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Nils Pickert
Freier Journalist. Autor. Aktivist. Internetmeme. Feminismus und so. Turngerät von vier Kindern.
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piqer: Nils Pickert
Samstag, 27.01.2018

Ist das Kunst, kann das weg oder muss das bleiben?

Die Debatte um das Eugen Gomringer Gedicht an der Fassade der Alice Salomon Hochschule ist in den vergangenen Tagen ziemlich hochgekocht und hat die Gemüter erhitzt. Meines genauso wie das des Kollegen Achim Engelberg, der die Stellungnahme der Hochschule als Steilvorlage für einen unpiq genutzt und diese mit einigen interessanten Verweisen versehen hat.

Unter seinem unpiq findet ihr den Grund für diesen piq: Auch wenn ich es wie viele andere extrem befremdlich finde, wie hier mit der Kunstfreiheit, einem Text und seinem Verfasser umgegangen wird, greift mir die Debatte deutlich zu kurz. Von der Freiheit der Kunsthochschule, ihre Fassade so zu gestalten wie sie will, dazu ihre Studierenden zu befragen und im entsprechenden Gremium mehrheitlich zu entscheiden, war nämlich kaum bis gar nicht die Rede. Stattdessen von "Vernichtung des Kunstwerks" und ähnlichen sprachlichen Kalibern. So als würde die Polizei aufmarschieren, wenn der Springer Verlag das Gedicht auf seine Fassade wirft, um "gegen diesen Irrsinn der Kunstfreiheitsgegner" zu protestieren. So als ginge es um Nazis und entartete Kunst.

Der MDR hat in dieser Debatte nun dankenswerterweise auf beide Positionen hingewiesen und lässt die Philosophin Catherine Newmark zu Wort kommen, die nicht davon überzeugt ist, dass hier Kunstfreiheit beschnitten wird. Ich übrigens auch nicht, auch wenn ich die Entscheidung, das Gedicht zu entfernen, für hochproblematisch und, ja, auch falsch halte.

Aber wenn Freiheit immer auch die Freiheit der Andersdenkenden meint, dann meint sie womöglich auch die einer Hochschule, ihre Haltung zu ändern und eine Fassade zu übermalen, die sowieso aus bautechnischen Gründen erneuert werden muss. Oder die Freiheit mal zu fragen, woher plötzlich das riesige Interesse an konkreter Poesie und das Fachwissen um die Unterscheidung zwischen Werk- und Wirkfreiheit kommt. In meinen Augen würde das die Debatte bereichern.

Ist das Kunst, kann das weg oder muss das bleiben?
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Kommentare 12
  1. Dirk Liesemer
    Dirk Liesemer · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

    Grundsätzlich finde ich die Idee spannend, die riesige Wand alle fünf Jahre mit einem Gedicht eines neuen Preisträgers zu versehen. Solche "Kunstwerke auf Zeit" gibt es ja auch anderswo. Aber was in diesem Fall dauerhaft hängen bleiben wird, ist die Vorgeschichte: die absurde Debatte, die von den Studentinnen des AStA lanciert wurde (es dürfte sich wohl mehrheitlich um Studentinnen gehandelt haben). Ihre Erklärung sagt jedenfalls mehr über sie selbst aus als über das Gedicht.

    1. Nils Pickert
      Nils Pickert · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      Lieber Dirk,
      hast du deren Brief von 2016 tatsächlich gelesen?

      (http://www.asta.asfh-b...)

      Ich finde es interessant, wie dort Bezug auf die konkrete Situation im öffentlichen Raum in Hellersdorf genommen wird. Für mich reicht das und alle anderen vorgebrachten Argumente wie gesagt persönlich nicht aus, um dieses Gedicht von der Fassade zu nehmen. Aber ich finde es schon bezeichnend, dass diese Dinge in der Debatte so vollkommen unter den Tisch freien. Stattdessen wird lautstark "Zensur!" gebrüllt. Das enttäuscht mich ehrlich gesagt ziemlich. Insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache, dass das auch und gerade von Leuten kommt, die die letzten Monate völlig zu Recht darauf hingewiesen haben, wie überzogen, felinformiert und deplaziert das "Zensur!" Gebrülle der AfD ist.

      Schade
      LG
      Nils

    2. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Nils Pickert Ich hatte erst einmal den Artikel kommentiert, den Du gepickt hattest. Vielleicht sollte ohnehin öfter auf Originaltexte verwiesen werden (in diesem Fall eben auf den offenen Brief, in einem anderen Fall auf den Text, den Catherine Deneuve und andere Frauen publiziert hatten). Den Hinweis im Brief des AStA, dass man sich zu späterer Stunde an der U-Bahn-Station Hellersdorf bedroht fühlt, muss man ernst nehmen. Aber dann sollte man fordern: mehr Licht, mehr Kameras, mehr Polizei - und nicht wie der AStA: weg mit dem Gedicht. Aber es geht auch weniger um Ängste, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern um eine puritanische, durch Gendertheorie getriggerte Empfindsamkeit. Mir ist das alles zu lustfeindlich. Dass solche Auffassungen nun auch die Poesie einebnen wollen und damit eben sehr wohl die Kunstfreiheit bedrohen, lehne ich ab. Aus welchem Grund hälst Du überhaupt die Entfernung des Gedichtes für - wie Du oben schreibst - "hochproblematisch und, ja, auch falsch"? Das habe ich bisher nicht verstanden.

