Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kuratoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik empfehlen
und kommentieren die besten Inhalte im Netz.

Du befindest dich im Kanal:

Flucht und Vertreibung

J. Olaf Kleist
Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Flüchtlingsforschung
Zum piqer-Profil
piqer: J. Olaf Kleist
Montag, 07.03.2016

Luftige Worte statt Komplexität: Deutsche Philosophen sprechen über Flüchtlingspolitik

Als sich Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski in die Flüchtlingsdebatte einbrachten, trugen sie markige Worte bei - doch wenig Verständnis für Politik und ihre Funktionsweise. Wie bereits in einem früheren piq verlinkt, stammen die dabei propagierten philosophischen Konzepte aus der national-konservativen Ecke. Nun geht der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der selbst eher in einer konservativen Ecke verortet wird, hart mit den deutschen Philosophen ins Gericht. Worthülsen würden eine Analyse der Situation ersetzen - und damit ignorieren, welche politischen Konsequenzen die Forderung nach geschlossenen Grenzen für Europa und für Deutschland hätte. Münklers Sorge (der übrigens auch selbst einige problematische Begriffe wie etwa 'Überlaufbecken' übernimmt) gilt zwar in erster Linie den politischen Institutionen und nicht den Flüchtlingen und deren Schutz. Doch selbst aus einer solchen Position, die keineswegs dem 'Gutmenschentum' zuzurechnen ist, wird die Absurdität und Gefahr einer realitätsfremden politischen Philosophie deutlich.

Luftige Worte statt Komplexität: Deutsche Philosophen sprechen über Flüchtlingspolitik
9,1
9 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Werde piqd Mitglied!

Kommentare 11
  1. Peter Schwede
    Peter Schwede · vor mehr als einem Jahr

    Sloterdijk's Analysen gingen in den Philophischen Runden schon immer mit luftigen Worten einher. Mal wird er dafür hoch angesehen, mal nicht. Er ist kein heiliger.

    Wer Feuchtgebietsrhetorik verwendet, um von Schwarm- und Schwabb-Modellierungen reden zu können, sollte nicht gleich verurteilt werden. Flüchtende folgen wie Schwarmindividuen extrem reduzierten Verhaltensregeln, die sich überwiegend ums Überleben drehen. Das berechtigt in gewisser Weise die Verwendung physikalischer Methaphern. Auch Biologie oder Elektrizität (Strom, Spannung, Widerstand) dürfen verwendet werden. Doch die Individuen ändern schnell ihren "Aggregatzustand", wenn z. B. ihre Grundbedürfnisse befriedigt oder genommen werden – was das System komplex macht.

    Ich wüsste gern, was der Systemtheoretiker Luhmann heute so sagen würde.

  2. Christoph Weigel
    Christoph Weigel · vor mehr als einem Jahr

    "überlaufbecken" paßt ja wunderbar in meine neue lieblings-schublade: feuchtgebietsrhetorik. diesen poetischen 'umbrella term' verdanke ich piqd.de, merci! (vergangene woche, aber in welchem piq war's denn nur...?)

    1. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      Die Begriffe von Münkler sollte man nicht auf die Goldwage legen.
      Der Mann ist einer der wenigen der die Zusammenhänge in der Flüchtlingsdebatte wirklich klug analysiert hat.

      Das Positive an Ihm ist, dass er in seiner Argumentation das Thema versucht vom emotionalen Aspekt zu entkoppeln um einen klaren Blick auf die Ereignisse zu bekommen.

      Der PIQ ist einer der wenigen klugen Analysen des Themas, der auch einmal die eigentliche Motivation der Bundesregierung hinter dem Schritt der Grenzöffnung erkennt.

      Es stellt sich trotz allem "smarten Denken" der BR aber dennoch die Frage, warum man versucht hat in diese Strategie nicht zumindest Frankreich stärker einzubinden.

