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Literatenfunk

Babylon Moabit
Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Freitag, 20.10.2017

Babylon Moabit

Jeden Morgen wach ich zerschlagen auf, weil ich gerade so viel wirklich schlimmen Fußball gucken muß wie noch nie in meinem Leben, und lass mich von Volker Wieprecht im Radio fragen, wie es ihm heute geht. Der deutsche Hörfunkjournalist (geboren 1963 in Herne) findet dann meist ein paar tröstliche (oder zumindest nicht allzu niederschmetternde) Worte für den Tag, den es zu meistern gilt und wenn ich noch eine Hoffnung für mein Tun habe, dann die das irgendwann mein Schreiben ähnlich wohlwollend betrachtet werden könnte wie die Euroleague-Spiele des 1.FC Köln von Sky-Moderator Markus Lindemann: "... er wechselt Guirassy ein, das wird dem Spiel noch mal eine ganz andere Klangfarbe geben."

Wenn gar nichts mehr hilft, muss sich aber auch Sky mit Programmhinweisen über die Tristesse hinweghelfen. Es wird dann ein Hinweis im unteren Bildausschnitt eingeblendet (und zwar bevorzugt jedesmal genau dann, wenn der Ball sich dort befindet und die eigene Mannschaft es mal wieder über außen versucht - und wenn der Hinweis wieder weg ist, ist es meist auch der Ball...): "Und hier hab ich noch was Spannenderes für Sie, unsere neue Serie Babylon Berlin...", wegen der gerade alle die ARD abschaffen wollen, weil sie mit ihrer Zwangsgebühren-Kohle Pay-TV mitfinanziert hat. Die Serie selbst ist gar nicht so schlecht (wenn nicht gerade berlinert wird oder Tom Tykwer seine dramatische Fernsehspielmusik drüberkleistert) und basiert bekanntlich auf den historischen Gereon-Rath-Krimis des Ex-FAZlers Volker Kutscher. Dieser hat jetzt pünktlich zum Serienstart noch ein kleines Prequel geschrieben, "Moabit", das von Kat Menschik illustriert bei Galiani Berlin erschienen ist. Es geht um die Vorgeschichte von Romanfiguren wie der Sekretärin Charlotte "Charly" Ritter (die nebenher natürlich auch noch Prostituierte ist und die sich jetzt kein Mensch mehr anders vorstellen kann als in der Besetzung durch die tatsächlich tolle Liv Lisa Fries, die am Ende der ersten beiden Folgen in den dunklen Kellern des Mokka Efti, das in der begeisterten WamS natürlich schon mit dem Berghain verglichen wurde, einem betuchten Freier an der Hundeleine oben ohne heisses Kerzenwachs drüberträufeln lässt ... und verdammt noch mal, haben die das krachenlassen, in den wilden 20ern).

Anyway, natürlich kann ich mir in diesem Leben keine historischen Bestseller-Krimis mehr durchlesen (Begründung!), aber das Buch "Moabit" ist so wunderbar von Kat Menschik gestaltet, das ich es trotzdem jedem ans Herz legen möchte (unter anderem weil Kat Menschik eine der besten Zeichnerinnen überhaupt ist, die ich mal für Andy Warhol's Interview mit ihrem Sohn im McDonald's an der Schönhauser Allee zum Gespräch treffen durfte, während Murakami am Nebentisch saß und Chicken Wings in sich reinschaufelte).

Illegalerweise hab ich mein Rezensionsexemplar heute einer Bekannten weiterverschenkt, die mir Karten für die drohende Pokalpartie Hertha gegen Köln besorgt hat. Die Hertha-Bekannte ist eine echte Leseratte, liest aber eigentlich nur noch eBook. Aber vielleicht können sie die tolle Haptik und die wunderbar wie bei einem Programmheft dazwischengemalte 20er-Jahre-Werbung für Aspirin, Messer aus Solingen, Rattengift und Mampe-Schnaps (den sie übrigens tatsächlich gerade wieder bei Hertha im Stadion verkaufen!) für die Welt des realen Buches sozusagen zurückgewinnen.

8,2
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Kommentare 1
  1. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · vor 11 Monaten

    Nee, kein Selbstkommentar. Nur noch eine schöne Zwischeneinlassung zu "Babylon Berlin" von Kurt Scheel, und zwar genau hier:
    das-schema.com/2017/10/2...