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Fundstücke

Statt Armut zu bekämpfen, bekämpfte der Schweizer Staat die Armen

Charly Kowalczyk
journalist
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Charly KowalczykDonnerstag, 17.11.2022

2013 schrieb ich ein Radiofeature über Kinder, die in der Schweiz aus armen Familien herausgeholt worden sind und dann auf Bauernhöfen schuften mussten: "Halts Maul, du lügst! Verdingkinder in der Schweiz." Ein unseliges Thema. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurden Zehntausende Kinder und Jugendliche in Heimen und Pflegefamilien fremdplatziert sowie auf Bauernhöfen als Arbeitskräfte eingesetzt, als sogenannte Verdingkinder. Ungefähr 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind davon betroffen. Bis heute spielen diese Zwangsmaßnahmen in der Schweizer Gesellschaft eine große Rolle.

Die Sozialwissenschaftlerin Nadine Gautschi analysiert den Schweizer Umgang mit Fremdplatzierungen von Kindern in "Geschichte und Gegenwart". Ein sehr lesenswerter Artikel. Gautschi analysiert, wie es geschehen konnte, dass die Schweiz sich jahrzehntelang weigerte, sich mit der Geschichte der Zwangsfürsorge zu beschäftigen. Erst im April 2013 entschuldigte sich die Schweizer Bundesrätin Simonetta Sommaruga für das, was der Staat vielen Menschen angetan hatte:

"Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, bitte ich Sie im Namen der Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung.“

Mit der Entschuldigung war es aber nicht getan. Jede/r Betroffene der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen sollte 25.000 Franken bekommen und damit sollte Schluss sein mit der Aufarbeitung. So die Hoffnung, mehr oder weniger. Wer aber die Geschichten von Verdingkindern kennengelernt hat und weiß, wie häufig sie Gewalt und sexuellem Missbrauch in den Fremdfamilien ausgesetzt waren, wundert es nicht, dass sie später gar nicht mehr in der Lage waren, zu arbeiten (und in Frieden mit sich zu leben). Somit heute kaum Rente bekommen. Sich Gesundheit(skosten) nicht wirklich leisten können. Die Schweizer Mehrheitsgesellschaft war auch einverstanden, dass ledigen und alleinerziehenden Müttern bis in die 80er-Jahre hinein ihre Kinder weggenommen worden sind. Auch darüber wird bis heute ungern gesprochen. Nicht viele, die damals als Kinder in der Zwangsfürsorge landeten, konnten später einen Ausweg aus der Armut finden. Von ihrer Kindheit erholen konnten sich die meisten nicht. 

Das verlief in anderen Ländern ähnlich wie in der Schweiz. Ob in Australien, Kanada, Irland, Deutschland oder Österreich – es dauerte Jahrzehnte, bis Aufarbeitungsbemühungen im Hinblick auf die Geschichte der Heimerziehung und der damit verbundenen Misshandlung von Kindern begann. 

Was Nadine Gautschi beschreibt, könnte genauso für Zehntausende Kinder gelten, die in der Bundesrepublik oder in der DDR in staatlichen- und konfessionellen Heimen missbraucht worden sind. Auch hierzulande geht es mit der Aufarbeitung nur schleppend voran. Man denke nur, wie schwer es der katholischen- und evangelischen Kirche fällt, sich mit der (sexuellen) Gewalt in ihren Reihen auseinanderzusetzen.

Fürsorgerische Zwangsmaßnahmen wirken bis heute. Und daran haben noch Generationen zu knapsen, wie die Autorin feststellt:

"Während ihre Kindheiten durch eine behördlich-institutionelle Fremdbestimmung geprägt waren, wurden sie nach der Entlassung aus den Maßnahmen allein gelassen. Sie gerieten in zunehmende Armut, weil ihnen eine gute Ausbildung verwehrt blieb, und früh gesundheitliche Probleme auftraten. Tragende soziale Netze fehlten, und es bestanden kaum Beziehungen zu den Eltern und Geschwistern. Geprägt durch diese sozialen Brüche und Platzlosigkeiten und dem Bedürfnis nach einem Zuhause, gründeten viele Betroffene früh eine eigene Familie, jedoch ohne die ökonomischen und sozialen Ressourcen, um dieses eigene Zuhause zu gestalten."

Leid kann man im Nachhinein nicht mehr wegnehmen oder gutmachen. Aber dass die Gesellschaft achtsam damit umgeht, damit es in Zukunft nicht wieder geschieht, auch dafür ist Aufarbeitung wichtig. Es braucht Autorinnen wie Nadine Gautschi, damit man das Thema Zwangsfürsorge und (sexuelle) Missbräuche an Kindern nicht einfach politisch abhakt, sondern dass die Gesellschaft Aufarbeitung ernst nimmt und nicht locker lässt. Das sind wir den missbrauchten Kindern in der Schweiz wie anderswo schuldig.

Statt Armut zu bekämpfen, bekämpfte der Schweizer Staat die Armen

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