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Kopf und Körper

Die drei größten Fehler der Pandemiebekämpfung

Silke Jäger
Freie Journalistin und Texterin für Gesundheitsinfos

Ich lebe in Marburg und schreibe über Gesundheit, eHealth, Gesundheitspolitik und den Brexit. Für: Krautreporter, Gute Pillen – Schlechte Pillen und RiffReporter. Non-Profit-Projekt: Podcast http://evidenzgeschichten.podigee.io/

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Silke JägerDienstag, 17.05.2022

Als jemand, der circa 2 Jahre lang täglich über die Pandemie, das Virus, das (vermeidbare) Leid und die (schockierenden) Entscheidungen der Politik nachgedacht, gelesen und geschrieben hat, war dieser Text eine kleine Genugtuung. Denn oft habe ich auch nachts davon geträumt und wenn ich wach war, über fremdes Sterben getrauert. Ja, ich bin emotional bei diesem Thema, und ja, ich bin wütend.

Seit einiger Zeit versuche ich ein gelassenerer Mensch zu werden. Wut ist anstrengend. Ich versuche, die Realität anzunehmen. Die Chancen sind verpasst – deal with it, sage ich mir dann und frage mich stattdessen: Was ist jetzt wichtig, damit ich, meine Familie und vielleicht der engere Freundeskreis gut durch die nächste Phase kommt? Meistens bleibe ich dann bei den Masken hängen. Geimpft sind alle, die ich kenne, die meisten dreimal. Und außer Maskentragen und Menschenmengen zu meiden, kann ich nichts mehr tun. Ich schreibe nicht mehr über das Virus.

Das war sehr oft anders in den letzten beiden Jahren. Vor allem am Anfang der Pandemie und immer, wenn eine neue Variante auftauchte, haben wir Medizin- und Wissenschaftsjournalist:innen versucht, eins zu tun: Wissen weiterzugeben, um Menschen zu befähigen, sich selbst zu schützen.

Und wenn ich jetzt bei Rafaela von Bredow und Veronika Hackenbroch lese

Die schärfste Waffe gegen das Virus ist das Wissen über das Virus.

fühle ich Erleichterung. Denn es gibt Momente, in denen ich selbst an meinen Schlussfolgerungen zweifle, so wie es die Virologin Melanie Brinkmann über den Spätsommer 2020 berichtet:

»Wir sind damals hart angegangen worden für unsere Prognose, dass eine zweite Welle kommt«, sagt Melanie Brinkmann. Manche Kollegen hätten der Idee Raum gegeben, dass das Schlimmste vorbei sei. »Das war so krass, dass ich selbst schon an meiner Prognose zweifelte.«

Wir Reporter:innen aus dem Gesundheitsressort fühlen das so sehr, weil auch wir hart angegangen wurden. Für die vermeintliche Einseitigkeit, mit der wir berichteten.

Auch deshalb möchte ich diesen Text empfehlen. Die Bilanz der Pandemiebekämpfung gibt all denen Recht, die Vorsicht anmahnten und dem Virus möglichst wenig Raum lassen wollten, weil das Risiko der noch offenen Fragen eins ist: unkalkulierbar. Bis heute – Stichwort Long Covid. (Die Bank of England forderte in dieser Woche einen Pandemieplan von der britischen Regierung, der neben Prävention und Therapie auch die Auswirkungen von Arbeitsausfällen durch Long Covid und die dadurch entstehenden wirtschaftlichen Kosten adressieren muss.)

Die Autorinnen zeigen in diesem Text mithilfe von sehr hilfreichen Grafiken, an welchen Stellen die Bundesregierung schwere Fehler gemacht hat: durch Zögern, halbherzige Maßnahmen und zu wenig Einsatz. Drei Entscheidungen waren besonders kritisch.

Zu später Lockdown

Im Sommer 2020 hätte man sich auf den Herbst vorbereiten müssen, anstatt sich von einem falschen Narrativ in die Irre führen zu lassen.

Eine Idee, wissenschaftlich haltlos, aber verführerisch, begann in die Köpfe zu sickern, bis ein Narrativ daraus wurde, das eine Bühne in den Talkshows bekam und viel Raum in den Medien: Sars-CoV-2 sei kein besonders gefährliches Virus, so die Erzählung, eher so eine Art Grippe, die vor allem für Betagte und Vorerkrankte ein Problem darstelle. Solange man die vulnerablen Gruppen schütze, könne man dem Virus freien Lauf lassen.

