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Literatenfunk

Anton Tschechows kurzes Leben
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 22.10.2017

Anton Tschechows kurzes Leben

Alles, was ich über das Leben von Anton Tschechow weiß, habe ich aus einer dünnen rororo-Bildmonographie von Elsbeth Wolffheim erfahren, die es einmal auf dem Wühltisch der Wohlthat'schen Buchhandlung heruntergesetzt auf 2,29 Euro zu kaufen gab (neben vielen anderen Titeln aus der Reihe, die dort verramscht wurden und mich alle interessiert hätten, weil doch jeder Mensch ein unerschöpfliches Forschungsgebiet ist. Wie jemand geworden ist, was er ist, ist einfach nie ganz zu begreifen, aber es ist faszinierend, darüber nachzudenken.) Tschechow war sowieso schon einer meiner Lieblingsautoren gewesen, aber diese Biographie hat meine Zuneigung zu ihm noch vertieft, was einerseits an den großartigen Zitaten liegt, die Frau Wolffheim ausgewählt hat, andererseits aber an dem erstaunlich unveränderlichen, reserviert-spöttischen Gesichtsausdruck, den Tschechow ein Leben lang auf Fotos hatte. Dieser Mensch, dessen Stücke in 100 Jahren kein bißchen gealtert sind, ist ja 1904 schon mit 44 Jahren gestorben. Wie wäre es ihm unter Stalin ergangen?

Wie die meisten Russen seiner Zeit kam Tschechow aus armen Verhältnissen, sein Vater war sogar noch als Leibeigener geboren worden. Als Kind fing Tschechow wilde Vögel und verkaufte sie auf dem Markt. Wenn er für das verdiente Geld von dort eine Ente nach Hause brachte, kniff er sie auf dem Heimweg, damit sie Krach machte und die Nachbarn wußten, daß auch bei ihnen Enten gegessen wurden. Die Familie hatte fünf Söhne und eine Tochter, die alle vom Vater täglich verprügelt wurden. Schon vor Schulbeginn mußten sie morgens im Laden des Vaters helfen und schliefen dort abends bei der Arbeit vor Erschöpfung im Stehen ein. Es war so kalt, daß die Tinte einfror. Der Vater vernachlässigte allerdings sein Geschäft und ging lieber seinem Hobby nach, der Religion, er malte Ikonen. Er verpflichtete seine Kinder, im Kirchenchor zu singen und schlug ihnen mit dem Geigenbogen auf den Kopf. Tschechows älterer Bruder Aleksandr wurde Alkoholiker, der andere Bruder, Nikolaj, ein nicht unbegabter Maler, war antriebsschwach. Warum ausgerechnet Tschechow, der an Tuberkulose litt und immer gezwungen war, langsam und leise zu sprechen, die Kraft aufbrachte auszuscheren, bleibt ein Rätsel. Von seinem 20. Lebensjahr an lebten Eltern und Geschwister fast ausschließlich von seinen Einnahmen als Autor. Anfangs wehrte sich sein älterer Bruder Aleksandr gegen die neue Familienhierarchie und schlug ihm mit einem Eisenblech über den Kopf.

Tschechows Heimatstadt Taganrog liegt am Asowschen Meer, also, wie fast jede russische Stadt, in der tiefsten russischen Provinz. Schülern war es verboten, das Theater zu besuchen, weswegen sich Tschechow mit einer dunklen Brille und einem angeklebten Bart tarnte, weil das Theater sein einziger Fluchtort war. Er hatte eine parodistische Begabung und eine Neigung zum Humor: "Sosehr ich mich auch bemühe, ernst zu sein, es wird einfach nichts daraus, und ewig wird sich bei mir das Ernste mit dem Banalen abwechseln", schrieb er später. Eine neue Eisenbahnstation ließ Taganrogs Bedeutung als Hafenstadt zurückgehen. Das Geschäft ging pleite, der Vater floh vor den Gläubigern nach Moskau. Anton blieb allein zurück, um die Schule zu beenden, er wohnte weiter in ihrem Haus, das jetzt von einem der Gläubiger übernommen worden war. "Jedesmal, wenn ich im Traum Kälte empfinde, sehe ich Menschen", schreibt er. "Eine Krise kann jeder Idiot haben, was uns zu schaffen macht, ist der Alltag."

Später besucht er die Medizinische Fakultät in Moskau. Er teilt sich ein Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern und schreibt Kurzgeschichten für Witzblätter, zwei bis drei Humoresken pro Woche. Sein älterer Bruder klappert die Redaktionen ab, um das Geld einzutreiben. Dem jungen Ivan Bunin wird Tschechow später raten: "Hören Sie mit dem Dilettantismus auf, machen Sie nur meisterhafte Sachen!" Aber der Zwang, Geschichten von unter 100 Zeilen zu schreiben, schult seinen Stil. Nach 100 Zeilen weiß Dostojewski noch nicht einmal selbst, was er sagen will. Tschechow dagegen entwickelt seine Technik, Anfang und Ende der Erzählung wegzulassen. Auch für die Armut ist er seinem Schicksal im Nachhinein dankbar. "Ein Schriftsteller sollte so arm sein, daß vor Hunger sterben würde, wenn er nicht schreibt..."

