Kanäle
Jetzt personalisiertes
Audiomagazin abonnieren
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Kopf und Körper

Mehr Vorsicht bei der Verabreichung von Antidepressiva

charly kowalczyk
journalist

Im badischen Singen am Hohentwiel geboren und in Potsdam lebend. Schreibe Radiofeature für den Deutschlandfunk bzw. für DLF Kultur und für die Sender der ARD. Mitgründer des Bremer Hörkinos. Seit 17 Jahren stellen wir in Bremen ein Radiofeature der Öffentlichkeit vor.
www.bremer-hoerkino.de

Zum piqer-Profil
charly kowalczykSamstag, 30.10.2021

Ein Freund von mir geht zum Psychiater. Er ist antriebslos, deprimiert, irgendwie hat er den Eindruck, irgendwas stimme seelisch bei ihm gerade nicht. Der Psychiater hat keine fünf Minuten Zeit für ihn. Aber die wenige Zeit reicht, ihm erst einmal  Antidepressiva zu verabreichen. Mein Freund fühlt sich überrannt. Eigentlich hätte er gerne mehr erklärt bekommen, hatte viele Fragen, wollte Zeit haben, um irgendwann eine Diagnose zu bekommen, die ihm logisch erscheint. Die er zumindest nachvollziehen kann. So wie meinem Freund geht es vielen. Ich schreibe häufiger über "Depressionen" und bin doch immer wieder erstaunt, wie schnell bei der Psychiaterin oder beim Psychiater Antidepressiva verschrieben werden. Zumindest ist da auch ein wenig Misstrauen vonnöten.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur fand ich es wohltuend, dem Psychotherapeuten Thorsten Padberg zuzuhören. Er argumentiert nicht gegen die Verabreichung von Antidepressiva, sondern mahnt zur Vorsicht an. Nicht immer ist es eine Depression, wenn ein Mensch sich bedrückt, leer oder antriebslos fühlt. Manchmal sind es soziale Ursachen, die für niederschmetternde Gefühle oder Leere ausschlaggebend sein können. Leistungsdruck auf der Arbeit, Arbeitslosigkeit, Armut, eine verlorene Liebe – um nur einige Gründe dafür zu nennen.

"Ich glaube, ich hatte den ersten Verdacht immer schon, als ich mit viele Klienten gearbeitet hab, die bei mir saßen und die Antidepressiva genommen haben und ich immer dachte, hm, so einen richtig großen Unterschied siehst du jetzt eigentlich nicht. Und das blieb immer so einen Verdacht bis ich irgendwann über die Cure-Studie gestolpert bin. Das war die erste große, systematische Erfassung der Effekte von Antidepressiva und der hatte herausgefunden, Antidepressiva wirken kaum mehr als Placebo."

Padberg ist ein Warner, und das ist gut so.

"Also es gibt eine Menge Leute, die nehmen sie gerne, und mit Erfolg. Wir wissen inzwischen aus der Forschung, der Unterschied zwischen Placebo und Antidepressiva ist ziemlich klein. Es gibt einige, die profitieren mehr. Es gibt einige, die profitieren weniger. (...) Wir müssen vor allem darüber reden, wann setzen wir diese Medikamente wieder um. Es ist nichts, was man nimmt wie Insulin bei Diabetes, sondern es ist was, was möglicher Weise eine Stütze ist, die ich für eine Weile gut gebrauchen kann. Wir sollten uns aber nicht dauerhaft auf diese Medikamente verlassen, weil sie auch ziemlich viele Nebenwirkungen haben... "

Ute Welty hakt gut nach. Sie stellt ihm auch die Frage, ob es nicht gefährlich sei, vor der Einnahme von Psychopharmaka im Radio zu warnen. Ob das dazu führen könne, dass einer daraufhin seine Pillen absetze und dies vielleicht sogar Gefahren für sein Leben heraufbeschwören könne. Padberg antwortet ohne auszuweichen:

