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Literatenfunk

Beckett in Kassel
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 28.02.2018

Beckett in Kassel

Am Wochenende war ich zur Auftaktlesung des diesjährigen Kasseler Komik-Kolloquiums eingeladen und hatte nachmittags noch Zeit für einen Spaziergang. Meistens bleibt auf Dienstreisen ja keine Zeit für so etwas, oder ich fühle mich zu reisekrank und mache eine Liegekur im Hotelbett unter einer dieser Kunstsimulationen in Wechselrahmen, wie sie über Hotelbetten hängen, aber diesmal war ich gerade zwei Wochen krank gewesen, deswegen konnte selbst ich mir nicht einbilden, krank zu sein, also ließ ich mir an der Rezeption einen Abrißblockstadtplan geben, auf dem das Hotel und seine Gegend allerdings nicht eingezeichnet waren, beste Voraussetzungen, sich im Rahmen des Vertretbaren zu verlaufen. Ich freute mich über das zentrale Rasenstück einer Wohnanlage, das zum Gärtnern freigegeben worden war und sah mir interessiert Hochbeete und Komposttonne an, Gartenprojekte in der Stadt sind heute ja paradoxerweise ein Zeichen von Urbanität. Ich fand einen schönen Spielplatz mit einer großen Schwingschaukel in einer Art Amphitheater aus alten Autoreifen. Ich ging bergauf, weil ich eher dazu neige, bergauf zu spazieren, fotografierte eine Neubaukirche aus den 60ern mit schön brutalistischer Betonformsteinfassade und für meine Sammlung von Werbekalauern einen "fairREISEladen" und ein Litfaßsäulenplakat "Das geht dich 'n track an! Planet Radio", ich überquerte eine kleine Straße und las plötzlich auf einer Granittafel im Boden:

"Samuel Beckett irischer Literaturnobelpreisträger 1906-1989. Beckett besuchte seine erste große Liebe Peggy Sinclair im Haus Boldelschwinghstraße 5 (früher Landgrafenstraße) in den Jahren 1928-1932."

Das war so absurd zufällig, daß es gar kein Zufall sein konnte, schon gar nicht, wenn man bedachte, daß ich seit vielen Jahren Beckett-Fan bin und mich durch beide dicken Beckett-Biographien gekämpft habe (Deirdre Bair und James Knowlson). Becketts Schwanken zwischen einer Laufbahn als Akademiker und Philologe und dem unsicheren Dasein als Schriftsteller, dem das Schreiben zudem ungeheuer schwer fiel, hat mich mit Anfang 20 angesprochen. Beckett hatte seinen Durchbruch erst mit fast 50 Jahren, aber es reichte dann doch noch für den Nobelpreis, das machte einerseits Hoffnung, ließ einem aber andererseits viel Zeit, ihm nachzueifern. Trotz meiner Beckett-Verehrung war ich nie darauf gekommen, bei einer meiner Lesungen in Kassel das Haus von Becketts Tante zu suchen, in dem er seine lebenslustige und witzige Cousine Peggy so oft besucht hat, die 1933 an TBC gestorben ist, wenige Jahre bevor die Familie (ihr Vater war "Halbjude") wegen der politischen Lage in Deutschland zurück nach Irland ging. Beckett hat in dieser Zeit hervorragend Deutsch gelernt, las deutsche Literatur im Original und ist 1936 ein halbes Jahr durch Deutschland gereist, vorwiegend, um sich in Museen Gemälde anzusehen, wovon man in diesem sehr guten Buch lesen kann, das auch seine Tagebücher auswertet. Die Geschichte mit Peggy ist in verschiedene von Becketts Texten eingeflossen und bildet einen der zentralen Erinnerungsmomente in "Das letzte Band". Wenn es einen Autor gibt, dem es unangenehm gewesen wäre, daß für ihn Gedenkplaketten angebracht werden, dann sicher Samuel Beckett, der so scheu war, daß er sogar den Nobelpreis als Katastrophe empfand. Trotzdem war ich dankbar, daß es hier diesen Hinweis gab, zumal ich ihn ja ganz zufällig gefunden hatte, so wie Entdeckungen am meisten Spaß machen. Ich fotografierte das Haus und ging durch den Hofdurchgang, um es auch von hinten zu sehen, als könnte ich dort irgendwelche Spuren von Beckett entdecken oder etwas Besonderes fühlen. Ich ging weiter den Berg hoch bis zu einem Antennenmast, dem höchsten Punkt eines wäldchenartigen Parks, von dessen Kante man auf das große Gleisdreieck herabschaute (wie es Beckett sicher auch getan hat) hier zweigte die kurze Bahnstrecke zum Kasseler Hauptbahnhof ab, man kam ja mit dem ICE immer in Kassel-Wilhelmshöhe an. In 15 Minuten mußte ich am Hotel sein, weil ein "Shuttle" die Autoren zum "Museum für Sepulkralkultur" fahren würde, wo die Auftaktlesung zum Komik-Kolloquium stattfinden würde. Im Ausstellungssaal, wo auch das Lesepodium stand, sind Diamanten ausgestellt, zu denen man die Asche seiner Angehörigen pressen lassen kann ("Ein Juwel von Mensch. Ihr Erinnerungsdiamant"), daneben steht eine Metallkapsel für Weltraum-Bestattungen ("SPACE SERVICES Weltraumbestattungen kombinieren modernste Technologie und den antiken multikulturellen Beerdigungsbrauch der Einäscherung. SPACE SERVICES gibt jedem von uns die Möglichkeit, einen letzten, würdevollen Weg in einer überwältigenden Umgebung zu wählen und das Bedürfnis zu befriedigen, das All zu erforschen, was in vielen von uns liegt.") Ich wußte noch nicht, was ich lesen würde, die Auswahl zu treffen war immer das Schwerste an jeder Lesung. Wir waren vier Autoren, alles Träger des "Förderpreises zum Kasseler Preis für Grotesken Humor", und die Frage war, ob man backstage bleiben durfte, um sich für die eigene Lesung zu sammeln, oder ob man aus Höflichkeit die Lesungen der anderen anhören sollte. Mein Kollege sagte, er könne das nicht, das sei zuviel für ihn, wenn er so lange zuhören müsse, könne er nicht mehr selber lesen. Ich bewunderte diese konsequente, kräfteschonende Haltung, ich sei dazu aber zu höflich, ich würde ja auch immer die Texte raussuchen, von denen ich annähme, daß sie dem Publikum am besten gefallen würden, was eigentlich opportunistisch sei und sich für einen wahren Künstler sicher nicht gehöre. Er sagte, eine Publikumsbeschimpfung pro Abend müsse auf jeden Fall erlaubt sein. Wir sprachen darüber, ob es Sinn hätte, einen Assistenten zu beschäftigen, er sagte, er scanne seine Manuskriptkorrekturen und schicke sie jemandem zum Abtippen, das sei nicht mal teuer. Wir sprachen über Adolf Muschgs Hypochondrie (er hat sich einmal einen eingebildeten Hirntumor operieren lassen) und über Schweizer Bankschließfächer für finanzielle Überschüsse. Nach der Lesung sprachen wir über aktuelle Sexismus-Debatten, während das Publikum ausschließlich nach Büchern der beiden Kolleginnen verlangte, so daß zum Glück gar nicht auffiel, daß keine Bücher von mir geordert worden waren. Weil es etwas dunkel war, schaltete ich aber die Taschenlampenfunktion meines Handys ein und beleuchtete den Büchertisch, damit man die Cover der anderen besser sah.

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