Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kuratoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik empfehlen
und kommentieren die besten Inhalte im Netz.

Du befindest dich im Kanal:

Flucht und Einwanderung

Achim Engelberg
Dr. phil.
Zum piqer-Profil
piqer: Achim Engelberg
Samstag, 07.01.2017

Das Drama einer Befreiung aus dem stillgelegten Leben der Asylanten

Wenn Dramatik beginnt, wo die Gesellschaft in den Einzelnen einbricht, werden in diesem außerordentlichen Erfahrungsbericht nicht nur Szenen aus dem "Wartezimmer des Lebens", dem Asylheim, erzählt, sondern die Geschichte einer Befreiung.

Die Dramatik des Asylanten ist der Einbruch von zwei Gesellschaften: Der des Herkunfts- und der des Asyllandes. Konkret: Der Autor ist Kurde mit alevitischem Glauben, verbrachte seine Kindheit in Anatolien und kam 13-jährig Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland. Der Grund war "ein unerklärter Bürgerkrieg zwischen Kurden und dem türkischen Staat". Das Asylverfahren dauerte fast ein Jahrzehnt.

In diesem Zeitraum waren die Ungewissheit und Zukunftsangst mir näher als mein Schatten; unter ihrer drückenden Last wurden meine Hoffnungen und Kräfte dünngerieben. Zum Leben kamen wir einfach nicht, weil die Erlaubnis dazu von den Behörden nicht erteilt wurde ... Als ich später die deutsche Redewendung »jemanden auf die Folter spannen« lernte, war ich sicher, sie sei erfunden worden, um meinen Gemütszustand in dieser Lage zu beschreiben. Eine raschere Entscheidung wäre sowohl in unserem Sinn als auch im Interesse der Aufnahmegesellschaft gewesen; die Ungewissheit im Wartezustand lähmte und raubte mir unnötig die Kräfte, die Angst vor einem möglichen Einzug in den türkischen Militärdienst tat ein Übriges, weil es mich als Kurden vor schreckliche Gewissenskonflikte gestellt hätte.

Die Befreiung aus dieser Zwangslage erfolgte erst mit dem Selbstbewusstsein eines dramatischen Heldens:

Es ist bezeichnend, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste als durch Kampfsport. Erst größere Erfolge auf diesem Gebiet konnten mein angeschlagenes Selbstwertgefühl einigermaßen wiederherstellen; immerhin bin ich im Kickboxen deutscher Meister geworden. Ich musste mich regelrecht freikämpfen von den inneren und äußeren Zwängen.

Das Drama einer Befreiung aus dem stillgelegten Leben der Asylanten
6,7
Eine Stimme
relevant?

Möchtest du kommentieren? Werde piqd Mitglied für unter 4€ pro Monat!

Kommentare 5
  1. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 11 Monaten

    Ich hab beschämend wenig Ahnung vom deutschen Asylrecht, aber die Bearbeitungszeit von Anträgen scheint mir tatsächlich eines der größten Probleme. Weißt du, wie sich dieser Zustand erklärt - den alle Parteien in mehrfacher Hinsicht teuer bezahlen?

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 11 Monaten

      Hier findest Du eine offizielle Antwort:
      www.direktzu.de/kanzlerin...
      Meines Erachtens leiden alle an der Verschärfung des Asylrechts nach der Neuvereinigung, die von den meisten Parteien mitgetragen worden ist. Zur Erinnerung: 1992 trat Günter Grass nach Jahrzehnten, in denen er sogar SPD-Wahlkämpfer war ("Tagebuch einer Schnecke"), aus dieser Partei aus: Wegen der Verschärfung des Asylrechts. Er wurde wegen seiner "veralteten" Position des engagierten Intellektuellen kritisiert; heute wirkt sie ganz aktuell. Eine geniale Vision des Nobelpreisträger von 1999? Nöööö, ähnliches sagten und schrieben Siegfried Lenz, Ralph Giordano, Klaus Staeck und andere.

    2. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor 11 Monaten

      @Achim Engelberg Vielen Dank für den Link. Meinte mit "Parteien" natürlich "Beteiligte", also politische Parteien, Flüchtlinge, Steuerzahler, etc.

  2. Fabian Köhler
    Fabian Köhler · vor 11 Monaten

    Zum "Asylant" hier eine kleinen Begriffskritik: www.sueddeutsche.de/politik/s...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 11 Monaten

      Um den dramatischen Aspekt zu verdeutlichen wählte ich den Ausdruck. Es ist den beschriebenen Erlebnissen angemessen. Deshalb gibt es ja bei dramatischen Geschichten nach wie vor Ausdrücke wie Neger oder Zigeuner.