    2. J. Olaf Kleist
      J. Olaf Kleist · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) Ich denke auch, dass Münkler als Realist der er ist (im Sinne der Internationalen Beziehungen), einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung beiträgt. Die Politik von Merkel ist eben nicht einfach Resultat eines Humanitarismus. Dennoch finde ich es problematisch, wenn Flüchtlingsschutz, also der Schutz von Menschenleben, in der momentanen Debatte als 'emotional' abgetan wird. Wenn Flüchtlingsschutz für irrational erklärt wird, dann muss ein realistischer Humanitarismus als ein Oxymoron erscheinen und Politik kann per se nicht für Flüchtlinge zu sein. Darin steckt aber auch eine Entmenschlichung der Schutzbedürftigen, wodurch sie als 'Flut' wahrgenommen werden, die ein 'Überlaufbecken' überhaupt erst notwendig zu machen scheinen. Da steckt dann der problematische Zusammenhang zwischen Münkler und den von ihm kritisierten Philosophen.

    3. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @J. Olaf Kleist Staaten denken eben nicht emotional. Um also die Handlungen der Staaten zu verstehen, muss man sich davon lösen. Es spielt natürlich auch eine Rolle, aber es hilft aktuell nicht. Der emotionale Aspekt wurde doch schon zu genüge reflektiert. Die "Emotionen" waren jetzt 5 Jahre lang nicht vorhanden für Syrien, stattdessen hat man fleißig und gegen das Völkerrecht Waffen in den Krieg geliefert um seine Geopolitischen Ziele zu erreichen. Da hat auch niemand sein Herz entdeckt bei...die Franzosen und die Briten, maßgebliche Akteure in Syrien sind auch nicht dazu bereit die Folgen Ihres tun nun zu tragen.

      Alles ein wenig scheinheilig.

    4. J. Olaf Kleist
      J. Olaf Kleist · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) Eine weitere problematische Gemeinsamkeit zwischen den Philosophen und Münkler liegt darin, dass 'souveräne Staaten' als die eigentlichen zentralen, wenn nicht einzig legitimen Akteure der Politik gesehen werden - wo sie sich unterscheiden ist, ob sie diese Souveränität in Gefahr sehen. Tatsächlich sind hier aber Regierungen mit verschiedenen Interessen am Agieren, die Stimmen von Bürgern sind relevant und auch das Handeln von Flüchtlingen. Dies ist die Komplexität von Flüchtlingspolitik die anerkannt werden muss und faktisch immer eine Rolle spielt. Mit Emotionen hat das tatsächlich wenig zu tun - und damit wird man auch nicht weit kommen, weder in dieser europäischen Frage noch in Syrien. Die Gefahr besteht darin, die Komplexität auf wabernde Begriffe zu reduzieren, wie es in der deutschen Philosophie eine lange Tradition hat, oder auf institutionelle Begrifflichkeiten einer liberalen Politik - in beiden Fällen findet die Realität von Flüchtlingen keinen Platz und sie erscheinen als Naturgewalten ('Flut' etc.), selbst wenn man emotional mit ihnen mitfühlen mag.

    5. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @J. Olaf Kleist Ihr Kommentar beschreibt die Lage ganz gut. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

    6. Christoph Weigel
      Christoph Weigel · vor mehr als einem Jahr

      @J. Olaf Kleist gut auf den punkt! entmenschlichung passiert einem meist ungewollt bei perspektiv-wechseln - so nötig die auch sein mögen, um eine vollständige analyse machen zu können.

    7. Christoph Weigel
      Christoph Weigel · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) keine goldwaage? widerspruch! worte/begriffe, die aufgeschrieben werden, müssen einer kritischen prüfung standhalten, sie tragen ja letztlich die aussage in ihrer syntaktischen verknüpfung. oder sie sind - z.b. in anführungszeichen wie 'überlaufbecken' - als "nicht komplett durchdacht", " slippery slope", oder "achtung! satire/ironie" zu markieren, um mißverständnissen vorzubeugen (statt emojis). bei gesprochenen worten geht das nachbessern im gespräch, im geschriebenen text nicht.

    8. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Christoph Weigel Was wäre denn ein Alternativer Begriff gewesen um den Umstand zu verdeutlichen den Münkler darstellen wollte.

    9. Christoph Weigel
      Christoph Weigel · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) das wäre wohl eher münkler's job gewesen, einen treffenderen, weniger schablonenhaften begriff zu finden.