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Fundstücke

Wie gesellschaftliche Transformationen gelingen können

Jürgen Klute
Theologe, Publizist und Politiker
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Jürgen KluteSonntag, 08.01.2023

Unabhängig davon, wie Leserinnen und Leser zu den Klebeaktionen der Aktivistinnen und Aktivisten der "Letzten Generation" stehen mögen: Ihre Aktionen konfrontieren uns mit der Frage, wie in einer Gesellschaft Veränderungen angestoßen werden können. Dass wir die Klimaerwärmung so schnell wie möglich und so weitgehend wie möglich stoppen müssen, darüber besteht ein recht breiter gesellschaftlicher Konsens. Aber wie und wann die nötigen Veränderungen umgesetzt werden sollen, das ist eben strittig.

An diesem Wochenende bin ich auf zwei Texte gestoßen, die sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Frage befassen, wie gesellschaftliche Änderungen funktionieren. Da ich ja nur einen Text direkt empfehlen und verlinken kann, habe ich mich für den der beiden Texte entschieden, der am praxisrelevantesten ist. Es ist ein Gastbeitrag von Maike Sippel in der taz. Der zweite Text, auf den ich weiter unten eingehen werde, ist ein im Wiener Standard veröffentlichter Essay von dem in Wien lebenden Schriftsteller Philipp Blom.

Doch zunächst zu Maike Sippel. Sie forscht und lehrt zu nachhaltiger Ökonomie an der Hochschule Konstanz. Ihre Ausgangsfrage ist:

Wie können wir den Paradigmenwechsel schaffen, mit dem wir die Klimakrise meistern und eine lebenswerte Zukunft sichern? Wie kann der tiefgreifende Wandel gelingen, mit dem wir uns von ökonomischen Wachstums- und Konsumzwängen verabschieden und zu einer sozialgerechten Entwicklung aufbrechen, die die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde respektiert?

Sippel betont gleich zu Beginn ihres Beitrags, dass es für eine sozial-ökologische Transformation auch veränderte Strukturen braucht. Diese fallen aber nicht vom Himmel, sondern müssen vorbereitet werden. Deshalb konzentriert sie sich auf die Möglichkeiten, die wir haben und mit denen wir zum nötigen Systemwandel schon heute beitragen können.

Wie Sippel schreibt, hat sie in den letzten Jahren in ihrer Arbeit als Hochschullehrerin begonnen, nicht mehr nur abstrakt und theoretisch über Transformationsprozesse mit den Studierenden zu reden, sondern sie hat Methoden entwickelt und in ihre Lehre eingebunden, neben der theoretischen Arbeit an Themen auch praktische Veränderungen in ihrem Alltag im Sinne der Lehre vorzunehmen und auszuprobieren, wie Transformation im Alltag aussehen kann. Sippel betont, dass es ihr dabei nicht auf Vollständigkeit und Perfektion ankommt, sondern darauf, konkrete Schritte auszuprobieren.

Dazu hat Sippel zwölf Ideen entwickelt, wie wir bereits im Heute mit der nötigen sozial-ökologischen Transformation beginnen können – jedenfalls mit ersten Schritten. Sippel bezieht sich dabei auf Forschungen der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth, nach der es bereits ausreichen kann, einen Regimewechsel in einer Gesellschaft herbeizuführen, wenn drei bis vier Prozent der Bevölkerung aktiv und gewaltfrei gegen Bestehendes protestieren. Mit ihren zwölf Ideen benennt Sippel eine ganze Reihe von alltäglichen Handlungsfeldern, in denen wir uns einüben können in eine sozial-ökologische Transformation und sie macht deutlich, dass sich solche Verhaltensänderungen im Kleinen lohnen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer gleich so aussieht. Der systematische Wandel, der letztendlich für die großen Weichenstellungen für eine Transformation unerlässlich ist, kommt erst im zweiten Schritt.

Genau das macht auch Philipp Blom in seinem Essay deutlich. Sein Artikel im Wiener Standard ist überschrieben mit dem Titel "Umweltaktivismus: Schriftsteller Philipp Blom über Klimaproteste: Immense Frustration. Wie handelt man angemessen in einer verzweifelten Situation? Schriftsteller Philipp Blom über Verhältnismäßigkeit und gesellschaftliche Umbrüche". Blom schlägt einen großen Bogen zurück in die Vergangenheit und vergleicht die heutigen KlimaaktivistInnen mit den AktivistInnen der Frauenrechtsbewegung vor gut 100 Jahren. Blom zeichnet nach, wie die Frauenrechtsbewegung sich in ihren Anfängen entwickelte und wie sie aufgrund der Widerstände bzw. auch der Ignoranz, mit denen sie konfrontiert war, vor dem Ersten Weltkrieg nach und nach radikalisierte. Erst am Ende des Krieges kam es zu gesellschaftlichen Veränderungen, zu Transformationen. Blom fasst das wie folgt zusammen:

Die Transformation wurde erst durch die Erschütterung der bestehenden sozialen Strukturen ermöglicht. Dann aber konnte sie auch greifen. Die Argumente waren schon in der Öffentlichkeit, als der Wandel durch den Krieg unvermeidlich geworden war, aber ohne den Druck durch die Suffragetten, ihre oft extremen Kampagnen, ihr jahrelanges politisches Lobbying, ihre Märsche und die zahllosen Briefe an Politiker und Störaktionen, die Hungerstreiks und die öffentlichen Kontroversen wäre das Frauenwahlrecht wohl auch in Großbritannien später gekommen. Es ist aber für soziale Transformation wichtig, dass die Argumente bereits in Position und im öffentlichen Bewusstsein sind, wenn die Strukturen geschwächt sind und Veränderung erlauben.

Blom zeigt hier also die langfristigen Dynamiken auf, die einer Transformation vorausgehen. Und er macht daran deutlich, dass die oft frustrierenden, weil kurzfristig erst einmal erfolglosen Interventionen eine notwendige Voraussetzung dafür sind, dass dann ab einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich Transformationsprozesse beginnen können. Ohne die vielen kleinen vorbereitenden Schritte, die Maike Sippel im Blick hat, verliefe ein solcher Transformationsprozess blind, ziel- und orientierungslos. Diese beiden Texte geben aus meiner Sicht eine schlüssige Antwort auf die gerade in veränderungswilligen und veränderungsbereiten gesellschaftlichen Teilen oft diskutierte Frage, ob sich erst die Verhältnisse oder erst die Menschen ändern müssen.

Wie gesellschaftliche Transformationen gelingen können

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