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Fundstücke

Politische explosive Klassenkonflikte in der Mittelschicht

Michael Hirsch
Philosoph und Politikwissenschaftler, freier Autor und Dozent
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Michael HirschSonntag, 30.05.2021

Der hier präsentierte Aufsatz stammt aus der soziologischen Zeitschrift "Leviathan". Dort wird gerade eine sehr intensive Debatte über das wohl bedeutendste Buch der deutschen Soziologie der letzten Jahre geführt: "Die Gesellschaft der Singularitäten". Ähnlich wie Ulrich Becks Werk "Risikogesellschaft" vor 35 Jahren avancierte "Die Gesellschaft der Singularitäten" innerhalb kurzer Zeit zu einem Klassiker in den Debatten und Selbstdeutungen der deutschen Öffentlichkeit. Im Zentrum der Kontroverse steht nun vor allem Reckwitz' Klassentheorie. Diese liegt zum einen darin, die ältere zentrale Konfliktachse, nämlich die zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse, für immer unwichtiger zu erklären. Zum anderen hebt Reckwitz ein "neues Bürgertum" oder eine "neue Mittelklasse" von einer "alten Mittelklasse" ab.

Reckwitz' Ideen haben zuletzt in der populären Kampfschrift Sarah Wagenknechts "Die Selbstgerechten", über die von ihr so genannte Lifestyle-Linke, eine politisch folgenreiche Zuspitzung erfahren.

In Reckwitz' Modell haben die "Neue Mittelklassen" eine eher grünliberale, die alten eine eher konservativ-traditionelle, aus Gründen vielfältiger Enttäuschungen oftmals autoritär-populistische politische Orientierung. Die nicht nur für die Gesellschaftstheorie, sondern für die gesamte Öffentlichkeit und die politische Frage der Repräsentation von Werthaltungen (und Strategien im Kampf gegen rechts) wichtige Frage ist, ob sich diese Schematisierung in dieser Form aufrechterhalten lässt – und ob die Differenzen zwischen verschiedenen Formen des Bürgertums und verschiedenen Formen der Lebensführung und der Weltanschauung wirklich so neu sind wie Reckwitz behauptet. Diese Frage wird in diesem Theorie-Beitrag unter Bezugnahme auf detaillierte empirische Untersuchungen und Befragungen von Bürgern sehr genau und aufschlussreich erörtert. Politisch brisant sind dabei vor allem diejenigen Elemente, die letztlich auf einen Bruch zwischen verschiedenen Fraktionen des Bürgertums hinauslaufen – mit politisch dramatischen Folgen, die nicht nur die Erosion der beiden klassischen Volksparteien betrifft, sondern ein Auseinanderdriften gesellschaftlicher Milieus insgesamt (wie prototypisch vielleicht am besten in den USA zu beobachten ist).

Es handelt sich um einen sehr lohnenswerten Beitrag, dessen Ertrag nicht zuletzt auch darin liegt, dass sich Leserin und Leser auch einmal selbst innerhalb der verschiedenen von der Forschung untersuchten kulturellen Lebensstilmilieus verorten können – eine für manche womöglich schmerzhafte, desillusionierende Erfahrung.

Die»neue Mittelklasse« kombiniert also Reckwitz zufolge investive Statusarbeit aufder einen, »performative Selbstverwirklichung« in einem »anregenden und erlebnisreichen [...] Leben«, das man vor anderen aufführt und wofür man von diesen soziale Bestätigung erhält, auf der anderen Seite.

Die Autoren behaupten letztlich, dass Reckwitz die Neuheit dieser Differenz weit überschätzt. Vielleicht geht er ja auch, so könnte man meinen, den mittlerweile nicht mehr nur in Werbung, Design und Kommunikation, sondern in großen Teilen der Wirtschaft inflationär verwendeten PR-Floskeln und Plastikwörtern wie Purpose, Challenge, Authentizität und Kreativität auf den Leim. Die Autoren des Beitrags bezweifeln, ob berufliche Leistungsbereitschaft und investive/intensive Statusarbeit auf der einen, eigentlich romantische Ideale der Selbstverwirklichung auf der anderen Seite, wirklich einen dauerhaften Konflikt in der Lebensführung der Bürger eingehen. Auf Dauer setzt sich doch eher eine Seite durch, was ganz im Sinne der klassischen Werthaltungen des Bürgertums läge.

Dieses Hinzukommen einer zweiten Leitorientierung der Lebensführung macht diese zweifellos in sich spannungsreicher, als wenn sich nur alles um inves-tive Statusarbeit dreht. Doch von einem Umbruch des Lebensführungsmodus ließe sich höchstens dann sprechen, wenn beide Leitorientierungen auf »gleicherAugenhöhe« wären, sodass investive Statusarbeit und Selbstentfaltung immer wieder aufeinanderprallen, Lebensführung also die Gestalt eines beständigen Kampfes mit sich selbst annimmt. Das mag es in seltenen Fällen geben; eine solche dauerhafte tiefe innere Zerrissenheit allen Angehörigen der »neuen Mittelklasse« zuzusprechen wäre aber eine äußerst verwegene Behauptung.

Insgesamt ein bemerkenswerter Beitrag, dessen ausführliche Lektüre sich lohnt.

Politische explosive Klassenkonflikte in der Mittelschicht

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