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Flucht und Einwanderung

Berlin: Hauptstadt der syrischen Diaspora

Lars Hauch
Researcher. Schwerpunkte: Mittlerer Osten, insbesondere Syrien.
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Lars HauchSonntag, 06.12.2020

*Willkommen im zehnten Türchen des piqd-Adventskalenders.*

Rund 800,000 Syrerinnen und Syrer sind seit Beginn des Krieges nach Deutschland geflohen. Viele von ihnen wollen nach allem, was sie erlebt haben, nicht zurück schauen. Oder besser: Sie ertragen es nicht. Andere haben sich organisiert und engagieren sich politisch. Syriens Diaspora ist vor allem in Berlin äußerst präsent und aktiv. Im verlinkten Artikel besucht Ulrich von Schwerin einige von ihnen und vermittelt einen Eindruck der syrischen Zivilgesellschaft in der deutschen Hauptstadt.

Da ist zum Beispiel die 29-jährige Ameenah Sawwan, die den Chemiewaffenangriff im August 2013 nahe Damaskus überlebte. Ameenah hat Teile ihrer Familie in Syrien verloren, Schmuggler brachten sie schließlich vom Libanon in die Türkei. Sie sagte vor der US-Regierung aus, berichtete von den schweren Menschenrechtsverbrechen. Obama hielt sich trotzdem zurück. Heute arbeitet Ameenah bei The Syria Campaign in Berlin. Die Organisation archiviert Beweise über Menschenrechtsverletzungen und sammelt Spenden für syrische Aktivistengruppen. Leicht ist all das nicht. Gefühle von Entwurzelung und Sinnlosigkeit belasten Ameenah und ihre MitstreiterInnen. 

Dennoch gibt es Hoffnung. In Deutschland frei über Politik sprechen zu können sowie Politik machen zu lernen führt zu allerlei Dynamik. In der Diaspora wächst eine gut gebildete, motivierte und inspirierte Generation heran. Die Assad-Regierung werde sich nicht ewig an der Macht halten können, glaubt zum Beispiel Ferdinand Dürr von Adopt a Revolution, dessen Organisation die syrische Zivilgesellschaft unterstützt. Wenn es einen Machtwechsel gebe, komme die Stunde der Diaspora. 

Wafa Mustafa lebt mittlerweile auch in Berlin. Sie engagiert sich bei Families for Freedom, einer Organisation, die sich auf die Schicksale der zehntausenden Verschwundenen konzentriert. Immer wieder hat die Assad-Regierung den Tod einiger eingeräumt, insgesamt bleiben die Angehörigen allerdings unwissend. Diese Unsicherheit ist eine enorme Belastung, ganz zu schweigen von dem, was die Inhaftierten erleiden müssen. Wafa wurde 2011 selbst verhaftet und gezwungen, einen Freund zu verraten. Das System habe Methode gehabt, erzählt sie Ulrich von Schwerin: "Sie wollten, dass die Leute einander nicht mehr vertrauen". Misstrauen prägt auch das Verhältnis vieler Geflüchteter. Man fürchtet Unterwanderung durch die syrischen Geheimdienste. Viele Syrer, die ich selbst in Deutschland kennen gelernt habe, fürchteten in Deutschland sowohl die Geheimdienste als auch den IS. Einige hielten bzw. halten sich deshalb grundsätzlich von "Arabern" fern. Jahrzehntelange Überwachung haben in den Biographien und Verhaltensmustern ihre Spuren hinterlassen. 

Die deutsche Politik und Gesellschaft sollten die syrische Diaspora wertschätzen und fördern. Für die Identität ihrer entwurzelten Generation und die ungewisse Zukunft ihres Heimatlandes spielt sie eine wichtige Rolle. 

Von Deutschland ausgehende juristische Maßnahmen gehen dabei Hand in Hand mit einem niemals versiegenden Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Anerkennung. Am prominentesten dürfte derzeit der Prozess gegen Anwar R., einen ehemaligen Geheimdienstler der Assad-Regierung, sein. Nach deutschem Recht kann ihm hierzulande der Prozess gemacht werden, obwohl weder er noch die mutmaßlichen Opfer deutsche Staatsbürger sind. Sein Fall ist in vielerlei Hinsicht spektakulär, die Taz hat hier einen empfehlenswerten Text darüber veröffentlicht.

Die beschriebene rechtliche Grundlage gedenken auch andere Gruppen zu nutzen. Jüngst hat die Open Society Justice Initiative Strafanzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe gestellt. Die Behörden sollen den Giftgasangriff von 2013 aufklären, den Ameenah Sawwan überlebte. Unterstützt wird die Initiative zum Beispiel vom Syrian Archive in Berlin, das Beweismittel zusammenträgt und auswertet. Der Spiegel hat das Beweismaterial gesichtet und den Fall hier zusammenfasst. 14 Staatsanwälte in Karlsruhe sowie 28 Fahnder beim BKA arbeiten an derartigen Vorgängen — eine ganze Menge. 

Abschließend: Da im Zusammenhang mit Chemiewaffenangriffen in Syrien gern Zweifel gesät werden, verlinke ich präventiv diese Analyse. Dort könnt ihr Transparent die gesammelten Daten anschauen. Das traurige Ergebnis: Über 300 Angriffe mit Chemiewaffen seit 2013. 


Berlin: Hauptstadt der syrischen Diaspora

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Kommentare 4
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor einem Jahr · bearbeitet vor einem Jahr

    "Viele Syrer, die ich selbst in Deutschland kennen gelernt habe, fürchteten in Deutschland sowohl die Geheimdienste als auch den IS. Einige hielten bzw. halten sich deshalb grundsätzlich von "Arabern" fern. Jahrzehntelange Überwachung haben in den Biographien und Verhaltensmustern ihre Spuren hinterlassen." Es sind ja wohl auch reale Gefahren und Erfahrungen und weniger die Frucht jahrzehntelanger Überwachung. Wir sollten das sehr ernst nehmen.

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Jahr

    Aufschlussreich.
    Berlin wird allmählich eine Stadt der Oppositionen. Aus Syrien, aber auch aus der Türkei.
    Gibt es noch andere Länder des Mittleren Ostens, aus denen politische Flüchtlinge verstärkt nach Berlin kommen?

    1. Lars Hauch
      Lars Hauch · vor einem Jahr

      Definitiv! Dis:orient veranstaltet morgen ein Panel dazu, live bei Facebook zu sehen: https://disorient.de/e...

    2. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor einem Jahr

      @Lars Hauch Danke!

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