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Flucht und Einwanderung

Fabian Köhler
freier Journalist, Politik- und Islamwissenschaftler (M.A.)
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piqer: Fabian Köhler
Mittwoch, 29.06.2016

Von einem Land, in dem Selbstmord doch eigentlich gar nicht vorgesehen war

Als ich vor dem Krieg durch Syrien gereist bin, gab es vieles, womit meine syrischen Bekanntschaften immer wieder pflegten anzugeben: die Gastfreundschaft, das friedliche multikonfessionelle Zusammenleben, die neue Autobahnbrücke nach Beirut… Eine eher ungewöhnlicher aber dennoch immer wieder anzutreffende Vergewisserung syrischen Selbstbewusstseins: die Selbstmordrate. Verglichen mit skandinavischen Staaten sei diese in Syrien doch verschwindend gering. Selbstmord sei im syrischen Selbstverständnis nicht vorgesehen, hörte ich oft dann, wenn jemand zeigen wollte, wie hoch – trotz aller politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten - die Lebensqualität in Syrien sei.

Von der syrischen Lebensqualität schwärmt heute niemand mehr. Was aus dem, worauf Syrer einmal zurecht stolz sein konnten, geworden ist, zeigt diese eine Zahl für mich eindringlicher als die meisten Fernsehbilder: 41 Prozent der jungen Syrer im Libanon denken über Selbstmord nach, sagt eine UN-Studie. Vielleicht weil die Vorstellung vom Selbstmord einmal so selbstverständlich dem Selbstverständnis vieler Syrer widersprach, hat der Tod eines Mannes dieser Tage besonders große Anteilnahme in der arabischen Welt ausgelöst: Der syrische Tänzer Hassan Rabeh sprang aus dem siebten Etage seiner libanesischen Zwangsheimat.

Die Guardian-Autorin Tracy McVeigh stellt ihn und sein Schicksal kurz vor. Unfreiwillig macht sie allerdings die stärkste Aussage zu dem Thema, als der Text schon zu Ende ist: Wie bei Selbstmord-Texten üblich, stehen dort Telefonnummern für Betroffene. Betroffene in Großbritannien, Betroffene in den Vereinigten Staaten, Betroffene in Australien… Syrische Selbstmörder sind auch hier nicht vorgesehen. 

Von einem Land, in dem Selbstmord doch eigentlich gar nicht vorgesehen war
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