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Literatenfunk

Alfred Wellm: Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Samstag, 20.01.2018

Alfred Wellm: Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar

Alfred Wellm war für mich der Autor von "Das Pferdemädchen", eines Jugendbuchs, von dem es eine sehr gelungene DEFA-Verfilmung gibt, still und poetisch, wie man es bei Kinderfilmen heute nur noch selten findet. Beim Vorlesen dieser Geschichte über eine gealterte Stute, die unverhofft noch einmal ein Fohlen bekommt, habe ich viel Pferde-Fachwortschatz gelernt, denn Wellm wußte, wovon er sprach, er hat die meiste Zeit seines Lebens in Mecklenburg auf dem Dorf gelebt. Wer nach der versehentlichen Lektüre des Pferde-Comics aus der Medizini dachte, daß ihn die mysteriöse Beziehung zwischen Mädchen und Pferden nichts angeht, sollte es einmal mit "Das Pferdemädchen" versuchen. "Pause für Wanzka", Wellms 1968 erschienenen Roman für Erwachsene, wollte ich eigentlich schon aussortieren, habe vorher aber doch noch einen Blick hineingeworfen, mit dem Ergebnis, daß er nun einen Ehrenplatz bei mir bekommen wird statt in der Bücherkiste im Hausflur zu landen. Wie schade, daß ich dieses Buch nicht schon in der DDR gekannt habe, man hätte damit den Deutschunterricht aufmischen können! Gustav Wanzka, Jahrgang 1900, ist ein Naturmensch, sein Großvater war Fischer am Haff und hatte sein Weltwissen aus drei Lexikonbänden, die er besaß, was in seinem Dorf schon etwas Besonderes war. (Die Mecklenburgische Landschaft spielt im Roman eine wichtige Rolle, man liest von Quitschbeeren, Tremsen, Wasserminze, Leierschwalben, Feuerschwalben, Eulen, sogar die Sprosser-Nachtigall-Thematik kommt zur Sprache. Wanzka selbst hat schon mit fünf Jahren Krähen gefangen und ihnen das Genick durchgebissen.) Wanzka ist aber auch Lehrer aus Berufung, ein Lehrer, wie man ihn mit Glück wenigstens einmal in seiner Schulkarriere erleben darf. Seine Frau und er konnten keine Kinder bekommen, umso intensiver haben sie sich um einen mathematisch hochbegabten Schüler gekümmert, der später im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. (Der Rektor hatte Wanzka wegen seiner Ambitionen für den Jungen angezählt, er würde "einen Sproß aus dem 'ihm naturgemäßen Stand' schneiden.") Damals hatte Wanzka sich geweigert, den Antrag für Aufnahme in den NS-Lehrerbund zu unterschreiben und war deshalb von der Schule geflogen. Er war sich aber nicht sicher, ob er richtig gehandelt hatte, denn vielleicht wäre es ja besser gewesen, sich zu fügen, um wenigstens die Klasse nicht zu verlieren, die er nun nicht mehr beeinflussen oder abschirmen konnte (vor solche Entscheidungen möchte man nicht gestellt werden). In der jungen DDR war Wanzka lange Kreisschulrat, aber mit 61 Jahren möchte er noch einmal in einer Kleinstadtschule eine Klasse übernehmen und Mathematik unterrichten. Er liebt den Geruch, den eine Schulklasse verströmt und er liebt es, die Geheimnisse der Kinder zu ergründen. ("Jedes Kind hat seinen guten Stein. Es geht nur darum, ob man ihn entdeckt.") Ein bißchen Hybris ist durchaus dabei: "Ich rede mir ein, daß ich in jede Kinderseele blicken kann." Wanzka hat offenbar Probleme mit antrainierter Disziplin, die ihn, das hört man durch, fatal an die Nazizeit erinnert. Er verbittet sich das "Achtung!" am Beginn der Stunde. Er will nicht, daß die Kinder (wir haben das immer getan) am Ende der Stunde auf sein Kommando warten, um die Klasse zu verlassen: "Ich werde euch nicht sagen, wann ihr eine Tür aufmachen müßt." Einmal öffnet er im Unterricht das Fenster und läßt die Kinder dem Geräusch des Regens lauschen. Als er sich genauer ansieht, was der verschüchterte "starke Grimkus", ein besonders schwächlicher Jungen, immer auf sein Löschblatt kritzelt, schreibt er eine Eins daneben, weil er die Pferdeköpfe gelungen findet. Die fünfte Klasse, die er übernommen hat, wird von den anderen Lehrern aber als undiszipliniert eingeschätzt, tatsächlich fallen ihm die Kinder mit ihrem Verhalten in den Rücken, aber es ist ganz klar, daß sie die anderen Lehrer schon deshalb nicht respektieren, weil diese sie ja auch nicht respektieren, sondern in ihnen "Zöglinge" sehen. Vor allem Seiler, der Sportlehrer mit den weißen Leinenschuhen ("Und der Fuß pendelte so geschäftig unter dem Fenstersims"), der gerne das Lineal auf die Tischplatte knallt, um für Ruhe zu sorgen. ("Wir waren alle einmal jung, aber wir kannten etwas, dieses Etwas nannten wir Pflichtgefühl.") Daß die Schüler bei ihm diszipliniert sind und sich mit rechtwinkligem Arm melden, wird allgemein als Erfolg gewertet. "Sie halten den Ellbogen auf die Bank gestützt, wenn sie sich melden, den Unterarm schräg hochgerichtet, den Daumen dicht an die steile Hand gedrückt. Und alle melden sich auf die gleiche Weise. Der Unterarm klappt herunter und liegt flach auf der Bank." (So, war uns von einer Lehrerin berichtet worden, meldeten sich angeblich sowjetische Schüler, wir fanden das lächerlich roboterhaft.)

