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Klima und Wandel

Eigene Verdrängung überwinden, um die kollektive zu durchbrechen

Sara Schurmann
Freie Journalistin
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Sara SchurmannMittwoch, 30.11.2022

Piqd ist zwar genau dafür gemacht, Beiträge zu teilen, die einen beeindruckt haben, aber: Das ist einer der beeindruckendsten Texte, den ich in letzter Zeit gelesen habe. Denn die Autorin Ann-Kristin Tlusty versucht etwas, das uns vielleicht retten könnte, wenn es mehr Menschen probieren. Auch wenn sie zunächst daran scheitert.

Tlusty konfrontiert sich mit ihrer eigenen Verdrängung:

"Ich weiß nicht, wann ich mich daran gewöhnt habe, dass die Zukunft in der Katastrophe enden wird. Wahrscheinlich während der Pandemie, als langsam die Erkenntnis einsickerte, dass Krisen zur Normalität geworden sind. Irgendwann zwischen kalifornischen Waldbränden, der Flut im Ahrtal und dem Fakt, dass den USA die Namen für Hurrikans ausgehen, begriff ich, was ich schon in der Schule gelernt, aber nicht verstanden hatte.

Ich weiß um die Klimakrise. Ich weiß, dass sie eine existenzielle Bedrohung auch meiner Zukunft bedeutet. Aber fühle ich sie? Ehrlich gesagt: Nein.

In unterschiedlichen Schritten versucht sie zu ergründen, woran das liegt. Dafür schaut sie als Erstes ein Video von einer Protestaktion der Letzten Generation, die Aktivistin ist etwa in ihrem Alter. Macht das etwas mit ihr? Nicht viel.

"Ich sehe das Video und fühle ein bisschen Sympathie, ein bisschen Widerstand angesichts der moralisch überlegenen Haltung."

Anstatt das einfach so hinzunehmen und als "normale" Reaktion stehen zu lassen, spricht sie mit einem Experten der Psychologists for Future darüber, inwiefern kognitive Dissonanz und Verdrängung ihre Reaktionen erklären können. Die Antwort: relativ gut.

Wenn wir damit konfrontiert werden, dass unsere Handlungen nicht mit unserem Wissen oder unseren Werten übereinstimmen, tritt eine unangenehme Spannung in uns auf. Um diese aufzulösen, können wir unser Verhalten, unsere Redaktion ändern – oder wir können das, was uns konfrontiert, z.B. klein reden und abwerten.

Wir können Protestaktionen als moralisch abtun oder Forderungen, weniger Fleisch zu essen und ein Tempolimit einzuführen, als ideologisch. Rational betrachtet hat man dagegen nämlich wenig Argumente, vor allem wenn man darum weiß und anerkennt, dass gerade tatsächlich die eigenen Lebensgrundlagen akut gefährdet sind.

Anschließend spricht Tlusty mit der Autorin und Journalistin Mithu Sanyal, auch sie hat ihre Schwierigkeiten mit dem Diskurs um Klimaschutz: Alle Ansätze seien irgendwie widersprüchlich, außerdem wolle sie nicht darauf verzichten, ihre Familie in Indien per Flugzeug zu besuchen.

"Sich permanent als Schädling wahrzunehmen, sei jedoch kaum aushaltbar. 'Ich wüsste gern: Was kann ich denn Gutes tun?' Dieser Gedanke ist derart weit weg von derzeitigen Klimadiskursen, dass er sich für mich erst einmal etwas naiv anhört."

Das ist interessant. Denn viele Antworten zur Lösung der Klimakrise sind zwar durchaus etwas komplexer (Flugzahlen müssen drastisch reduziert werden, das heißt jedoch nicht, dass niemand je wieder fliegen wird. Long-Distance-Familienbesuche sind einer der Anlässe, die wohl auch künftig als legitim gelten werden; nicht so Kurzstrecken, Kurzurlaube und routinemäßige Business-Trips.) Wirklich widersprüchlich sind die Lösungen meist jedoch nicht.

