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Literatenfunk

American Untergeher
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Montag, 08.01.2018

American Untergeher

American 2018, so far: Das Narrativ wird hier dominiert von Cryptocurrency und "The 45th President", dem die New York Times hier jeden Tag erschlagende 3 bis 4 Seiten widmet.

Cryptocurrency ist der neue heiße Investment-Scheiß, Bitcoins und Ripples machen ihre Anteilseigner und Gründer kurzfristig zu den reichsten Menschen der Welt, bevor der Kurs wieder einbricht, weil die Alternativ-Währung sich nicht zwischen Geld oder Aktie entscheiden kann (keiner käme angesichts des aktuellen Hypes auf die Idee, damit tatsächlich zu bezahlen). Als komplett unmathematisches Brain kann man nur versuchen, das Mindset dahinter irgendwie zu fühlen: Die Crypto-Euphorie wird angetrieben durch erstens klassisch kapitalistische Gier (hierfür empfiehlt sich noch mal "Wolf of Wall Street" zu gucken: fuck the clients, come up with another brilliant idea - fugazi, shwazi, it's not on the element of charts...), zweitens ganz universelles FOMO (Fear Of Missing Out) und drittens ein komisches Dissidententum, sich selbst einzureden, mitten im Money-Mainstream irgendeine Rebellen-Position gegen das abgefuckte System einnehmen zu können (in diesem Fall die Schweine-Banken).

Hier trifft sich der Crypto-Hype mit der aktuellen politischen Lage: die althergebrachte Börse ist ebenso zu langweilig bis korrupt geworden wie das althergebrachte Parteiensystem. Lasst uns neue, spannendere, noch korruptere Typen wählen: Trump, Macron, May, diesen tschechischen Mini-Trump. Trump erfüllt derweil alle Anforderungen an einen zentralen Thomas Bernhard-Charakter auf Crack: In der aktuellen New York Times geht es im Windschatten von Michael Wolffs überall ausverkauftem Bestseller "Fire and Fury: Inside the Trump White House" (zentrale These: Trump ist der unfitteste Präsident aller Zeiten und wollte es auch gar nicht werden, sondern die Wahl nur möglichst knapp verlieren, um dann als weltberühmter Investor weiterzumachen) um die Frage seiner geistigen Gesundheit. Reichen seine Nordkorea-Finger-on-the-Button-Tweets für ein Impeachment? Den Vorwürfen begegnete er mit einer Pressekonferenz auf Camp David, bei der sich die traurigen Reste der Republikanischen Partei hinter ihm aufstellen mussten (ein noch traurigerer Haufen als die deutschen Jamaika-Verhandler auf den kursierenden Gruppenfotos vom letzten Herbst), während er sich als "Stable Genius" bezeichnete.

Die New York Times berichtet auf ihrer Sunday-Titelseite über den "Unusually Intense Focus on the Condition of a President's Mind":

"Actually, throughout my life, my two greatest assets have been mental stability and being, like, really smart", he added. He said he was a "VERY successful businessman" and television star who won the presidency on his first try. "I think that would qualify as not smart, but genius ... and a very stable genius at that!"  

Ein Freund, der sich in "Fire and Fury" im Umfeld von Steve Bannons und Rupert Murdochs Vernichtungen (POTUS dumm wie Exkrement) missinterpretiert fühlt, versucht den Dingen um Donald einen sophistischen Spin zu geben:

"Potus has learned over time that Socratic testing and a lack of predictability is a worthy weapon in both negotiations and in keeping his Team well honed, unentitled and on alert", he said, using the initials for President of the United States. "He has no truck with political correctness, self-promotion or personal hubris of his team. This may cause him to appear at times to be overly realistic, blunt or to be politically insensitive even to his own subordinates."

Ein Autor eines Buches namens "Twilight of American Sanity: A Psychiatrist Analyzes the Age of Trump" weist dagegen darauf hin, dass schlechtes Benehmen noch keine Geisteskrankheit ist:

"He is definitely unstable. ... He is definitely impulsive. He is world-class narcissistic not just for our day but for the ages. You can't say enough about how incompetent and unqualified he is to be leader of the free world. But that does not make him mentally ill."

Um sich von dieser journalistischen Volldepression zu erholen, zu der sich das dauernde Berichten über Trump für die New York Times ebenso ausgewachsen hat wie zu einem gnadenlosen Erfolgsmodell (Millionenzuwächse im Abo-Bereich, vor allem online), entdeckt man hier am besten Old Bernhard neu auf Englisch: "Der Untergeher" als "The Loser". Das Buch beginnt mit einer "Translater's Note" von Übersetzer Jack Dawson, selten wurde Bernhards Stil aus der transatlantischen Distanz besser auf den Punkt gebracht:

For English-speaking Readers approaching a novel by Thomas Bernhard for the first time, a word about his somewhat peculiar orthography and punctuation may be in order. Bernhard's sentences are very long, even for a German reader accustomed to extended, complex sentence constructions. Further, the logical transitions between clauses ("but", "although", "whereas") are often missing or contradictory, and the verb tenses are rarely in agreement. Bernhard's frequent and unpredictable underlining also defies conventional usage. Sometimes he italicizes the title of Bach's compositions, sometimes he treats them like a common noun. On the other Hand, he often gives the names of Restaurants, towns, pianos and People an emphasis that conventional German and English orthography exclude. These and similar oddities have been rigirously maintained in the present translation as the reflection of Bernhard's characteristic voice."

Dann geht es mit genau dieser wunderbaren Rigorosität los:

Suicide calculated well in advance, I thought, no spontaneous act of desperation. 

Even Glenn Gould, our friend and the most important piano virtuoso of the century, only made it to the age of fifty-one, I thought to myself as I entered the inn ...

Selbstmörderisches Zusammendenken weiterer Krisen-Herde aus dem Nordkorea unseres Roman-Verständnisses von Welt morgen auf dem Rückflug. Jetzt muss ich weiter mit unseren Gastgebern über Cryptocurrencies und den Red Carpet bei den Golden Globes reden.   

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