Zu Wanzkas neuen Zirkel "Junge Weltraumfahrer" (nein, nicht "Club der toten Dichter"), mit dem er die Kinder einfangen will, kommen nur Norbert Kniep und der starke Grimkus, und der läßt sich in der nächsten Woche auch noch mit einer Mandelentzündung entschuldigen, denn Seiler spielt gleichzeitig mit den Kindern Feldhandball. Und Grimkus?

"Er stand drüben an der Seitenlinie, und er hatte nicht einmal die Mütze auf und gar nichts um den Hals. Der starke Grimkus spielte auch nicht mit, er stand nur da und fror ein bißchen. Doch manchmal kam der Ball geflogen und flog über seine Seitenlinie und schlug hart auf die Aschenbahn. Dann lief der starke Grimkus, er rannte nun, so schnell er rennen konnte, und holte jenen Ball zurück."

Eine quälende Szene, Grimkus, den Seiler vor jeder Unterrichtsstunde zum Pult kommen und vor der Klasse Liegestütze üben läßt, darf beim Handball den anderen nur den Ball holen, zieht das aber trotzdem Wanzkas "Jungen Weltraumfahrern" vor.

In Wanzkas Klasse gibt es Klausgünther, der die besten Noten schreibt, Wanzka aber mit seinem "kleinbürgerlichen" Strebertum (er trägt den Lehrern ihren Stuhl ans Pult) nicht geheuer ist und Norbert Kniep, der aus dem Dorf Domjüch-Mühle kommt, Kinder von dort gelten traditionell als Problemfälle. (Die Musterklasse ist dagegen die "Heimklasse", mit Kindern aus dem Kinderheim. Man kann sich denken, warum sie so diszipliniert sind.) Wanzka lernt Norbert kennen, als am Bahnhof Eisenbahner hinter ihm her sind, weil er sich auf den Gleisen herumgetrieben hat, um sich die Lokomotiven von Nahem anzusehen. Norbert ist mathematisch hochbegabt (was erst einmal jemand bemerken muß), in Wanzka weckt das den Traum, noch einmal ein Kind fördern zu können, und diesmal soll es nicht tragisch enden. Er verbringt seine Nachmittage mit ihm, sie spekulieren über die Neigung der Erdachse, lösen Aufgaben, gehen im Steinbruch Fossilien suchen und üben Geige. Bei allen anderen Lehrern gilt Norbert als verstockt und aufsässig, er sagt kaum ein Wort, beißt aber Seiler in die Hand, als der ihm das Sporthemd ausziehen will. Dafür wird er beim Fahnenappell vor der versammelten Schule gerügt. Er muß nach vorne treten und der Pionierleiterin sein Halstuch übergeben, das er bis zu den Herbstferien nicht mehr tragen darf. (Eine meiner Mitschülerinnen mußte einmal der Leiterin der Kaufhalle ihr Halstuch bringen, weil sie in der Hofpause beim Ladendiebstahl erwischt worden war. Heute ist sie Lehrerin.)

Der Roman schildert die Ereignisse in langen Rückblenden, wir lesen Wanzkas Aufzeichnungen, mit denen er begonnen hat, als er, wie wir nach und nach verstehen, frustriert von den Feindseligkeiten und der Engstirnigkeit seiner Kollegen, in den Ruhestand gegangen ist. Die Stimmung war immer mehr gegen ihn gekippt, von den Lehrern, die im Lehrerzimmer eine Rolle spielen, waren die meisten gegen Wanzkas Methoden. Es geht um entscheidende ideologische Fragen, will man Individuen erziehen oder Kollektivwesen? (Wanzka: "Nein, so primitiv und dürftig ist der Sozialismus nicht!") Daß Norberts Schulatlas so zerfleddert ist, spricht für die einen für seine schlechte Einstellung, Wanzka, der weiß, daß Norbert stundenlang auf einem Felsstein sitzen und den Atlas lesen kann, sagt: "Nach meiner Meinung soll er drei Atlanten jedes Jahr aufbrauchen." Wanzkas Vorbehalte gegen die DDR-typischen (aber war die Schule im Westen damals liberaler?) Routinen gehen tief. Er mag z.B. keine Berichte über Schüler "das Wichtigste hat den purpurnen Mantel um, so ist es unantastbar für Berichte."

