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Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Freitag, 15.01.2021

American Abyss: Ausnahmezustand, Homeland Elegien

Mittwochabend rief mich mein alter Freund W. an, der sich in eine finnische Hütte zurückgezogen hat, um ein Zwischenbuch zu schreiben, das er irgendeinem Stipendium schuldet. Wir jammerten ein wenig über pandemische Perspektivlosigkeit und das Wetter (bei ihm waren minus 25°, bei mir kam ein Wintergewitter runter) und fragten uns dann, was wir gerade lesen. W. hatte sich gerade noch mal Bolaño reingezogen (2666, logisch). Und ich erzählte ihm von meinen momentanen Leseabenteuern am amerikanischen Abgrund (zuvor hatten wir uns beide darüber beschwert, dass uns der verdammte Sturm aufs Capitol auch schon wieder zwei Lese-Tage gekostet hatte).

Ich tat es auf meine neue maulfaule Art (vgl. auch Wintergeschichte mit Tischtennis), so dass ich gleich wieder ein schlechtes Gewissen gegenüber den drei von mir gelesenen Texten bekam, die alle drei hervorragend in die Zeit passen und vielleicht sogar zusammengedacht gehören:

Da ist zunächst American Abyss (s. Link unten), ein Essay aus dem New-York-Times-Magazine von dem Historiker Timothy Snyder über den Sturm aufs Capitol, Trumps "große Lüge" (dass er die Wahl gewonnen hätte) und die Folgen. Snyder spricht nicht nur bemerkenswert klar und deutlich von Präfaschismus und Post-Truth (eins zu eins ungefähr so schwer ins Deutsche zu übersetzen wie Postmoderne). Er führt auch für die Republikaner unter Trump zwei Kategorien ein: die Gamer (wie Mitch McConnell) und die Breaker (wie Ted Cruz). Die Gamer wollten immer nur in Trumps Windschatten ihre eigene Politik durchziehen (und fallen gerade von ihm ab). Die Breaker hingegen halten noch zu ihm, bezweifeln und bekämpfen mithilfe seiner "big lie" das System insgesamt (es sei denn, sie werden selbst Präsident).

Diese beiden Kategorien fand ich beim Lesen von Ayad Akhtars Homeland Elegien (Ullstein, Deutsch von Dirk van Gunsteren) sofort hochliterarisch. Denn dieses Buch der Stunde will so etwas wie ein Hybrid aus Familienroman und Autobiographie, Gamer (innerhalb des Fiktionsvertrags) und Breaker (des Authentizitätspakts) sein. 

Es beginnt furios mit dem Befund, dass die USA immer eine Kolonie geblieben seien, deren Herrscher das American Ego ist, dem das Land zur Plünderung anheimgegeben sei. Akhtars Eltern sind Immigranten aus Pakistan, sein Vater ein Herz-Spezialist, der Trump auf dessen Tiefpunkt (geschieden, verschuldet, verfettet) behandelt und zu dessen Fan wird. Während der Sohn sich spätestens ab 9/11 nur noch als entfremdeter Amerikaner fühlt, aber darüber ein Stück schreibt, das den Pulitzerpreis bekommt. Und dann nach der Trump-Katastrophe 2016 beschließt, diesen Roman zu schreiben. Die Homeland Elegien über den Abstieg der USA lesen sich meistens furios verdichtet, schwächeln aber immer ein bisschen, wenn der Autor seinen etwas snobistischen Hang zum Theoretisieren von der Leine lässt oder sich im Namens-Gestrüpp der pakistanischen Verwandtschaft verliert.

Und ebenso spannend wie hochproblematisch bleibt die Hybrid-Form, die Peter Kümmel im ZEIT-Interview mit dem Autor "riskanter als Knausgård" fand: Ob es stimme, dass sein Vater Trump behandelt hat? – "Kein Kommentar." – Willkommen in der Prost-Truth.

Den Beginn dieses amerikanischen Ausnahmezustands zeichnet James Sturm hervorragend in seiner Graphic Novel (Reprodukt, aus dem Englischen von Sven Scheer) nach. Sein Antiheld Mark ist frisch geschieden und schlägt sich als Zimmermann so eben gerade durch, um seine beiden Kinder an den Wochenenden zu haben. Es ist der fatale Wahlherbst 2016: seine besserwisserische Ex-Frau ist glühende Hillary-Anhängerin, der unzuverlässige Chef Mick fährt mit Bernie-Sanders-Sticker auf seinem fetten BMW durch die Gegend. Mark überlegt, wen er wählen soll. Etwa Trump, "der ist wenigstens noch sein eigener Herr"... ?!?

Noch besser als das gelungene Herunterbrechen des Politischen aufs Private gefällt mir allerdings Sturms toller V-Effekt, einen Richard Ford-Realismus zu brechen, indem er alle Protagonisten als Hunde zeichnet. Man kann diese erzählerische Kühnheit nicht hoch genug loben und denkt natürlich sofort an die Peanuts oder Tha Dogg Pound ...

Die New Yorker Hip-Hop-Posse kennt W. auch noch ("... mit Nate Dogg, oder?") und dann freuen wir uns darauf, dass Bayern gleich in ihren lächerlichen Antirassismus-Pokaltrikots (designed by Pharell Williams) gegen Kiel rausfliegen wird. Und hoffen, dass es am Wochenende in Amerika keine neuen riots geben wird.

American Abyss: Ausnahmezustand, Homeland Elegien

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