Es gibt keinen Roman von Tschechow, nur abgebrochene Versuche und längere Erzählungen. "Von Zeit zu Zeit überkommt mich der leidenschaftliche Wunsch, mich hinzusetzen und mich an die Arbeit zu begeben, aber ich habe offenbar nicht die Kraft dazu." Er veröffentlicht 120 Kurzgeschichten im Jahr, selten arbeitet er länger als einen Tag an einem Text. Vieles davon wird in keine Werkausgabe aufgenommen. Er gibt seine Doppelexistenz als Arzt und Autor nie auf, wobei er die ärztliche Tätigkeit höher einschätzt, Medizin sei seine Ehefrau, Literatur seine Geliebte, er brauche beide. (Viele große Autoren waren ja Ärzte, oder zumindest lungenkrank.) Trotzdem gibt er sich immer wieder dem betörenden Gedanken hin, die Literatur aufzugeben und sich in einem Dorf an einem Fluß niederzulassen und nur noch als Arzt zu arbeiten. Immerhin lebt er noch in einer Zeit, in der man der Wissenschaft zutraut, die Natur zu korrigieren.

Berühmt ist Tschechow natürlich für seine Stücke, dabei war das Theater von Anfang an eine Leidensgeschichte für ihn, weil er sich gegen die Schauspieler und ihre Neigung zum Gestikulieren und Augenrollen nie durchsetzen konnte. "Das Leiden muß man so darstellen, wie es sich im Leben äußert, d.h. nicht mit Händen und Füßen", schreibt er, "sondern im Tonfall, im Blick; nicht mit wildem Gestikulieren, sondern mit Grazie." Und selbst, wenn er gefeiert wurde, gab ihm das nichts. "Apropos Erfolg und Ovationen", schreibt er: "All das ist so laut und befriedigt so wenig, daß man im Endeffekt nichts verspürt als Ermüdung und den Wunsch, wegzulaufen ... Im Heu zu liegen und einen Barsch an der Angel zu haben, befriedigt mein Gefühl weit mehr als Rezensionen und die applaudierende Galerie."

Als sein Bruder Nikolaj an Schwindsucht stirbt, zeigen sich bei Anton erstmals Symptome eines krankhaften Fluchtinstinkts, er fährt nach Jalta. "Auf einmal mag ich meine Werke nicht mehr gedruckt sehen, bin gleichgültig geworden gegenüber Rezensionen, gegenüber Gesprächen über die Literatur ... gegenüber hohen Honoraren. In meinem Herzen herrscht eine Art Stillstand." Sein Stück "Der Waldschrat" wird ein spektakulärer Mißerfolg, im vierten Akt wird gezischt. Später arbeitet er es um und nennt es "Onkel Wanja".

1890 begibt sich der 30jährige Tschechow auf eine mehrmonatige Reise in den äußersten Osten Rußlands, auf die Sträflingsinsel Sachalin. Die Fahrt mit der Pferdedroschke, in der tagsüber Hitze und nachts Kälte herrschen, dauert zwei Monate. Bis auf seinen Bluthusten geht es ihm gut. Er besucht alle Siedlungen und jede Hütte, um die Bevölkerung zu zählen und einen Bericht anzufertigen. Sachalin ist die Hölle auf Erden, hungernde Kinder und minderjährige Mädchen, die sich prostituieren und schwanger werden. Nur seine idiotischen Zeitgenossen fragen sich, was den Humoristen hierher getrieben hat.

Immer noch ernährt er seine Familie ganz alleine. Er verschuldet sich sogar, um sich ein erstes Gut zu kaufen, er liebt Gartenarbeit. Bis zum 40. Lebensjahr war er zwar mehrmals verliebt, hatte aber keine länger dauernde Beziehung. "Mich lieben die Frauen doch nicht...", sagt er, "sie halten mich alle für einen Spötter, einen Humoristen, und das wirkt nicht vertrauenerweckend." In "Die Dame mit dem Hündchen", einer seiner vielen Erzählungen, die schwerer wiegen als ein Roman, schreibt er über den Helden Gurow:

"Vielfache Erfahrung, und in der Tat bittere Erfahrung hatte ihn schon lange gelehrt, daß ein jedes Verhältnis, das im Anfang in das Leben so angenehme Abwechslung bringt und als nettes, leichtes Abenteuer erscheint, bei anständigen Menschen, namentlich bei den schwerblütigen, unentschlossenen Moskowitern, unweigerlich zu einer äußerst komplizierten Aufgabe sich auswächst, so daß das Ganze schließlich lästig wird. Doch bei einer jeden neuen Begegnung mit einer interessanten Frau entglitt ihm diese Erfahrung gleichsam aus dem Gedächtnis, und er wollte leben; alles schien so einfach und amüsant."

