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Literatenfunk

16.7.41

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSonntag, 28.02.2021

Irritierender-, interessanter- oder (für Autoren vielleicht auch:) inspirierenderweise beginnen die deutschen Bücher des in Norwegen oder den USA längst weltberühmten Dag Solstads alle mit einem Foto, das kein reines Autorenportrait ist, sondern den Autor mit grauer Lockenmähne und Nickelbrille im offenen Mantel vor einer Wiese stehend zeigt (die Schuhe sieht man nicht). Die Wiese liegt an einem Hang und die rechte Hand des Autors ist leicht zur Faust geballt, den Daumen in die Manteltasche gehakt.

So auch in seinem soeben erschienenen Roman 16.7.41 (benannt nach seinem Geburtsdatum, übersetzt von Ina Kronenberger): Selbes Foto, selber Mantel, selbe Wiese, selber Blick. Aber auch: selber Autor? Und spielt das Foto wirklich eine Rolle?

Der Roman handelt davon, wie Solstad 2000 ein paar Jahre mit seiner Frau, einer Theaterdramaturgin, in Berlin lebte, und zwar in Kreuzberg (Maybachufer 8) und ohne die Sprache zu können. 16.7.41 könnte also handelsübliche Autofiktion oder irgendwas Tagebuchartiges sein, überrascht einen aber gleich zu Beginn (nach dem Autorenfoto) allein schon damit, dass es nicht nur einen Ich-Erzähler gibt (was bei Autofiktion jetzt nicht die Bombenüberraschung wäre, außer dass Solstad Ich-Erzähler eigentlich hasst), sondern dass dieser sogleich mit einer Fußnote angezweifelt wird. Diese Fußnote ist seltsam ungelenk als normaler Fließtext hinters erste Kapitel gestellt und erzählt den Einstieg, den Solstad nach reiflicher Überlegung dann doch verworfen hat, nämlich:

"Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt. Doch wer ist derjenige, der sich in der internationalen Abflughalle des Flughafens Fornebu befindet, um mit einem SAS-Flug nach Frankfurt am Main zu reisen? Ich bin derjenige, der schreibt. Ich, der das hier schreibt, sage, der Mann am Flughafen ist derjenige, der schreibt (...)"

So lautete der ursprüngliche Einstieg ins Buch, der aber nicht zum eigentlichen Einstieg wurde, sondern zum verworfenen Versuch eines Einstiegs, wenngleich dem ersten in einer ganzen Reihe. Was ich damit erreichen wollte, war eine deutliche zeitliche Kluft zwischen mir, dem Schreibenden, und mir, dem Ich im Text.

Diese Kluft wird dann in weiteren Fußnoten zum ersten Kapitel z.B. dadurch weiter ausgebaut, dass der Ich-Erzähler sich nicht mehr erinnert, welchen Anzug das Ich aus dem ersten Kapitel, das 1990 zur Frankfurter Buchmesse fliegen will, getragen hat: den beigefarbenen von Pierre Cardin oder den koksgrauen von Dior?

Je mehr ich mich damit amüsierte, mich an diese alten Klamotten zu erinnern, und ich die Hauptfigur des Romans, also mich, darin kleidete, umso größer wurde mein Unbehagen. Dass ich mich, denselben und doch noch denselben, von außen so detailliert beschrieb, fühlte sich mit der Zeit literarisch unerträglich an.

Mit einem großartig beschriebenen Gefühl von Übelkeit beim Beschreiben der Dinge, die er getragen haben soll ("eine billige Armbanduhr am Handgelenk"), löscht er also diese ganzen "falschen" Einstiege und konzentriert sich dafür im ersten Kapitel lieber wieder auf eine Flugreise nach Frankfurt. Über der dichten Wolkendecke fällt er auf diesem Flug kurz aus Zeit und Raum, sieht seinen toten Vater (sitzt auf einer Wolke und winkt) und bekommt gar nicht mit, dass der Flug wegen irgendeinem unbekannten Problem auf der Erde nach Berlin umgeleitet wird, wo er dann zum ersten Mal landet, 1990.

Zehn Jahre also vor dem eigentlichen Romanbeginn, der dann im zweiten Kapitel seine Berlin-Erfahrungen im Jahr 2000 beschreibt. 16.7.41 ist also ein Berlin-Roman, der sich zwischendurch fast wie ein etwas altbackener Stadtführer liest, in dem es Dag Solstad trotzdem dank seiner eigenwilligen Gedanken und Beobachtungen vor Ort gelingt, dass man sich wieder neu für das Altbekannte (oder eben gerade: das Alt-Unbekannte) interessiert. Selbst unter Autoren weitverbreitete Lahmarsch-Tätigkeiten wie Spazierengehen, In-Cafés-Rumsitzen oder Taucher-im-Landwehrkanal-Beobachten gewinnen bei ihm wieder einen Zauber, wie ihn sonst vielleicht noch Detlef Kuhlbrodt verbreitet.

"Warum ich mich hier befand, fragte ich mich nicht. Dafür gab es keinen Grund. Ich befand mich einfach hier. Einen besonderen Anlass gab es dafür nicht, und schon gar keinen literarischer Art. (...) Es gibt für mich keinen Grund, hier zu sein, und das ist vielleicht genau der Grund, weshalb ich mich hier befinde. Um zu frühstücken ..."


Berlin-Roman, Zen-Meisterklasse.

16.7.41

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