    3. Judka Strittmatter
      Judka Strittmatter · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Dirk Liesemer Danke, Dirk! Nothing's left to say...

    4. Judka Strittmatter
      Judka Strittmatter · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Judka Strittmatter Ich hätte das Gedicht gern adoptiert, aber ich bin leider kein Hausbesitzer.

    5. Nils Pickert
      Nils Pickert · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Judka Strittmatter Aber Judka,
      da gibt es doch noch so viele Möglichkeiten: T-Shirts, Wandtattoos, Auto bedrucken, Tättowierungen, ein Makkaroni Bild und was nicht alles. Da ist sicher für jede*n was dabei.
      :-)
      LG
      Nils

    6. Judka Strittmatter
      Judka Strittmatter · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Nils Pickert Lieber Nils, da hast du recht, danke für die guten Ideen. ;) LG Judka

    7. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Judka Strittmatter Ja, Freiflächen gibt es doch in Berlin genug ... dann zieht das Gedicht einfach weiter.

    8. Nils Pickert
      Nils Pickert · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      @Dirk Liesemer Ich halte das unter anderem für falsch, weil ich die Sexismuseinschätzung nicht teile und selbst wenn ich sie teilen würde das den hundertsten Schritt vor dem ersten fände. Im Sinne von: Echt jetzt! DAS ist also das erste Gedicht, das wir wegen Sexismus aus dem öffentlichen Raum entfernen?! Darüber hinaus missfällt mir die Vorgehensweise, die Tatsache, das Gomringer nicht von Anfang an hinzugezogen wurde, die Art des offenen Briefes, die Sicht auf Kunst ganz allgemein uns noch so einiges mehr. Ich bin also gegen die Entfernung dieses Gedichtes.

      Ich bin trotzdem nicht der Meinung, dass das Entfernen gegen die Kunstfreiheit verstößt. In diesem Zusammenhang finde ich es ein bisschen wohlfeil, die Unterscheidung zwischen Werkfreiheit und Wirkfreiheit auszublenden. Und mir missfällt die Stoßrichtung und die Absolutheit der Kritik an dieser Entscheidung.
      Aber das habe ich ja bereits im Piq gesagt.
      LG
      Nils

  2. Uwe Protsch
    Uwe Protsch · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

    Ich persönlich halte die Angelegenheit für nicht so wichtig. Wenn sich jemand durch den fraglichen Text angegriffen fühlt, dann ist es für mich in Ordnung, ihn zu entfernen. Es muss ja niemand ohne Not vor den Kopf gestoßen werden.

    Allerdings frage ich mich, ob es nicht doch noch wichtigere Anlässe gibt, sich zu empören. Es soll hier nicht ein Missstand gegen den anderen ausgespielt werden. Aber wenn in Indien und anderen Ländern Frauen völlig straflos vergewaltigt werden, dann verstehe ich nicht, warum in Deutschland nicht jeden Tag Zehntausende dagegen vor der indischen Botschaft demonstrieren! Oder ist das nicht so wichtig wie irgendein (für mich) unverständliches Gedicht an einer Hauswand? Und wenn wir schon bei Hauswänden sind: Da würde ich mir auch mehr Empörung bei den ekelhaften Schmierereien und Aufklebern der Nazis wünschen!

    1. Nils Pickert
      Nils Pickert · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

      Lieber Uwe,
      als Mitarbeiter einer feministischen NGO kenne ich den "Habt ihr nichts besseres zu tun, kümmert euch doch mal um die wirklich wichtigen Probleme!" Vorwurf zu genüge. Ich will das hier auch gar nicht so hoch hängen, weil die ja dankenswerterweise bereits darauf hingewiesen hast, dass hier nicht der eine Missstand gegen den anderen ausgespielt werden soll.

      Es stellt sich nur schon die Frage, warum dieses Argument (in deinem Fall weiß ich das nicht) zumeist von Leuten kommt, die selber nicht vor der indischen Botschaft stehen und sich Unterstützung dafür wünschen, sondern einfach finden, "dass man das machen sollte, weil es so viel wichtiger ist". Bei näherer Betrachtung dient es meiner Einschätzung nach lediglich der Diskreditierung der anderen Position und hat nicht wirklich etwas mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Indien zu tun. Sonst würde man ja selbst was tun.

      Find ich schwierig.
      LG
      Nils

    2. Uwe Protsch
      Uwe Protsch · Erstellt vor 12 Monaten ·

      @Nils Pickert Auch nach über drei Monaten bin ich noch immer ungehalten über diese Antwort. Der Satz "Bei näherer Betrachtung dient es meiner Einschätzung nach lediglich der Diskreditierung der anderen Position" ist einfach eine gemeine Unterstellung und kann auch gar nicht aus meinem Beitrag hergeleitet werden. Aber um mal auf Dein Niveau hinunterzusteigen: Nur weil Du " Mitarbeiter einer feministischen NGO" bist, musst Du nicht glauben, hier Deutungshoheit zu haben!