Vieles spricht dafür, dass auch dieses Narrativ im Oktober 2020 wesentlich zu einer der drei größten Fehlentscheidungen der Pandemie beigetragen hat. Die Verantwortlichen verstießen gegen die goldene Regel der Seuchenbekämpfung: schnell und hart zuschlagen (»hit hard and early«). Stattdessen wurde der wie im Frühjahr erforderliche Shutdown zunächst um zwei Wochen verschoben; dann versuchte man es mit einem »Lockdown light«. Es dauerte Wochen, bis den Entscheidungsträgern klar wurde, dass es auch in der zweiten, heftigeren Welle ohne harten Lockdown nicht gehen würde – das zu späte Handeln hat damaligen Expertenschätzungen zufolge 50.000 Menschen das Leben gekostet.

Auch die Ärzteschaft hat kräftig mitgemischt. Allen voran die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und ihr Vorsitzender Andreas Gassen. Er gab Ende Oktober 2020 eine Pressekonferenz, die live über die Tagesschau-Website gestreamt wurde (eine Ehre, die nicht jede RKI-Pressekonferenz bekam). Darin stellte er ein Positionspapier vor, das die KBV gemeinsam mit den Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit erstellt hatte und das von vielen Fachgesellschaften unterstützt wurde.

Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Gießen, sagt, er sei »geschockt« gewesen, als er in den Nachrichten von dieser Stellungnahme erfuhr. »Dabei wusste man damals schon, dass das so nicht funktionieren kann. Und dass es schlecht ausgehen wird.« Aus der Seuchenbekämpfung in der Tiermedizin sei das bekannt: »Wenn man draußen eine Pest frei laufen lässt, kann man die Tiere im Stall nicht schützen«, sagt er. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die sich auch infizieren.«

Um das Virus von vulnerablen Menschen fernzuhalten, hätte man die besonders gefährdeten Personen »auf eine Insel verbannen müssen«, so Weber.

Kinder und Jugendliche "vergessen"

Ist der Streit, ob Kinder Treiber der Pandemie sind, eigentlich schon vorbei? Ich weiß es gar nicht, weil ich früh aus dieser Diskussion ausgestiegen bin. Die Frage ist falsch. Kinder sind Menschen und haben ein Recht darauf, vor einem vermeidbaren Schaden geschützt zu werden. Mich hat nie interessiert, wie sehr sie andere gefährden, sondern wie sehr es sie selbst gefährdet, wenn sie sich anstecken. Stichwort Langzeitfolgen. Darüber ist wenig bekannt und so wird derzeit auch über den Zusammenhang von mysteriösen Hepatitis-Fälle und einer zurückliegenden Corona-Infektion bei Kindern gerätselt.

Jedenfalls ist die Diskussion dazu in eine Entweder-oder-Debatte abgedriftet.

So entstanden zwei Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstanden: Während die einen eine Ansteckung der Kinder um jeden Preis verhindern wollten – auch um die gefährdeten Älteren zu schützen –, redeten die anderen die Gefahren durch das Virus klein und warnten mehr vor den psychischen Folgen von Masken, Lockdowns und Schulschließungen. So entstand ein künstlicher Gegensatz mit fatalen Folgen. Weder wurden die Nöte der Kinder ernst genommen, noch wurden sie ausreichend vor dem Virus geschützt.

Es sei ein großer Fehler in der Pandemie gewesen, »Infektionsschutz und psychosozialen Kinderschutz nicht gemeinsam zu denken«, sagt die Infektiologin Jana Schroeder, Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie im Nordrhein-Westfälischen Klinikverbund Stiftung Mathias-Spital.

Dabei gibt es sogar eine Leitlinie, wie man Unterricht möglichst sicher gestalten kann, ohne Schulen zumachen zu müssen und Kinder und Jugendliche in die soziale Isolation zu treiben. Leider wird sie weitgehend von den Behörden ignoriert.

Auch für den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor den psychischen Folgen der Pandemie ist eins essenziell: Wissen.

Schon zu Beginn der Pandemie sei Experten klar gewesen, sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Cornelia Beeking aus Münster, wie man die seelischen Folgen der Schulschließungen und des Lockdowns hätte abmildern können, ohne den Infektionsschutz zu vernachlässigen. Statt die psychischen Symptome zu dramatisieren, wäre es wichtig gewesen, die Kinder gründlich aufzuklären und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie selbst etwas tun können, um die Situation unter Kontrolle zu halten, so Beeking, etwa Masken zu tragen und Abstand zu halten.

Impfkampagne verschlafen

Beim wichtigsten Baustein des Gesundheitsschutzes, der Prävention durch Impfung, hat die Regierung schlicht die Kommunikation mit der Bevölkerung verschlafen.

