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Literatenfunk

Ärger mit der Unsterblichkeit
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 19.06.2017

Ärger mit der Unsterblichkeit

Das lange Warten auf ein neues Album von Andreas Dorau (drei Jahre!) hat im Juli endlich ein Ende, wenn „Die Liebe und der Ärger der Anderen" erscheint (hier gibt es schon das Video zum Song „Ossi mit Schwan"). In der Zwischenzeit kann man, wenn man es noch nicht getan hat, sein Buch „Ärger mit der Unsterblichkeit" lesen, was allerdings viel zu schnell geht, da es leider so kurz ist. Andreas-Dorau-Fan zu sein, hat mir immer gefallen, weil es etwas Schmeichelhaft-Exklusives hatte, als hätte ich Ahnung von Musik und einen ganz speziellen Geschmack. Die Gefahr, dass man sein Idol mit allzu vielen Mitläufern teilen musste, war bei Dorau eher nicht gegeben. Andererseits war es auch wieder enttäuschend, wenn sich die Menschen aus dem Bekanntenkreis nicht überzeugen ließen, das macht immer so einsam. Manchen ist er mit seinem Anti-Crooner-Timbre vielleicht zu kindlich, was sich mit „Todesmelodien" (2011) eigentlich erledigt haben sollte, dem Album, auf dem er von Größenwahn, Neid, Altersheim, Inkonsequenz und der Möglichkeit, seine Asche zu einem Diamanten zu pressen singt („Press Deinen Körper doch zum Diamanten/ Ja, nicht nur Dich selbst, auch Deine Verwandten!"). Für mich ist er ein Genie, weil er das Material, das ihm die Welt zuspielt, in etwas verwandelt, was schön ist und leichter zu ertragen. Er kann sich dabei anscheinend jedem beliebigen Thema widmen, Taxifahren („Faul und bequem, weshalb ich stets in Taxi nehm/ Denn ich bin faul und bequem/ auch wenn ich mich ein bisschen schäm"), Fernsehserien, Altersheim („Linoleum am Boden/ Rauhfaser an der Wand/ Dazwischen hängen Bilder/ Die irgendjemand fand"), Demokratie („Das ist Demokratie/ Langweilig wird sie nie"), Flaschenpfand, Bibliotheken („Rentner sich hier die Zeit vertreiben/ Sie recherchieren, um Beschwerden zu schreiben") - er wird nicht an diesem Thema scheitern, eher das Thema an ihm.

Ich bin zu Dorau durch seine erste Langspielplatte „Blumen und Narzissen" (1981) gekommen, die mein erstes richtiges West-Schnäppchen war, eigentlich auch mein letztes, danach regte sich meistens nur noch Kaufreue. Nach der Wende hatte sich in meinem Plattenladen am Alexanderplatz, den ich als Schüler ritualhaft aufgesucht hatte, um Lizenzplatten aus dem Westen aufzuspüren (und wo später der Elektro-Kleinteile-Händler A&Z) einzog, mit einem Mal das Sortiment geändert. Die ganzen unverkäuflichen DDR-Jazzplatten waren verschwunden, dafür gab es bergeweise Platten mir völlig unbekannter Interpreten. Hatte ich nicht jahrelang RIAS gehört, um zu wissen, was es im Westen für Musik gab? Und dann gab es so viele Interpreten, von denen ich nie gehört hatte? Ich glaube, es war in Wirklichkeit der Ramsch irgendeines Pleite gegangenen Plattenvertriebs. Dazwischen entdeckte ich aber, da ich es ja gewohnt war, jeden Plattenstapel geduldig und gewissenhaft durchzusehen, „Blumen und Narzissen" von Andreas Dorau für lächerliche 5 Mark West! Was für ein Fund! Und was für Songs! Lieblingslieder wie „Nordsee" oder "Blumen und Narzissen". Es klang, als hätte er aus jedem in einen Spielzeug-Casio eingespeicherten Rhythmus mit seinem genialen Touch einen (tanzbaren) Hit gemacht. Das ist sicher total falsch, hat mich aber damals unendlich fasziniert, weil es doch immer darum ging, sich nicht in Virtuosität zu verlieren, sondern die besseren Ideen zu haben und nicht zu verkrampft auf Künstler zu machen. Ich liebte das Understatement, die Reime, die genialen Melodien, den überlegenen Humor. In dieser sehr politischen Zeit war Doraus Humor eine große Entlastung.

