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Flucht und Einwanderung

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Freitag, 06.04.2018

Leben im Transit - ein Gespräch über Flucht und Heimat

TRANSIT läuft seit dem 5. April im Kino. Es ist die Verfilmung eines großen Romans über Flucht und Vertreibung. Anna Seghers schrieb ihn Anfang der 40er Jahre auf dem Weg ins und im mexikanischen Exil. Sie verarbeitete ihre Erlebnisse in Marseille. Damals war die südfranzösische Hafenstadt ein Fluchtweg aus Europa. Heute ist sie ein Ankunftsort für die nach Europa Fliehenden. Diese Wellenbewegung ist für die älteste Stadt Frankreichs nichts Neues. Ein Museum der Zivilisationen des Mittelmeers stellt diese Geschichte und Geschichten dar. Im Gespräch erläutert Christian Petzold, warum er keine historische Literaturverfilmung wollte:

Ja, warum musealisieren wir sie? Wenn wir einen historischen Stoff verfilmen, dann sind wir uns sowas von sicher, wir kennen die Kostüme, die Sprache, die Studiosituation, wir müssen uns mit der Welt, wie sie heute ist, gar nicht auseinandersetzen. Deshalb drehen wir gerne solchen, ich sage es drastisch: Mist. Doch die großen historischen Filme schlagen immer durch auf die Gegenwart, sie schauen zurück. Die Vergangenheit soll uns anschauen, wir möchten was erfahren.

Petzold redet auch von seinen Eltern, die Mutter war aus dem Sudetenland vertrieben, beide flohen unabhängig voneinander aus der DDR:

Meine Eltern haben sich in einem Aufnahmelager kennengelernt. Vielleicht verstehe ich Flüchtlingsgeschichten deshalb sehr gut. Flüchtlinge sind nicht beliebt. Ich war in dieser Kleinstadt in allen Vereinen immer ein Zugezogener. Ich wurde als letzter eingeladen. ... Dieses Nicht-Dazugehören, wenn man in solchen Siedlungen aufwächst, die extra für Flüchtlinge gebaut worden sind, wie unsere Reihenhaussiedlung, so etwas prägt auch.

Viele wollen eine Heimat haben. Das ist verständlich, aber - so Petzold -, viele die heute so dominant von Heimat sprechen sind die,

die andere nicht reinlassen. ... Die Menschen haben sich immer vermischt. Aber wer jetzt von Heimat spricht, will eine Entmischung.

Ein lesenswertes Gespräch über einen sehenswerten Film!

Leben im Transit - ein Gespräch über Flucht und Heimat
8,6
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Kommentare 2
  1. Michaela Maria Müller
    Michaela Maria Müller · vor 6 Monaten

    Vielen, vielen Dank für den Hinweis. Ich habe den Film gesehen und das Interview dazu ist eine großartige Ergänzung.

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 6 Monaten

      Das freut mich. Und nicht vergessen, den Roman zu lesen.

      Dazu eine erhellende Passage in einem anderen Interview:

      PETZOLD: Als ich mit Harun Farocki (seinem langjährigen Co-Drehbuchautor, Anm.d.Red.) 1987 wie üblich samstags mit dem Auto zum Fußball fuhr, sprachen wir über Literatur und ich sagte - ohne Anna Seghers je gelesen zu haben! -, dass das ja wohl das Allerletzte sei. Daraufhin fuhr Harun rechts ran und fragte mich, ob ich einen an der Waffel hätte. Ob ich "Transit" gelesen hätte? Ich habe es dann sofort nachgeholt und ihn am Mittwoch angerufen, um ihm zu sagen, wie großartig ich den Roman fand.

      SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei "Transit" angesprochen?

      PETZOLD: Seghers schreibt ein unglaublich schönes Deutsch, wie ich es schon lang nicht mehr gelesen hatte. Gleichzeit war ihre Literatur schon auf der Reise nach Amerika. Ich hatte damals viel angloamerikanische Literatur wie William Faulkner und Charles Willeford, aber auch Kriminalromane gelesen. Daran mochte ich, dass der Erzähler oft wie ein Komplize zwischen Protagonisten und Lesern fungierte, wie ein Barkeeper, der einem Gast zuhört, der ihm erzählt, warum er seine Frau jeden Tag schlägt. Diese Erzählfigur des Barkeepers fand ich dann in "Transit" wieder - insofern war der Roman für mich selber im Transit: zwischen Europa und den USA und ihren verschiedenen Literaturen.

      www.spiegel.de/kultur/ki...