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Feminismen

Margarete Stokowski
Autorin
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piqer: Margarete Stokowski
Sonntag, 07.04.2019

Warum "Darf man noch Michael Jackson hören?" die falsche Frage ist

Hier ein ganz kurzer Text von Paula Irmschler zur Frage, ob man noch – zum Beispiel – Michael Jackson hören darf, wenn man von den Vorwürfen gegen ihn weiß. Oder R. Kelly. Oder ob man generell all die anderen Stars und ihre Werke weiterhin konsumieren oder feiern darf, auch wenn man weiß, dass sie Sexualstraftaten begangen haben (oder das sehr wahrscheinlich ist, aber nicht nachgewiesen werden kann).

„Jedes Mal, wenn herauskommt, dass ein Mann sexuellen Missbrauch verübt hat, lautet eine der ersten Fragen: Darf man noch die Kunst solcher Täter konsumieren? Darf man es? Darf man? Darf? Also machte ich den ultimativen Test. Ich schaute nach bei den gängigen Streamingdiensten. Da waren sie alle noch da: Regisseure, Produzenten, Musiker. Nichts indiziert oder so. Dann habe ich das Radio eingeschaltet. Den Fernseher. Auch da war alles noch in bester Ordnung. Nichts verboten. Auch das Abspielen im Freundeskreis, auf Partys, in Clubs, in Kinos, alles hat funktioniert. Niemand hat was dagegen. Man darf noch. Ein Glück!“

Aber natürlich ist mit der Frage „Darf man noch…“ nicht gemeint, ob man die Sachen legal noch kriegt, sondern ob es moralisch richtig ist. Paula Irmschler findet: falsch gestellte Frage. Wenn Missbrauch durch Prominente bekannt wird, ist die wichtigste Frage nicht unbedingt, inwieweit das nun die Freiheit derjenigen einschränkt, die diese Prominenten bisher mochten. Ich glaube ehrlich gesagt, kein vernünftiger Mensch fragt sinnvollerweise öffentlich „Dürfen wir das noch?“, sondern fragt sich selbst erst mal, ob sie oder er das mit dem eigenen Gewissen vereinbaren kann. Paula Irmschler schreibt das so ähnlich:

„Die Frage ist doch eher, ob man diese Kunst noch konsumieren will, und das wird jeder Mensch für sich individuell entscheiden."

PS: Und weil hier noch bisschen Platz ist, noch zwei interessante Texte zu David Bowie, von Sibel Schick (2017) und Jens Balzer (2018)

Warum "Darf man noch Michael Jackson hören?" die falsche Frage ist
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Kommentare 1
  1. Tobias Schwarz
    Tobias Schwarz · Erstellt vor 3 Monaten ·

    „Die Frage ist doch eher, ob man diese Kunst noch konsumieren will, und das wird jeder Mensch für sich individuell entscheiden."

    Zumindest zum Teil. Aber... das "darf" ist natürlich auch ein Hinweis darauf, dass bei einer solchen Entscheidung (egal zu welchem Thema) meist eine eine Seite der Debatte mit einem klar formulierten moralischen Anspruch antritt und jemanden, der individuell anders entschiede, auf dieser Basis persönlich bewertet (idR als nicht so guten Menschen). Sofern die Person, die eigentlich anders entscheiden wollte, aber eine entgegenstehende Position als sozial dominant bewertet, kann sie die andere Position nicht ignorieren. Und einer negativen sozialen Bewertung kann sie dann nur noch durch Anpassung der eigenen Entscheidung an die herrschende Meinung entgehen. Der Preis für eine freie Entscheidung des Einzelnen wird also sozial erhöht und diesen höheren Preis werden c.p. weniger Menschen zahlen wollen oder können, was wiederum den Anpassungsdruck verstärkt. Die wenigsten Menschen sind freudig Nonkonformisten. Deswegen ist die Sache mit der Deutungshoheit über Themen ja so relevant, genau so funktioniert die Institutionalisierung bestimmer sozialen Handlungsweisen, oder auch klassischer sozialer Druck (auf allen Seiten und allen strittigen Themen).

    Das mag man, vermutlich je nach Fragestellung, gutheißen oder beklagen. Aber vollkommen "frei" und "individuell" ist die eigene Meinung in einem sozialen Zusammenhang natürlich nie. Kann sie nicht sein. Insofern geht die Frage, ob man Michael Jackson nun noch hören darf auch nicht völlig am Thema vorbei. Allerdings ist es wohl weniger eine Frage nach konkreter Erlaubnis denn nach dem von der herrschenden Meinung als sozialadäquat angesehenen Verhalten. Und darin liegt zumindest implizit mitunter auch eine Kritik an der Herrschaft der betreffenden Meinung auf Basis des und als Kontrast zum Ideal einer wirklich "freien" Entscheidung. Die es (in diesem Sinne) halt nicht geben kann.

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