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Literatenfunk

Alexander Kluge wird 85
Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Dienstag, 14.02.2017

Alexander Kluge wird 85

Als ich das erste Mal Alexander Kluge gelesen habe, war ich 19 und noch ganz besoffen von meiner ersten, extensiven Adorno-Lektüre. Kluge zu lesen, war im Umfeld der Kritischen Theorie nahe liegend, aber es war auch ein Ausweg aus dem apodiktischen Tonfall, den die Philosophie mit sich bringt. Kluges Ironie und sein Optimismus passen nicht so recht zu Adornos negativer Ästhetik, egal wie sehr Kluge das durch die Loyalität, die ihn auszeichnet, zu kaschieren versucht. Jeder philosophische Ansatz wird in der Literatur zu einer von vielen Perspektiven. Im Erzählen löst sich die These auf und wird zur Beobachtung.

Kluge war jemand, der mir zeigen konnte, dass alles interessant sein kann: Jedem Phänomen der Welt lässt sich mit Erkenntnisinteresse begegnen, noch aus dem größten Unsinn kann man, begreift man ihn als Lernmittel, etwas ziehen. Kluge kann im einen Moment über eine Kinderstube der Vierziger reden, im nächsten über die Napoleonischen Kriege, dann über Kants dritte Kritik und gleich ist er wieder bei den Sternen und wechselt in spinöse Fragestellungen. Aber es nervt nicht, das ist das Schöne, weil es nicht beflissen ist, nervt es nicht.

Ich las in seiner Chronik der Gefühle, dann in seinen anderen Büchern, die ich oft kurz nach Erscheinen kaufte, ich sah mir fast alle seine Kinofilme an und bald konnte ich seine Interviews mit Heiner Müller synchron parodieren. So war das zwei, drei Jahre lang. Schließlich war ich unvermeidlich übersättigt und es hatte sich wieder mit Kluge, weil sich alles irgendwann hat. Über die Jahre hatte ich dann den Eindruck, dass ich seine nächsten Veröffentlichungen ungefähr vorhersagen könnte: Immer aktuell, gegenwartsoffen, immer schön, dass er weiterhin das macht, was er macht, aber für mich eben nicht mehr überraschend.

Letztes Jahr ist mir Alexander Kluge wieder begegnet und sehr schnell ist das alte Gefühl der Vertrautheit zurückgekehrt. Zuerst war das in Interviews, die ich zufällig gesehen habe, in denen er sein ganzes Instrumentarium für die Gegenwart ausbreitet. Wenn es um neuere politische Entwicklungen geht, legt er darauf Wert, dass man sie auch als neue versteht, und besser erst einmal erzählerisch austestet, was man wie wahrnimmt und was das mit einem macht. Wenn es um Verschwörungstheorien geht, spricht er lieber von einem „Anti-Realismus der Gefühle”, der sie entstehen lässt, als von einfacher Dummheit, denn ein rationales Denken völlig ohne Rückgriff auf sinnstiftende Geschichten erscheint ihm unwahrscheinlich: „Niemals gelten nur Tatsachen, niemals gelten nur Gefühle”. Die Beschreibung der Welt ist Teil der Welt und deshalb niemals frei von den in ihr wirksamen Kräften.

Alexander Kluge ist niemand, den die Verhältnisse aus der Fassung bringen. Stattdessen beginnt er, mit ironischer Distanz die Wirklichkeit zu drehen und zu wenden. Das ist die weltfreundliche Haltung, die ihn auszeichnet. Kluges Intelligenz ist wärmer als die anderer, ohne dass er dabei an Präzision verliert.

Was bei Kluge aber immer ein wenig gefehlt hat, war er selbst. Bisher hat er von sich nur am Rande erzählt, längere Passagen der Introspektion gab es selten: „Ich habe mir nicht zugesehen, während ich seit 1932 gelebt habe.” Thomas Bernhard sagte einmal über seine eigene Autobiographie, man habe das ganze Werk einfach einmal wo aufhängen müssen. „Kongs große Stunde”, Alexander Kluges neuestes Buch, macht genau das, es ist seine Entdeckung der eigenen Person. Vielleicht ist es deshalb mein bisher liebstes Buch von ihm.

Kluge erzählt von sich aber nicht in Form von Memoiren, er macht Selbstbeobachtungen, und er geht seinem Ich nach, indem er Geschichten über seine Eltern erzählt. Etwas von ihnen muss ja schließlich in ihm sein, auch wenn er selbst nicht immer so genau weiß, was.

An einer Stelle beschreibt Kluge, wie sein Vater einmal gegenüber einem bekannteren Schriftsteller behauptet hatte, er selbst würde auch schreiben, und fügt hinzu: „Manchmal glaube ich, daß ich zur Wiedergutmachung der Übertreibung meines Vaters in jener Nacht geboren und zum Autor geworden bin.”

Und was hat das mit King Kong zu tun? Wenn Kluge von sich erzählt, erzählt er von seinen nächsten Verwandten, den Familienmitgliedern; ein paar Seiten später ist er bei den nächsten Verwandten unserer Spezies angelangt und erzählt von Affen, von King Kong und von Pangäa. Ohne die Verbindung und den Abstand zur Erdgeschichte gibt es uns nicht (die „Chronik des Zusammenhangs”, wie es im Untertitel heißt). King Kong und die weiße Frau wird bei Kluge zu einer Allegorie auf ein in vielen Gestalten auftretendes Verhaltensmuster: Die wilde Verlässlichkeit mit der man für etwas eintreten kann, an dem man hängt, wider alle bessere Erwägung.

Alexander Kluge ist jetzt 85 und noch immer produktiver als ich es jemals sein werde. Er ist gerade einmal vier Monate jünger als mein ältester Großvater, aber wenn es um Kluge geht, weigert sich etwas in mir, ihn als alten Menschen wahrzunehmen. In der Sammlung “Das fünfte Buch” gibt es eine kurze Geschichte unter dem Titel „Stärkung mit zeitversetzter Wirkung”:

Damit ich nicht vom Fleische fiele, ordnete meine Mutter an, daß ich nach meinem ersten Geburtstag jeden Tag um 11 Uhr früh eine Tasse Kalbsbrühe erhielte. Mit Knochen aus der Fleischerei Steinrück. Das war für die Geburtsjahrgänge 1929 bis 1932 in der oberen bürgerlichen Mittelschicht eine übliche Praxis. Die Kinder sollten sich später auszeichnen. Man rüstete die Kinder mit Höhensonne, Lebertran und einer solchen Fleischbrühe zu einer besonderen Widerstandsfähigkeit aus, die sich schon zehn Jahre später in der Notzeit und nochmals im hohen Alter für eine ganze Rotte ehemaliger Kinder jener Zeit positiv auswirkte.

Was hier erzählt wird, klingt ein bisschen wie die Geschichte vom Zaubertrank, in den Obelix als kleines Kind geplumpst und durch den er zu ewiger Stärke gekommen ist. Möge Alexander Kluge noch lange von diesen Mutterkräften zehren.

Alexander Kluge: Kongs große Stunde (Suhrkamp 2015)

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Kommentare 2
  1. Jochen Schmidt
    Jochen Schmidt · vor 3 Monaten

    Ein großartiger Text, hoffentlich liest er es und lädt dich in eine Sendung ein.

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 3 Monaten

    Toll! Vielen Dank. Ich habe ihn nie so studiert, aber es hat mich gerührt, denn einen Effekt habe ich auch genau so von ihm mitgenommen: alles ist interessant.

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