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Fundstücke

Christian Gesellmann
Autor und Reporter
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piqer: Christian Gesellmann
Dienstag, 01.03.2016

Im Hinterhof der Geschichte

Eine gute Bekannte aus Bukarest erzählte mir vor Kurzem eine bemerkenswerte Episode: Als kleines Mädchen ging sie gern mit ihrer Freundin in einem Park spazieren. Dort stand die Statue eines Mannes in Uniform. “Immer wenn wir vorbei liefen, reckte meine Freundin eine Hand in die Höhe und rief: ‘Dir zum Respekt, Marschall!’ Ich wusste nicht, wer der Mann war, aber ich freute mich an der lustigen Art meiner Freundin und tat es ihr gleich.”

Später lernte sie, dass der Mann Ion Antonescu war, nach Mussolini der wichtigste Verbündete Adolf Hitlers im Zweiten Weltkrieg und verantwortlich für den Tod hunderttausender Juden und Roma. Die Freundin, die so beharrlich den Marschall gegrüßt hatte, war selbst Roma.

Welch höchst ambivalente Figur Antonescu in der Geschichte des Holocaust war, beschreibt der amerikanische Journalist und Historiker Robert D. Kaplan in seinem Artikel “The Antonescu Paradox” in der gleichsam wissenschaftlich präzisen wie erzählerisch brillanten Art und Weise, die den angelsächsischen Historikern so eigen ist.

Fast 600.000 Soldaten schickte Rumänien 1941 nach Stalingrad, so viele wie kein anderer Verbündeter Nazi-Deutschlands. Dennoch war Antonescu durchaus nicht der überzeugte Faschist, der Hitler war.

Während er in Kernrumänien so viele Juden vor der Gaskammer bewahrte wie kein anderer Verbündeter Hitlers, schickte er die Juden aus den von der Sowjetunion zurückeroberten Regionen Bukovina und Bessarabia fast vollständig in einen schrecklichen Tod.

Kaplan hat den Anspruch, aus der Geschichtsstunde Lehren für die Gegenwart zu ziehen: “ (for) there is a bit of Slobodan Milosevic, a bit of Bashar al-Assad, a bit of Vladimir Putin in Ion Antonescu.”

“The Antonescu Paradox” ist ein Auszug aus dem Buch “In Europe’s Shadow. Two Cold Wars and a Thirty-Year Journey through Romania and Beyond", das Rumäniens kontinuierliche Sonderrolle zwischen West und Ost - zwischen Rom und Byzanz, Wien und Konstantinopel, zwischen Brüssel und Moskau - beschreibt.

Im Hinterhof der Geschichte
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Kommentare 2
  1. Georg Wallwitz
    Georg Wallwitz · vor mehr als einem Jahr

    Es spricht nicht eben für unsere Geschichtsschreibung, dass wir immer wieder (zu unserem eigenen Schaden) aus den Augen verlieren, was sich an den Rändern Europas tut. Die Geschichte der Peripherie ist meistens spannender und lehrreicher als die des Zentrums.
    Sehr guter Text!

  2. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor mehr als einem Jahr

    Herzlich willkommen, Christian! Mutiger Auftakt. Schön, dass du dabei bist.