Wellm schreibt einen klaren, aber durchaus anspruchsvollen Stil, denn vieles wird nur angedeutet. Wenn die Lehrer im Lehrerzimmer (es ist der Herbst '61) reden und es heißt: "Es ging um jene Tage im August, um Ökonomie, um Strategie, um Stacheldraht", dann sagt allein das Wort "Stacheldraht" schon mehr als damals üblich war. Er kann mit sprachlichen oder mimischen Details, die schon fast idiosynkratisch wirken, Personen charakterisieren. Das macht sich natürlich bei Lehrern besonders gut, deren Berufskrankheit es ja ist, zum Original zu werden. Kollege Stier leidet z.B. unter einer chronischen Pneumonose und muß immer gähnen, was die Kinder dankbar aufnehmen, um sich über ihn lustig zu machen. Seine Berufserfahrung gipfelt in dem Satz: "Die Moneten kriegt man für die fünf Grießköppe in der Klasse, die anderen fünfundzwanzig Figuren spürt man nich. Is doch so!"

Seiler stellt sich quer, als Wanzka Norbert zur Mathematikolympiade delegieren will, er hält ein Plädoyer dagegen, denn es fehle ihm die Einstellung und ohne die sei die Leistung nichts wert. Später wird ihm der Abitur-Platz verwehrt, den Klausgünther natürlich bekommt. In der Versammlung, in der über die Anträge abgestimmt wird, geht Wanzka, der im übrigen auch eifersüchtig auf Seilers Verlobte, eine junge Kollegin, ist, so weit, Seiler vorzuwerfen: "Du haßt hier jeden Schüler, der ein Maß klüger wird als du." Kein Wunder, daß, wie man liest, Margot Honecker, die berüchtigte DDR-Volksbildungsministerin, das Buch verbieten wollte, angeblich hat Walter Ulbricht es, um Margots nach der Macht greifenden Mann zu ärgern, persönlich genehmigt. Es konnte erscheinen, mit einem vom Autor bewußt ziemlich grob angeklebten, versöhnlichen Schluß, in dem Wanzka mit Norbert in ein Mathematik-Sommerlager fährt, wo er an einer Olympiade teilnimmt und ein Uni-Professor anschließend Norberts Aufnahme an die Berliner Heinrich-Hertz-Spezialschule für Mathematik bewirkt. Der Gegenwind war trotzdem heftig, der Roman wurde in einer Kampagne der Deutschen Lehrerzeitung angegriffen. Ehemalige Kollegen von Wellm, der ja selbst Neulehrer und Schulrat gewesen ist, feindeten ihn an. Er hatte mit einer Depression zu kämpfen, seine Ehe ging in die Brüche. (Erst 1990 durfte das Buch verfilmt werden, mit Kurt Böwe in der Hauptrolle.) In den 80ern hat der langsam schreibende Wellm noch einen bedeutenden Spät-DDR-Roman über einen gescheiterten Architekten geschrieben "Morisco", den ich jetzt auch lesen muß, wie auch seinen Ostpreußen-Fluchtroman "Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr". Anläßlich der Neuauflage von "Morisco" im Hinstorff-Verlag gab es einen kurzen Filmbericht, in dem man eine alte Aufnahme von Wellm sieht, der damals schon ziemlich desillusioniert wirkt, was die DDR betrifft.

In "Alphabet", einer Dokumentation des Regisseurs von "We Feed the World - Essen global", wird versucht zu ergründen, warum die Schule, wie wir sie kennen, Kindern systematisch ihre angeborene Neugier und Freude am Lernen austreibt. (Mit der von ihm bekannten Detailliertheit hat Nicholson Baker genau das in "Substitute" für seinen US-Bundestaat Maine beschrieben.) Wenn man die Argumente gehört hat und trotzdem der Meinung ist, daß Kinder zur Schule gehen sollten, macht man sich natürlich Gedanken, wie Schule sein müßte, damit Kinder dort mit Freude ihr Potential entwickeln können, statt vor allem zu lernen, wie man mit möglichst wenig Aufwand durchkommt. Die einen sind für weniger faktenbasierten, abrechenbaren Wissenserwerb, die anderen wollen genau das wieder einführen ("In Bayern wird wenigstens noch gelernt!") und glauben an die Aussagekraft von Schulnoten und Pisa-Tests. (Norbert hat eine Vier in Musik, obwohl er Geige vom Blatt spielt). Was den Wissenserwerb betrifft, denke ich, daß die Schule an die meisten Schüler verschenkt ist, sie haben in dem Alter ganz andere Probleme. Man sollte mit 40 zur Schule gehen dürfen, freiwillig und mit dem Wissen, wozu man das alles lernt (oder es eben läßt). Die Kinder bräuchten vor allem mehr Lehrer wie Gustav Wanzka (die es eben auch in der DDR gab.) Ich bin mir aber nicht sicher, ob Wanzka es heute leichter hätte mit der Mehrheit seiner Kollegen und vor allem, was noch trauriger wäre, mit den ehrgeizigen Eltern der Kinder.

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