichem left to say. Bezeichnenderweise heißt der erste Song auf Ye dann auch I thought about killing you:

I called up my loved ones, I called up my cousins

I called up the Muslims, said I'm 'bout to go dumb

Get so bright, it's no sun, get so loud, I hear none

Screamed so loud, got no lungs, hurt so bad, I go numb

Time to bring in the drums, that prra-pa-pa-pum

Set the NewTone on 'em, set the nuke off on 'em

I need Coke with no rum, I taste coke on her tongue

I don't joke with no one, they'll say he died so young

I done had a bad case of too many bad days

Got too many bad traits, used the floor for ashtrays

I don't do shit halfway, I'ma clear the cache

I'ma make my name last, put that on my last name

It's a different type of rules that we obey

Ye, Ye, Ye season, nigga, we Old Bay

We was all born to die, nigga DOA

Niggas say they hero, mhm, I don't see no cape

Mhm, I don't see no, mhm, yeah, I don't see no, mhm, mhm

If I wasn't shinin' so hard, wouldn't be no shade

Buckwheat-ass nigga, it's gon' be otay

Sorry, but I chose not to be no slave

Young nigga shit, nigga, we don't age

I thought I was past my Deebo ways

Even when I went broke, I ain't break

How you gon' hate? Nigga, we go way back

To when I had the braids and you had the wave cap

Drop a pin for the fade and I'm on my way ASAP

Don't get socked in the mouth, you know homie don't play that

Pay the fire marshal bill 'cause this shit done got way packed

They wanna see me go ape (ape, ape)

All you gotta do is speak on Ye

Für die Gedichtinterpretation und Hintergründe bitte auf der großartigen Lyrik-Seite genius.com nachgucken.

Das Drama ist natürlich nicht mehr der Inhalt an sich, sondern die angestrebte Hysterie um eine Marke, im Sinne des Getting-away-with-It. Die beste Szene in dem New York Times-Portrait ist vielleicht, wie Kanye West in Wyoming völlig begeistert in einem Secondhand-Shop für Ski-Klamotten gebrauchte Wollmützen und Normcore-Pullis zusammenkauft, weil er sie so "Yeezy" findet - und aus ihnen dann seine sündhaft teuren Designer-Teile zusammenkopiert.

Und jetzt ab in die zweite Halbzeit, wo "die Franzosen gerade die Argentinier stark gemacht haben". Gut, dass wir draußen sind und sorry für die Disruption!

Being Yung & Ye
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