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Literatenfunk

Alexander Solschenizyn „Matrjonas Hof"
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 14.03.2017

Alexander Solschenizyn „Matrjonas Hof"

Wenn man die orangefarbenen, zweisprachigen Ausgaben russischer Literatur aus dem Reclam-Verlag liest, hat das etwas von Theater-Abo. Man lässt sich überraschen und vertraut der Auswahl, die ein anderer für einen trifft. In diesem Fall tut man aber gut daran, denn die Reihe war früher so gut kuratiert, dass mich praktisch jeder Text, den ich hier gelesen habe, begeistert hat. „Erste Liebe" von Turgenjew, „Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk" von Leskow, Gogols „Mantel", Nabokov-Erzählungen, Tschechows Depressions-Gleichnis „Der Schwarze Mönch", die überwältigend-schöne moralische Fabel „Herr und Knecht" von Tolstoi, irgendwann habe ich einfach alles gelesen, was erschienen ist. Schade, dass es in dieser Reihe nur noch selten neue Titel gibt. Wahrscheinlich ist das Format nicht mehr zeitgemäß, da man heute auch einfacher an Originaltexte kommt und mit dem E-Reader Wörter leicht nachschlagen kann. Ein Text, den ich ohne diese Reihe nie gelesen hätte, ist „Matrjonas Hof" von Solschenizyn. Diesen Autor habe ich, völlig zu Unrecht, eher für einen mutigen Dissidenten gehalten als für einen großen Schriftsteller, da die Rolle als Dissident, ähnlich wie bei Vaclav Havel, einfach so dominant war. Aber schon diese eine Erzählung, die 1963 in Moskau erschienen ist, ein Jahr nach dem Debutroman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", beweist mir das Gegenteil. Es ist eine Art Heiligengeschichte aus dem tiefsten Russland. Der Erzähler befindet sich 1953 in einer ähnlichen Lebenssitation wie Solschenizyn zu dieser Zeit, er kommt aus dem Lager in der Wüste Kasachstans, was unmissverständlich angedeutet wird. Aber dass im Land eine neue Zeit anbricht, sieht er daran, dass die Schulverwaltung nicht mehr hinter einer lederbespannten Tür residiert, „sondern hinter einer verglasten Trennwand, wie in einer Apotheke". Er hat nur den einen Wunsch, sich fern der Stadt auf dem Dorf, im innersten Russland, wenn es das noch gibt, zu verkriechen, als Lehrer zu arbeiten, die Natur zu genießen und dort irgendwann zu sterben. Er bekommt eine Stelle an der Station „Torfoprodukt" zugewiesen, schon die erste alte Frau, der er hier Milch abkauft, rührt ihn an mit ihrer Redeweise: „Es war kein Sprechen, sondern ein innig rührender Singsang, und ihre Worte waren eben jene, nach denen ich mich in Asien gesehnt hatte." Er mietet sich bei der 60-jährigen Matrjona ein, obwohl es bei ihr schmutzig ist (aus dem Essen klaubt er gelassen mal ein Haar, mal ein Stückchen Torf oder ein Schabenbein) und nachts hinter den Tapeten, die sich von den Wänden lösen, Kakerlaken und Mäuse rascheln: „Doch ich gewöhnte mich daran, denn es war nichts Böses an ihnen, kein Arg. Das Geraschel war ihr Leben." Er ist sofort fasziniert von etwas in Matrjonas Art, einer Einfachheit, aufrichtigen Güte und Herzlichkeit, die sich auch in ihrer Sprache ausdrückt (wovon ich mir leider nur ein vages Bild machen kann, weil mein Russisch nicht gut genug ist, um die regional gefärbte Sprache zu beurteilen. Trotzdem wird deutlich, wie lakonisch, idiomatisch und zupackend-naiv sie sich äußert). Matrjona wird ein Opfer ihrer Gutherzigkeit, da sie niemandem abschlagen kann, für ihn zu arbeiten, auch wenn sie kaum dafür entlohnt wird und man sie auf dem Dorf, wo der Überlebenskampf hart ist und man keine Energien verschwendet