Dass das so wahrgenommen wird, dafür sorgen u. a. Narrative der fossilen Lobbys, die gezielt den öffentlichen Diskurs ausbremsen – und damit auch ernsthaftes Handeln. (Eine gute Übersicht gibt es z.B. bei klimafakten.de.) Das funktioniert auch deswegen so gut, weil in der medialen Darstellung dieser Diskurse, die Verzögerungsargumente oft nicht konsequent eingeordnet, sondern als legitime Positionen präsentiert werden.

Die Individualisierung von Verantwortung erst mal abzulehnen, ist nicht verkehrt. Dass der CO2-Fußabdruck durch den Ölkonzern BP bekannt gemacht wurde, wissen mittlerweile viele, dass uns Konsumentscheidungen nicht retten werden auch.

"Durch keinen noch so bewussten Konsum wurde je eine Krise gelöst. Und auch die Klimakrise braucht eine politische und keine individuelle Antwort. Ich glaube nicht an die Macht der Konsumenten, ich weiß um die Macht der Konzerne. Oder mache ich es mir mit dieser Haltung etwa zu leicht, weil ich so die Klimakrise auch wieder nur von mir fernhalte?"

Ja, schon. Denn ganz so einfach ist es auch nicht.

Im Endeffekt werden wir alle innerhalb weniger Jahre anders leben und konsumieren müssen, wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten wollen. Und auch eine Masse an Einzelentscheidungen kann einen Effekt haben, etwa wenn eine Debatte über Flugscham dazu führt, dass tatsächlich weniger Menschen fliegen und sich die Stimmung so dreht, dass auch politische Maßnahmen möglich werden.

Aus der Politik allein werden die Lösungen nicht kommen, das hat zuletzt der 27. Weltklimagipfel erneut gezeigt. Um die Klimakrise zu bremsen und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, ist es essenziell, dass jede*r Einzelne aktiv wird, der oder die sich des Ausmaßes der Krise bewusst ist. Sich dafür zuerst mit dem eigenen Konsum und der eigenen Schuld auseinanderzusetzen, frustriert und bremst genau diese Beschäftigung und damit auch Handeln aus, da es derzeit gar nicht möglich ist, klimaneutral zu leben, wie auch der Experte der Psychologists for Future noch mal betont.

Entscheidend ist hier – und das versuchen auch Fridays for Future seit vier Jahren zu vermitteln –, dass wir nicht in erster Linie als Konsument*in aktiv werden müssen, sondern als Bürger*in. Jede*r von uns hat Hebel, die über den eigenen Haushalt hinaus gehen, in der eigenen Schule, der Firma, der Gemeinde, dem Verein.

Für einige bedeutet das, sich unterschiedlichen Formen des Protestes anzuschließen, andere sorgen dafür, dass Solaranlagen auf dem Vereinsheim installiert werden, die Uni oder der Betrieb die Kantine klimaneutral gestaltet oder bringen in ihrem Kiez die Verkehrswende voran.

All das wirkt dreifach: Es spart effektiv Emissionen ein, es bringt Freund*innen, Familie, Kolleg*innen und Nachbar*innen dazu, sich mit den Themen zu beschäftigen, ändert dadurch Normen und Werte und macht so im Endeffekt auch wahrscheinlicher, dass irgendwann entsprechende politische Veränderungen umgesetzt werden.

Die Klimakatastrophe ist derzeit zwar das wahrscheinlichste Ergebnis, noch aber nicht das zwangsläufige. Wir entscheiden jeden Tag darüber, ob wir versuchen, unsere Lebensgrundlagen zu retten oder nicht. Derzeit entscheiden sich die allermeisten jeden Tag einfach weiterzumachen. Einige tun das bewusst, viele andere unbewusst, auch weil sie eine genauere Auseinandersetzung mit der Klimakrise scheuen und sie verdrängen.

Das Wesentliche aber ist: Wir können uns jederzeit umentscheiden. Schon heute ist der perfekte Tag dafür.

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Kommentare 1
  1. Omar Adam Ayaita
    Omar Adam Ayaita · vor 2 Monaten

    Überhaupt interessant, dass Moral hier offenbar als etwas Negatives angesehen wird. Moral sind Grundsätze guten Verhaltens. Wer das ablehnt, will offenbar schlechtes Verhalten. Was soll das?

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