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Literatenfunk

Amerikanisches Tagebuch: Gucci Mane VS Atticus Lish

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelDienstag, 11.01.2022

Nach zwei Jahren Pandemie zum ersten Mal wieder in den USA - in Portland, Oregon - und zwei neue Bücher bekommen. Gucci Manes The Gucci Mane Guide to Greatness (with Soren Baker, Simon & Schuster), zu Weihnachten von der Familie hier geschenkt. Und Atticus Lish' The War for Gloria (Knopf), selbst gekauft bei Powell's.

Die Familie ist inzwischen umgezogen und man versucht sich jetzt also noch mal ganz neu zurechtzufinden, im erschöpften Amerika (Homelessness, Pandemie, Fehlstart Biden, Literatur-Teil der New York Times). Irgendwie kam ich auf die Idee, den Besuch hier als Reset-Taste für mein Schreiben zu betrachten. Keine Ahnung, ob die Metapher funktioniert (ob man so eine Taste also wirklich knapp vier Wochen lang gedrückt halten kann oder ob die Maschine davon endgültig schrott geht).

Real bin ich schon froh, dass ich hier eine neue Laufstrecke gefunden habe und immer noch die New York Times im Print bekomme. Alle drei Tage laufe ich 90 Minuten (reine Schreibzeit!) auf dem César E Chávez-Boulevard. Alle drei Tage wegen meiner Knie und weil ich nicht genug Kontaktlinsen dabeihabe. César E Chávez allein wegen des Namens (keine Ahnung, wer das war, aber ich stelle mir einen mexikanischen Preisboxer oder Revolutionär vor: César E Chávez - my man! rufe ich mir selbst zu, wenn ich nicht mehr kann).

Und: gleich um die Ecke gibt es tatsächlich noch einen Supermarkt, der die New York Times hat - ein kleines Wunder, nachdem selbst Starbucks im vorletzten September den Verkauf einstellte. Gesine-Cresspahl-Style kauf ich mir also jeden Morgen die New York Times. Und schaffe es höchstens abends auf dem Klo, sie zu lesen.

Was allerdings ganz im Sinne Gucci Manes sein dürfte. Gucci Mane wurde 1980 als Radric Davis geboren, war mal wegen Koks im Knast und wurde freigesprochen, als er einen Einbrecher erschoss ("Notwehr"). Sein Fame als Rapper besteht darin, dass seine Technik noch minimalistischer und unambitionierter als die aller anderen ist: Gucci Mane rappt wie jemand, der einfach nur ganz normal redet. Sein Guide to Greatness handelt im Wesentlichen davon, dass man alles schaffen kann, wenn man es (wie er) schafft, von 300 Pfund auf 150 Pfund abzunehmen.

Am allerwichtigsten dabei: Positiv bleiben und hard work (beziehungsweise WORK HARDER). Self-esteem & the American Dream! Bedingungsloser Glaube an Bling und Bauchmuskeln (das Buch ist voller geschmackvoll bearbeiteter Insta-Pics). Lesen und Schreiben (Twitter) absolut nur, wenn man in einem positiven Mindset ist. In Guccis Fall auf dem Klo:

All my books that I read, I read them on the toilet. All the tweets that come out, that's coming from me on the toilet. I'm going to use the bathroom every day, so I'm going to tweet every day. I need something to do while I'm doing it. I find that when I read and work out, I'll feel proud enough to say something, or to deal with something negative that came out. But I don't like being a hypocrite, so I'm not going to say something unless I'm in a positivie mind state.