Blutstürze häufen sich. Den Winter verbringt er in Südfrankreich. Während das Leben die Menschen in Rußland wie eine kiloschwere Keule schlage, rieche hier "jeder Hund nach Zivilisation". Er verfolgt Zolas Engagement im Dreyfus-Prozeß, meint aber für sich, ein Schriftsteller solle sich mit Politik nur: "... insoweit befassen, als es nötig ist, sich ihrer zu erwehren."

Die letzten zehn Jahre schreibt er vor allem Stücke. Nachts wecken ihn Hustenanfälle. Er hat eine Liebesbeziehung zur Schauspielern Olga Knipper, an die er 1899 schreibt: "Seien sie gegrüßt, letzte Seite meines Lebens", und die er heiraten wird. Allerdings können sie nie am selben Ort leben, weil er wegen seiner Lunge auf die Krim muß, in die Verbannung, wie er es nennt, und sie als Schauspielerin immer in Moskau oder unterwegs ist. Die Uraufführung der "Möwe" wird ein totaler Mißerfolg (auf dem Foto oben sieht man Tschechow, wie er Schauspielern des Moskauer Künstler-Theaters daraus vorliest). Zwischen Autor und Publikum herrscht ein großes Mißverständnis. Das Stück hat keinen Kulminationspunkt und war als Komödie angekündigt, worunter das Publikum aber etwas ganz anderes verstand. Auch bei "Drei Schwestern" war Tschechow davon überzeugt, eine Komödie geschrieben zu haben, während bei der Lesung alle Schauspieler zu weinen begannen. Tschechow hat das Theater von der Künstlichkeit befreit. Seiner Frau Olga rät er: "Mach in keinem Akt ein trauriges Gesicht. Menschen, die seit langem einen Kummer mit sich herumtragen und an ihn gewöhnt sind, pfeifen nur vor sich hin und werden oft nachdenklich."

Tschechow hat nie eine Aufführung gesehen, die ihn zufriedenstellte. Mit nur 44 Jahren stirbt er 1904 während einer Lungenkur in Badenweiler im "Hotel Sommer". Seine letzten Worte waren auf deutsch: "Ich sterbe..." Er trank ein Glas Champagner und schlief ein. Seine Leiche wurde in einem Austern-Waggon nach Moskau gebracht. Ein Denkmal, das ihm in Badenweiler 1908 gesetzt wurde, ist 1918 für Rüstungszwecke eingeschmolzen worden.

"Ich bin nur der Verwalter, nicht der Herr meines Lebens gewesen", hat er einmal geschrieben. Was er vom Publikum hielt, läßt er den Schriftsteller Trigonin in der "Möwe" sagen:

"Ich glaube, all diese Aufmerksamkeiten meiner Bekannten, ihr Lob, ihr Entzücken, das ist alles nur Betrug, sie betrügen mich wie einen Kranken, und ich habe manchmal Angst, daß sie sich, hier, hinter meinem Rücken an mich heranschleichen könnten, mich packen und ... ins Irrenhaus stecken ... Ich habe meinen Leser nicht gesehen, aber aus irgendeinem Grund stelle ich ihn mir feindselig und mißtrauisch vor. Ich habe Angst vor meinem Publikum."

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Kommentare 3
  1. Daniel Schreiber
    Daniel Schreiber · vor 17 Tagen

    Vielen, vielen Dank für diese großartige biographische Skizze! Ich habe sie wahnsinnig gerne gelesen und tatsächlich viel gelernt, obwohl ich dachte, schon viel über Tschechow zu wissen. Habe jetzt gleich noch mal einen der Artemis&Winkler-Erzählbände aus dem Regal genommen. Danke. Sie haben es bestimmt schon gelesen, aber hier ein Link zu einem wirklich wunderbaren Text über Tschechows Sommerhaus in Jalta, in dem er auch starb. Ich glaube, er wird ihnen gefallen: www.sueddeutsche.de/kultur/so...

    1. Jochen Schmidt
      Jochen Schmidt · vor 14 Tagen

      Vielen Dank!

  2. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · vor 22 Tagen

    Der Meister, wieder mal: Den ganzen Tschechow in sieben super Minuten. Und endlich verstehe ich auch den spöttischen Ausdruck auf Deinem Autorenfoto... Weltklasse, Schmiddy!