"Das Risiko gibt's und ich sag das auch immer in dem Zusammenhang "Setzen Sie ihre Medikamente nicht einfach ab, schon alleine deswegen, weil das Absetzen zu Entzugserscheinungen führen kann." Diese Entzugserscheinungen selber ähneln jetzt wiederum Depressionen sehr, so dass diejenigen, die das tun oft den Eindruck haben, sobald ich sie absetze, kommen meine Depressionen zurück und das wäre natürlich fatal, wenn man so ein Hin-und-Her, so ein Aufschaukelungsprozess hat. Man sollte es mit Fachleuten zusammen machen. Die Regel ist im Augenblick, diejenigen, die Probleme kriegen beim Absetzen, man sollte sie langsam absetzen. Man sollte sie schrittweise absetzen und zwar immer 5-10 Prozent weniger als die letzte Dosis, die man genommen hat."

Der Psychotherapeut Thorsten Padberg erzählt gut. Ein unterhaltsames Gespräch – und das darf es auch sein! – über Depressionen gibt es selten, das gleichzeitig informativ und anregend ist. Es lohnt sich, reinzuhören und auch hinzuhören.

Mehr Vorsicht bei der Verabreichung von Antidepressiva

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Kommentare 3
  1. charly kowalczyk
    charly kowalczyk · vor 29 Tagen

    Natürlich kann es falsch und gefährlich sein, Antidepressiva einfach abzusetzen oder von sich aus auszuschleichen. Der Psychotherapeut Thorsten Padberg mahnt nur zur Vorsicht beim Einsetzen von Psychopharmaka und weist daraufhin, dass man sich nur gemeinsam mit Expertinnen und Experten ausschleichen soll, wenn die Medizin nicht wirklich hilft. Also insofern ist er da verantwortungsvoll. Gottseidank.
    Zu diskutieren, ob zu viel und zu leichtfertig und manchmal auch unnötig Antidepressiva verschrieben wird, dieser Frage müssen wir uns stellen. Bei aller Vorsicht!

  2. Dominik Lenné
    Dominik Lenné · vor 29 Tagen · bearbeitet vor 29 Tagen

    Die Sache hat noch einen anderen Aspekt: Die Gabe von Antidepressiva kann unter bestimmten Umständen die Selbstmordwahrscheinlichkeit erhöhen. So wahrscheinlich geschehen bei einer Freunding von mir vor Längerem. Siehe etwa
    https://www.gesundheit...
    Das heißt, wenn nicht genügend auf die konkreten Umstände um - und Prozesse in -einer Person eingegangen wird, ist das als Kunstfehler zu betrachten.

  3. Benedikt Adrian
    Benedikt Adrian · vor 29 Tagen

    Hm, ein Psychotherapeut kann sich schon zu Psychopharmaka äußern, aber wenn er Tipps zum Absetzen bzw. Ausschleichen gibt, überschreitet er eine Grenze. Das Psychologiestudium und auch die anschließende Therapieausbildung beinhaltet praktisch kaum Inhalte dazu. Das ist Psychopharmakologie, das ist Sache von ÄrztInnen oder PharmakologInnen.

Bleib immer informiert! Hier gibt's den Kanal Kopf und Körper als Newsletter.

Abonnieren

Deine Hörempfehlungen
direkt aufs Handy!

Einfach die Hörempfehlungen unserer KuratorInnen als Feed in deinem Podcatcher abonnieren. Fertig ist das Ohrenglück!

Öffne deinen Podcast Feed in AntennaPod:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Downcast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Instacast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Podgrasp:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Bitte kopiere die URL und füge sie in deine
Podcast- oder RSS-APP ein.

Wenn du fertig bist,
kannst du das Fenster schließen.

Link wurde in die Zwischenablage kopiert.

Öffne deinen Podcast Feed in gpodder.net:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Pocket Casts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.