Während sich Gucci Mane der Upside des American Dream verschrieben hat, beschäftigt sich Atticus Lish mit der Downside. Atticus, Jahrgang 1972, ist Sohn des legendären Raymond-Carver-Lektors (oder Zusammenstreichers) Gordon Lish und wuchs ziemlich protegiert unter Autoren wie Don de Lillo auf (dem er als 9jähriger Texte für dessen Romane schrieb). Young Atticus wurde dann allerdings nach Elite-Uni-Abschluß (Mandarin-Studium) zum einzelgängerischen Dropout und schlug sich mit McJobs durch. Arbeitete ein Jahr lang mit seiner koreanisch-stämmigen Frau als Englisch-Lehrer in Chine, wurde semi-professioneller Martial Arts-Kämpfer (Gucci Mane would have been proud). Sein eigenes Schreiben verfolgte er dementsprechend maximal unprotegiert ohne jede väterliche Hilfestellung und debütierte 2014 mit Preparation for the Next Life (deutsch: Vorbereitung auf das nächste Leben, Arche 2015), das vom harten Leben chinesischer Immigranten in den USA handelte und den PEN/Faulkner-Award erhielt.

The War on Gloria ist natürlich im Gegensatz zu The Gucci Mane Guide to Greatness ein richtiges Buch. Also ein Roman, der besonders präzise und erfahrungsgesättigt bis autobiographisch von den Härten Amerikas handelt (s. New York Times-Rezension, unten verlinkt). Ein sensibler Junge wächst mit großem Selbstabhärtungs-Bedürfnis in Boston bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Der abwesende Vater arbeitet als verkanntes angebliches Genie am MIT als Hausmeister. Die Mutter schlägt sich so durch, opfert alles für den Sohn. Der wiederum pflegt sie ebenso aufopferungsvoll, als sie an ALS ("Lou Gehrig's Disease") erkrankt - wie auch Atticus Lish' tatsächliche, von Gordon Lish ebenfalls verlassene Mutter.

Der New York Times-Rezensent weist auf die autobiographischen Hintergründe des Romans ausführlich hin und empfindet sie als Stärken. Ich habe allerdings Zweifel, ob die Stelle, in der das Aussehen des Jungen beschrieben wird, tatsächlich Weltliteratur ist. Oder nicht einfach nur descriptive as hell (Salinger) - zumal wenn es um ein Alter Ego geht:

As her son grew, he began developing a sharp boyish face. To her, it evoked a primitive ax head, chipped from flint by, say, the Algonquin Indians. He had a small, round, aerodynamic cranium, like a cheetah. The front of his face — his nose, maxilla, sinuses, jaw — projected forward like a canine skull — what an anthropologist would call prognathous. His blond hair grew in a short, tight cap on his head, like Julius Caesar or Eminem. And he had freckles.

Und auch wenn mich die harte Selbststilisierung ein wenig nervt, bin ich doch gespannt, wie der "erste große Cagefighting-Roman" (New York Times) weitergeht und seine eigene Überinstrumentalisierung in den Griff kriegt.

Inzwischen bin ich auf Seite 25. Seite 25, weil ich hier natürlich auch noch mit dem eigenen Amerika-Bild kämpfe. Dafür rauche ich jeden Tag drei American Spirits und trinke Buoy-Dosenbier. Bloß nicht zu fit zu werden, um noch etwas von der mächtigen Schwäche zu spüren, mit der dieses große, unheimliche, müde Land so wenig anfangen kann.

Dabei versuche ich, mir nicht zu viele German thoughts über die Stormversorgung zu machen, die hier immer schon an fragilen Holzmasten über den Straßen hing. Ich erinnere mich lieber an die Zelte der Obdachlosen bei den verlassenen Tennisplätzen am Rande des reichen Laurelhurst Park, am Wendepunkt der Laufstrecke. Zelte, die es vor zwei Jahren noch nicht gab, und Tennisplätze, auf denen nie jemand spielt und die trotzdem jeden Abend in magisches Flutlicht getaucht sind.

An den ewigen Verkehr unter der Freeway-Brücke, über die ich zurücklaufe, alle unterwegs to God only knows where.


Amerikanisches Tagebuch: Gucci Mane VS Atticus Lish

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