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Flucht und Einwanderung

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Donnerstag, 31.05.2018

unpiq: "Die Welt wird ein Aufenthaltsort für Heroen, wo sollen wir da hin?"

Heute titelt BILD: "55 Mio. Euro im Asylchaos versenkt". Es ist nicht das erste Stück mit dieser Stoßrichtung. Überraschend erscheint es da, dass unlängst ein Flüchtling aus Mali ohne Papiere als Held gefeiert wurde. Seine Geschichte, wie er ein Kind rettete, wird sogar retuschiert. Als er sich klar wurde, dass er sich gefährdet hatte, begann er zu zittern. Ein Detail, das in BILD und vergleichbaren Medien gestrichen wurde, damit er heldischer wirkt.

Einige werden sich an Brechts im Exil geschriebenes Stück über Galilei erinnern, der vorwurfsvoll hört:

Unglücklich das Land, das keine Helden hat.

Und Galilei antwortet:

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.

Ein Motiv, das in Brechts 1940 verfassten "Flüchtlingsgesprächen" auftaucht:

Über dem ganzen Kontinent nehmen die Heldentaten zu, die Leistungen des gemeinen Mannes werden immer gigantischer, jeden Tag wird eine neue Tugend erfunden. ... Eine homerische Tapferkeit wird gefordert, damit man auf die Straße gehen kann, die Selbstentsagung von einem Buddha, damit man überhaupt geduldet wird. ... Die Welt wird ein Aufenthaltsort für Heroen, wo sollen wir da hin?

Schon damals wurde die Mehrheit der Flüchtlinge ab- und einige als Helden aufgewertet.

Der französische Präsident bürgerte den "Helden" aus einem Land, in dem Frankreich Krieg führt, mittlerweile ein.

Koen Vidal vom belgischen De Morgen kommentierte treffend:

So eine Geste passt eher zum römischen Kaiserreich als zu einer europäischen Demokratie. ... Man fragt sich, was ein geflüchteter Mann aus Mali alles tun muss, um die französische Nationalität zu verdienen. Ist eine ultimative Heldentat seit Samstag die ultimative Voraussetzung für die Einbürgerung? Was wäre mit Gassama geschehen, wenn seine beeindruckende Rettung nicht gefilmt worden wäre? ... Politische Impulsivität und die Reaktionen der Wähler sind offensichtlich wichtiger als klare Regeln, Menschenrechte und eine stringente Politik, die auch die Ursachen von Migration angeht.

unpiq: "Die Welt wird ein Aufenthaltsort für Heroen, wo sollen wir da hin?"
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Kommentare 2
  1. Emran Feroz
    Emran Feroz · vor 20 Tagen

    Naja, Geflüchtete wissen nun Bescheid, wie sie zu Helden ernannt werden und eine EU-Staatsbürgerschaft erhalten können. Ich fand diesen Comic zur Thematik, den ich auch auf Facebook geteilt habe, sehr zutreffend: www.facebook.com/photo.php

    Die Heuchelei ist nämlich kaum auszuhalten.

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 20 Tagen

      Danke, den Comic sah ich auf facebook, fand ihn aber sonst nicht, deshalb verlinkte ich ihn nicht.
      Diese Heuchelei scheint, sonst hätte es ja Brecht nicht 1940 schreiben können, in vergleichbaren Fällen häufig bis immer aufzutreten.