Felix Rebitschek ist Kommunikationsforscher; er leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz in Potsdam. Er hat sich genau angeschaut, was schieflief. Bis heute versteht der Kognitionspsychologe die Entscheidung für die #Ärmelhoch-Plakatkampagne der Bundesregierung nicht. »Da hat man viel Geld ausgegeben, um die Leute daran zu erinnern, sich impfen zu lassen, die sich sowieso impfen lassen wollen«, sagt er.

Fünf von zehn Leuten seien zu Beginn der Impfkampagne impfwillig gewesen, rechnet Rebitschek vor, zwei unentschlossen, aber positiv eingestellt, zwei unentschlossen, aber skeptisch und nur einer von zehn habe sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. »Da muss ich mir doch überlegen: Was brauchen die vier Unentschlossenen jetzt von mir?« Seine Antwort ist klar: »Informationen da­rüber, was die Impfung kann und was nicht.«

Und so kommt es, dass sich mehr als doppelt so viele Menschen nicht haben impfen lassen, als sich ursprünglich dem Impfen verweigert hätten. Statt einer Impflücke von 10 Prozent bezogen auf die Gesamtbevölkerung hat Deutschland eine von 25+ Prozent.

Auch hier stellt sich eine Ressource als entscheidend heraus: Wissen.

Im Dezember erschienen die Resultate einer Befragung in 16 europäischen Ländern und Israel zur Gesundheitskompetenz. In Deutschland fanden es die Bürgerinnen und Bürger am schwierigsten, Gesundheitsfragen beantwortet zu bekommen, Infos zu finden und Entscheidungen zu treffen. Speziell zum Thema Impfen befragt, fühlten sich nur die Menschen in Bulgarien noch weniger kompetent als die Deutschen.

Bilanz ziehen, um zu lernen

Dieser Text ist für mich auch aus emotionalen Gründen lesenswert. Deshalb habe ich dieses Motiv in diesem piq offengelegt. Für alle, die sich emotional etwas besser zum Thema Pandemie abgrenzen können, bietet er aber vor allem etwas, was darüber hinaus geht: Wissen darüber, was im Herbst wichtig wird.

Klar, man kann es so machen, wie ich es vorgebe zu tun: Sich nur um sich selbst und die nächsten Freunde und Verwandten sorgen. Doch die Regierung und die sie kontrollierende Öffentlichkeit braucht Wissen, um die richtigen Entscheidungen für die gesamte Bevölkerung zu treffen.

Jetzt ist die Zeit, um sich vorzubereiten auf den nächsten Pandemiewinter. Wie er verläuft, lässt sich nicht eindeutig vorhersagen. Schwerer Verlauf, milder Verlauf? Die Zeichen, die uns das im Voraus verraten könnten, werden noch gesucht ...

Der Text fasst am Ende noch mal zusammen, worauf wir uns alle vorsichtshalber einstellen sollten:

Tatsächlich weiß die Menschheit dank der Anstrengungen der Wissenschaft so viel über das Virus, dass es gelingen könnte, es in der nördlichen Hemisphäre im Herbst und Winter ohne große seelische oder gesundheitliche Kosten in Schach zu halten.

Die schärfste Waffe gegen das Virus ist das Wissen über das Virus. Die Frage ist, was sich daraus konkret ableiten lässt. »Hit hard and early« – die meisten Experten meinen, dass dieses Gesetz der Pandemiebekämpfung Priorität haben sollte, denn Verschleppen rächt sich, verursacht Leid, verlängert die Pandemie und schadet so auch der Wirtschaft. Sollte im Herbst also eine Immunflucht-Variante auftauchen, könnten wieder Beschränkungen nötig werden.

Hilfreich wären nach Einschätzung von Experten auch Hygienestandards für die Luft in Innenräumen. Mit Luftfiltern oder anderen Technologien ließe sich erreichen, dass Kinder weiter in die Schule und die Eltern zur Arbeit gehen können.

Mit einer neuen Impfaufklärung könnte man auch noch mal versuchen, die Trägen und die Skeptischen zu überzeugen. Und sollte es hart kommen, könnte man einen neuen Anlauf für die Impfpflicht wagen – etwa für die Älteren.

Dieser piq ist auch deshalb etwas länger geworden, weil der Text hinter einer Paywall liegt. Die wichtigsten Infos stehen hier zwar schon, aber die Details, vor allem die Grafiken, lohnen sich ohnehin.

Die drei größten Fehler der Pandemiebekämpfung
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Kommentare 1
  1. Daniela Becker
    Daniela Becker · vor 3 Monaten

    Fühle alles davon, Silke.

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