Damals gab es ja noch kein Internet, und ich wusste nichts von Andreas Dorau und bekam auch selten mit, wenn neue Platten erschienen, das gelingt mir erst seit einigen Jahren. Mein Informationsbedürfnis wurde erst durch sein 2015 erschienenes Buch befriedigt. Man erfährt, dass „Fred vom Jupiter" für eine Schulprojektwoche geschrieben worden ist (fast hätte Dorau sich bei „Fahrradfahren durch Hamburg" eingeschrieben, aber dafür hätte er einen Reifen flicken müssen). Er war, glaube ich, 15, und hatte schon einen Welthit (an dem der Lehrer immer mitverdient hat). Wie geht das Leben weiter, wenn es mit einem Hit beginnt? (Der ihm eher peinlich ist.) Für ihn u.a. als „Minibarchecker" und Videoclip-Berater. Wie es sich gehört, hat er eine schön idiosynkratische Einteilung der Welt in Gut und Schlecht. Man liest, dass er u.a. Dieter Bohlen, Bryan Ferry, Kraftwerk, Roy Wood (nicht dass ich wusste, wer das ist …) gut findet. Dafür findet er UB 40, Frank Zappa, Phil Collins, „Lost in Translation", die Einstürzenden Neubauten und Rammstein schrecklich (obwohl mich sein Humor und seine Schüchternheit sehr an Rammstein-Keyboarder Flake erinnern). Es ist auch nicht so, dass er den Charts bewusst aus dem Weg gehen würde, im Gegenteil, im Buch ist oft von Neid die Rede (wie schon im Song „Neid": „Sind andre erfolgreich/ Hab ich ein Problem/ Der Zustand ist wirklich/ Recht unangenehm"). Er ist neidisch auf Labelkollegen, für deren Promotion die Plattenfirma teure Gimmicks an die Plattenhändler verteilt (für ihn nur eine Box mit Weingummi-Smileys), auf seine Filmstudium-Kommilitonen, die auf Filmfestivals eingeladen werden, auf Rammstein. Und das ist bestimmt nur der Anfang. Aber er ist eben nicht zu Kompromissen bereit. Z.B. beim Video zu „Die Menschen sind kalt": „Für die Auswertung des Films hatten wir unterschiedliche Vorstellungen, die Plattenfirma und ich. Ich wollte, dass den Film nur so wenig Leute wie möglich sehen, damit es eine Art von Gemunkel und Gravepine-Gerede über ihn gab. Er sollte nicht als Film wirken, sondern als Hintergrundrauschen einer subkulturellen Nacherzählung, als Legende für die Hinterzimmer der Indie-Treffs und die Küchengespräche der Studentenpartys."

Ein Teil seines Genies besteht darin, mit vielem (Mitschüler, Kommilitonen, Rockmusik, Drogen) nichts anfangen zu können. Er scheitert bei seiner Lehrstelle als Industriekaufmann für eine Ölhandelsfirma, weil sein Ehrgeiz nur so weit geht, einen Schreibtisch mit Telefon zu haben. Er studiert Film in München, mag aber keine Schauspieler, weil sie ihm in ihrer Sehnsucht nach Anerkennung peinlich sind. Deshalb verzichtet er in seinen Filmen meistens auf Schauspieler und aus Geldgründen auch auf Beleuchtung und Geräusche. (Überraschend, aber sehr sympathisch, dass er in München betrunken gerne in offene Cabriolets gepinkelt hat.) Er hoffte als Junge, reich zu werden, indem er Witze aus der Funkuhr bei der Hörzu einreichte. Und er fragt sich, warum Japanerinnen sich immer übergeben, wenn er sich mit ihnen unterhält. Eigentlich will er gar nicht Musiker sein: „Auf diesen Kram hatte ich keine Lust, Single, Album, Tournee, das war doch Schnee von gestern." Er tanzt ausschließlich auf der Bühne, und auch nur aus Angst, weil bei Konzerten leider immer alle auf den Sänger gucken. In den 80ern, als die Bands „Fähnlein Fieselschweif" oder „Nachdenkliche Wehrpflichtige" hießen, wurde man ja auf Konzerten noch von Pogopunks bespuckt. Er ist ein großer Virtuose der deutschen Sprache, auf einem Gebiet, das bei uns wenig Respekt genießt: dem komischen Reim. Und er ist ein unbestechlicher Künstler: „Ansonsten hatten wir nur negative Vorgaben: Unsere Konzerte sollten keine Rockscheiße sein, aber auch nichts mit Schlager, Neuer Deutscher Welle, Chanson, Kleinkunst oder Theater zu tun haben, wir wollten kein Geblödel machen, aber auch keine Ansprüche stellen, das war natürlich ziemlich viel, was wir da nicht wollten, da musste man wenigstens ein Bühnen- und ein Kostümbild haben." (Also trat der Bläser als Würstchenverkäufer, der Schlagzeuger als Chauffeur, die Marinas als Hausfrauen, der Keyboarder als Tourist und Dorau als Gärtner auf.)

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