und nichts zu verschenken hat, ob ihrer Hilfsbereitschaft eher für dumm hält. Nach und nach erfährt der Erzähler mehr über ihr Schicksal, das von einer tragischen Liebesgeschichte geprägt ist. Ihre große Liebe Faddej lebt noch, in einem Nachbardorf. Er war im Ersten Weltkrieg verschollen, weshalb sie seinen Bruder heiratete, der dann im Zweiten Weltkrieg blieb. Und Faddej heiratete eine andere Matrjona und behandelte sie schlecht. Und nun will er für eine seiner Töchter - Matrjonas sechs Kinder sind alle früh gestorben - die Hälfte von Matrjonas windschiefem Holzhaus haben, einfach abbauen und mitnehmen. Ein Vorhaben, das wegen der Habgier der Beteiligten zu einer großen Katastrophe führt. Der Erzähler beobachtet die Menschen wie ein Ethnologe (z.B. die „Politik" der Klageweiber, ihre Melodien, die geheimen Botschaften und auf den Nachlass geäußerten Ansprüche, die in ihren Klagen mitschwingen). Für ihn ist das Beste an Russland hier noch lebendig, in Menschen wie Matrjona, und er hofft, dass solche Menschen irgendwann das Land wieder gesund machen können. Er hat einen fast religiösen Glauben an das Gute, an die Liebe zum Leben, an einen „gesunden Kern an Menschen", der im tiefsten Russland überdauert und schildert daneben die Brutalität des dörflichen Lebens, wo schon am Morgen nach dem Tod die Verwandten kommen und um den Nachlass der Verstorbenen zanken (das Geld für ihre Beerdigung hatte sie längst in ihren Mantel eingenäht), selbst wenn der nur aus einer alten Ziege und ein paar Lumpen besteht. In manchen Bildern kommt beides zusammen, das Anrührende und das Brutale, so, wenn die Nachbarinnen die Leiche der Verunglückten Matrjona in ihre Stube tragen und sagen: „Das rechte Händchen hat ihr der Herrgott gelassen. Wird im Jenseits zu Gott beten können …" Die etwas einfache, ungebildete, ungepflegte Matrjona erweist sich als utopische Ressource. Oder ist das romantisiert? Dass die Menschen auf dem Dorf nicht einfach „schön" sind, wird mehr als deutlich, Habgier, Suff, Rohheit regieren. Immer wieder geht es in der russischen Literatur darum, dass Russland keine Heimat ist, sondern ein Schicksal: „Die Rede kam auf Matrjonas spurlos verschwundenen Mann, und der Mann der Schwägerin schlug sich gegen die Brust und beteuerte mir und dem Schuster, dem Mann einer Schwester Matrjonas: 'Tot ist Jewfim, tot! Wäre der denn sonst nicht zurückgekommen? Ja, selbst wenn ich weiß, in der Heimat wird man mich hängen, selbst dann kehre ich zurück!' Der Schuster nickte beifällig." An Matrjona ist etwas Echtes, fast schon Mystisches, das sich nicht beschreiben lässt. Ihr Lächeln verkrampft sofort, wenn der Erzähler es fotografieren will, eine kalte Maschine wie ein Fotoapparat kann so etwas Echtes wie ein Lächeln natürlich nicht festhalten. Und genauso hat sie selbst ein Gespür für das Echte. Aus dem Radio des Erzählers hört sie einmal Schaljapin singen und kann damit nichts anfangen, das klinge „seltsam, wie der singt, nicht wie unsereins" („nje po-naschemu"), während sie, als einmal Volksweisen von Glinka laufen, mit tränenfeuchtem Gesicht sagt: „Das da - das ist so wie unsereins …" Ein Text, so russisch, wie er nur sein kann, der in der Tradition großer russischer Erzähler steht, die ganz realistische, einfache Geschichten schreiben und dabei weit darüber hinauszielen: „Wir alle haben neben ihr gelebt und nicht begriffen, dass sie jene Gerechte war, ohne die, wie das Sprichwort sagt, kein Dorf bestehen kann. Und keine Stadt. Und nicht unser ganzes Land."

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