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Flucht und Einwanderung

Wie IS-Frauen heiraten, um aus Internierungscamps zu fliehen

Lars Hauch
Researcher. Schwerpunkte: Mittlerer Osten, insbesondere Syrien.
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Lars HauchSamstag, 17.07.2021

Hunderte Frauen mit Verbindungen zum Islamischen Staat (IS) lassen sich digital vermählen, um an Geld zu kommen und ihre Flucht aus der Inhaftierung zu ermöglichen. Wie genau das funktioniert, hat der Guardian hier recht detailliert recherchiert. Nicht nur deshalb ist der Artikel spannend. Er regt überdies zum Nachdenken über Täter-Opfer Konstrukte an, und schließlich über die Art, wie westliche Medien zwei Jahre nach dem Kollaps des IS-Kalifats über das Geschehene berichten. Dazu später mehr.

Im Nordosten Syriens gibt es einige Camps, in denen Anhänger des IS interniert sind. Die Männer werden von den Frauen getrennt. In Al-Hol, dem größten Camp, leben schätzungsweise 60,000 Frauen und Kinder. Bewacht wird das Camp von den Demokratischen Kräften Syriens (SDF), einem Bündnis unter Führung der kurdischen YPG. Die SDF sind mit dem Management der Camps überfordert. Internationale Hilfe kann den Bedarf vor Ort nicht decken. Auch für Sicherheit sorgen können die SDF nur bedingt. Wachen um das Camp herum sollen größere Ausbrüche verhindern. Gelegentlich gibt es Razzien innerhalb des Camps, bei denen regelmäßig Waffen gefunden werden. Man kann sich vorstellen, was für ein Mikrokosmos in so einem Lager von radikalisierten und oft traumatisierten Menschen entsteht. 

Da die Wachen selbst in prekären Verhältnissen leben und teilweise von IS-Anhängern bedroht werden, ist Korruption ein großes Problem. Wer genug Geld hat, kann sich alles kaufen: Waffen, Einfluss, ein Ticket in die Freiheit.

Das Ticket in die Freiheit ist beliebt, denn die Zukunft in den Camps ist ungewiss. Einen Unterstützer außerhalb der Camps zu heiraten ist eine Möglichkeit, an das nötige Geld dafür zu gelangen. Das läuft meist so: Frauen legen ein Social-Media-Profil an, das eindeutige ideologische Botschaften beinhaltet. Daraufhin melden sich dann interessierte Männer. Die leben entweder in Europa oder anderen Teilen der Welt, oder aber in Syriens Nordwesten. Behörden fällt es schwer, die Geldströme zu verfolgen. Ist eine Ehe arrangiert, wird telefonisch im Beisein eines Würdenträgers geheiratet. Nicht alle Männer verfolgen eine romantische oder sexuelle Absicht, einigen scheint es bloß um Charity zu gehen.

Wer die Camps verlassen will, muss bis zu $15,000 berappen. Am günstigsten ist es, eine Wache zu bestechen und zu Fuß die Flucht anzutreten. Höhere Erfolgsaussichten hat es, sich in leeren Wassertanks und ähnlichem aus dem Camp schmuggeln zu lassen. Am teuersten ist die Flucht in einem privaten PKW, dessen Fahrer die zahlreichen Checkpoints auf dem Weg Richtung Nordwesten schmiert.

Nach 400 km Reise kommen die meisten der geflohenen Frauen/Kinder in Idlib an. Die Provinz wird von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) kontrolliert, einer dschihadistischen Organisation, die mit dem IS verfeindet ist. Der IS unterhält in Idlib trotzdem noch ein Netzwerk samt sicherer Häuser. Und Mitglieder von HTS heiraten auch „IS-Frauen“, angeblich in der Hoffnung, sie wieder auf den rechten Weg zu führen. Frauen vor Ort sind davon nicht unbedingt begeistert. Auf Facebook beschweren sie sich, dass Frauen aus den Camps ihre Männer anflirten würden.

Der Artikel endet mit dem Zitat einer 22 jährigen Uigurin namens Mehdia. Ihr Mann habe sie nach Syrien gebracht, als sie 17 war, und sie habe keine Ahnung gehabt, was sie erwarten würde. Nun will sie das Land verlassen, um ihren drei Kindern eine Zukunft bieten zu können.

Man könnte meinen, Mehdia sei ein Opfer. Teilweise trifft das vermutlich zu. Eine 17-Jährige in einer streng patriarchalen Gesellschaft kann nunmal nicht tun und lassen, was sie will. Gleichzeitig sind viele dieser jungen Frauen in Syrien zu Täterinnen geworden. Sie haben getötet, Sklavinnen gehalten und die Herrschaft des IS mit getragen. Nach westlichen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit haben sie nun Anspruch auf einen Prozess. Die westlichen Länder zieren sich aber massiv, tausende ihrer BürgerInnen wieder aufzunehmen. Aus dem Augen, aus dem Sinn. Und die vielen Kinder, die Neugeborenen in den Camps, sind sowieso Opfer. 

Über die Zustände in Al-Hol wird verhältnismäßig viel berichtet. Alles was mit dem IS zutun hat, ist für Schlagzeilen gut. Zumindest wenn es um die TäterInnen geht. Aber was ist mit den Opfern? Das Maß an politischer/medialer Aufmerksamkeit für die Millionen von Opfern des IS ist bedeutend geringer, als das für die TäterInnen. Was das mit Privilegien und kolonialen Mentalitäten zutun hat, beschreibt Seth Frantzman in diesem Twitter-Thread sehr treffend.

Wie IS-Frauen heiraten, um aus Internierungscamps zu fliehen

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