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Fundstücke

Blind für soziale Ungleichheit – nicht nur in der Pandemie

Jürgen Klute
Theologe, Publizist und Politiker
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Jürgen KluteFreitag, 26.03.2021

Ein Blick auf die Website des statistischen Bundesamtes vermittelt einem schnell den Eindruck, dass in der Bundesrepublik so ziemlich alles gezählt, vermessen und gewogen, also statistisch erfasst wird. Erst ein genauerer Blick zeigt, dass dieser Eindruck ungenau ist: Trotz vieler langer statistischer Reihen gibt es bemerkenswerte blinde Flecken beim staatlichen Zählen, Vermessen und Wiegen.

Darauf machte vor Kurzem Felix Römer auf dem Blog „Geschichte der Gegenwart“ aufmerksam. Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität und forscht im Rahmen eines Fritz-Thyssen-Projekts zur Wissensgeschichte der ökonomischen Ungleichheit in der Bundesrepublik.

Aufhänger seines Beitrags ist das Fehlen relevanter statistischer Daten zur Corona-Pandemie. Nicht das es keine Daten zur Pandemie gäbe. Über die Gesamtzahl der Infizierten, Genesenen, Verstorbenen und über die belegten Intensivbetten gibt es regelmäßig aktualisierte Zahlen – wenn auch aufgrund des technischen Rückstandes der Bundesrepublik mit gelegentlichen zeitlichen Verzögerungen. Über eines geben die täglichen statistischen Meldungen jedoch keine Auskunft: Über die soziale Ungleichheit in der Pandemie. Für eine wirksame Bekämpfung der Pandemie wären solche Informationen allerdings von Bedeutung.

In Großbritannien und in den USA, so Felix Römer, gibt es dagegen sehr gute und aussagekräftige Datenerhebungen zur sozialen Ungleichheit in der Pandemie, die etwa in die Entwicklung von Impfstrategien einbezogen werden. Römer dazu:

Das Wissen zeigt Wirkung. Jüngst wurde daraus die Forderung abgeleitet, deprivation und ethnicity als gleichberechtigte Risiko-Faktoren neben hohem Alter anzuerkennen – und betroffene Gruppen bevorzugt zu impfen. Die von COVID-19 entblößten krassen Ungleichheiten wurden zuletzt von Keir Starmer, dem Vorsitzenden der Labour Party, in den Mittelpunkt einer neuen Vision für eine gesellschaftliche Umkehr gestellt. Solche Statements und Analysen wie den Lawrence Review sucht man auf den Websites der SPD oder der Grünen vergeblich.

Aber nicht nur dieser aktuelle Vergleich mach den Artikel von Felix Römer interessant, sondern auch seine historischen und politischen Einordnungen dieser statistischen Informationslücken in der Bundesrepublik. Römer erinner daran, dass es im 19. Jahrhundert durchaus präzise statische Erfassungen und Auswertungen sozialer Ungleichheiten zu den damaligen Epidemien (oft Cholera) in größeren Städten wie z. B. Köln gab. Erst nach dem zweiten Weltkrieg bildete sich in der Bundesrepublik im Blick auf soziale Ungleichheiten eine statistische Blindheit heraus, wie Römer aufzeigt. Er bietet dafür auch eine Erklärung an:

Bekannte Gründe dafür lagen in dem tief verwurzelten Selbstbild der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ und dem Kontext des Kalten Krieges, der die Beschäftigung mit solchen Themen erschwerte. Wichtig war außerdem die sichtbare Wohlstandsentwicklung und das Narrativ des „Wirtschaftswunders“.

Weniger geläufig ist, dass der Erfolg dieser Narrative auch durch Nicht-Wissen bedingt war. Das sozialharmonische Bild der Mittelstandsgesellschaft wurde vom Soziologen Helmut Schelsky 1953 ohne breite statistische Grundlage formuliert. Und dass die Erträge des „Wirtschaftswunders“ lange vor allem bei den Top-Verdienern ankamen, zeigten erst spätere Analysen.

Blind für soziale Ungleichheit – nicht nur in der Pandemie

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Kommentare 1
  1. Der Barde Ralph
    Der Barde Ralph · vor 5 Tagen

    Ein sehr informativer Artikel, mit sehr vielen Aha Momenten.
    Danke

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