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Literatenfunk

Als das Mädchen zum Mann wurde
Jan Brandt
piqer: Jan Brandt
Donnerstag, 31.03.2016

Als das Mädchen zum Mann wurde

In den vergangenen Jahren haben Kritiker Aufsehen erregende Bücher veröffentlicht, in denen sie die Geschichten hinter den Büchern erzählen. Geschichten, in denen es um Liebe und Hass geht, um Macht und Stolz und Vorurteile, Verzweiflung und Glück. Geschichten voller Ideen, die nie verwirklicht wurden, und solchen, die verwirklicht wurden, aber besser Idee geblieben wären. Geschichten, in denen es um Leben und Tod geht, um Vernichtung und Hoffnung und Sehnsucht nach Anerkennung. Maike Albaths Der Geist von Turin über EINAUDI, einen der bedeutendsten italienischen Verlage, Volker Weidermanns Erzählung über Stefan Zweigs und Joseph Roths Sommer am Strand, Ostende, Helmut Böttigers Monographie über die Gruppe 47 und jetzt Jörg Magenaus Mikroskopie eines literarischen Ereignisses: Princeton 66 – Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47.

Das Tolle an all diesen Büchern ist, dass sie sich wie Romane lesen lassen, dass man ihnen die langjährige Forschungs- und Schreibarbeit nicht anmerkt, dass sie ganz ohne akademischen Ballast auskommen und doch in die Tiefe gehen. Jörg Magenau erzählt chronologisch und anachronistisch zugleich. Er beginnt mit der legendären Tagung an der Ostküste der USA, greift aber immer wieder über diese Begebenheit hinaus, seine Darstellung reicht von der Vergangenheit in die Zukunft, von Hans Werner Richters Gruppengründungsmythos am Bannwaldsee bis hin zu Günter Grass’ Waffen-SS-Enthüllung. Im Zentrum jener Tagung vor fünfzig Jahren steht aber ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller, ein junger schmächtiger Mann aus Österreich, halblange Haare, Hornbrille, Oberlippenbärtchen, Prinz-Heinrich-Mütze, den einige Teilnehmer, weil er zunächst so schüchtern auftritt, nur „das Mädchen“ nennen: Peter Handke.

Dieses Mädchen wird sich gegen Ende der Zusammenkunft zu Wort melden und die versammelte männliche Literaturprominenz in einer mehr gestammelten als aggressiv vorgetragenen Rede grundsätzlich infrage stellen. Die Regeln für die Tagungen sind streng. Kritik darf nur am Text selbst geübt werden, keine Grundsatzdebatten, weder politische noch literarische. „Seltsames Phänomen“, konstatiert Magenau: „Kritik darf fundamental wirksam sein, wenn sie dabei innerliterarisch bleibt (und nur dann ist sie fundamental), doch sie darf diesen Raum nicht verlassen, denn dann wäre sie ein Politikum (obwohl sie damit viel schwächer wird).“ 

Als Peter Handke den alten Herren also „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf, war allein das schon ein Tabubruch, den sich anwesende Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Hans Mayer nie erlaubt hätten. „Man sucht sein Heil in der bloßen Beschreibung“, sagte Handke damals, „was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt nur Literatur machen kann.“ Magenau zeigt, dass Handke mit seiner Kritik auch sich selbst traf, denn seine eigene Schreibweise unterschied sich anfangs kaum von der, die er anzugreifen meinte.

Princeton 66 ist aber mehr als ein Bericht über den damaligen Literaturbetrieb, es beschreibt am Beispiel einer intellektuellen Elite, wie gesellschaftliche Ereignisse auf Menschen einwirken, zu welchen Verbindungen und Verwerfungen sie führen, zu welchem Versagen und zu welcher Kraft. Einige bekamen nach dieser Tagung nichts mehr hin, andere wie Handke wurden zu literarischen Popstars. Princeton 66 ist das Vorspiel für das Ende der wichtigsten bundesrepublikanischen Clique und für die sozialen Umwälzungen des Jahres 1968. Magenau komponiert aus den Quellen das große Tableau einer prärevolutionären Zeit. 

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