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Feminismen

Hatten die Frauen in der DDR echt das Patriarchat überwunden?

Margarete Stokowski
Autorin
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Margarete StokowskiMontag, 17.05.2021

Die DDR ist Gegenstand vielfältiger Klischees und Mythen in alle Richtungen, teils geht es dann darum, sie als Diktatur und Alptraum darzustellen, teils darum, sie zu romantisieren und für "Waren wir nicht schon mal weiter?"-Argumentationen zu verwenden. Dabei ist oft davon die Rede, dass Gleichberechtigung in der DDR gelebte Realität war und "die Frauen damals einfach gemacht" haben etc. (verdächtig: es geht dabei selten um die Männer damals), und dass sich etwa heute lebende Frauen einfach ein bisschen zu blöd anstellen und/oder zu faul sind und/oder nur jammern.

Diese taz-Kolumne von Lea Streisand handelt von diesem "Jammern" und enthält trotz ihrer lockeren Form einige relevante Punkte, die oft übersehen werden.

Die Erzählerin diskutiert mit ihrer Tante Erna darüber, ob „westdeutsche Mittelschichtsmütter aus Prenzlauer Berg“ nicht einfach nerven, mit ihren teuren Kinderwägen und ihrem Rumsitzen aufm Spielplatz.

Tante Erna macht es sich einfach. Mütter, die sie mag, sind aus dem Osten; Mütter, die sie nerven, sind Zugezogene aus den alten Bundesländern. Die Annahme lässt sich meist nicht verifizieren und trotzdem hat sie (wie jedes simple Erklärmodell) zahlreiche Anhänger. So als wären Ostfrauen per se Powerfrauen, unzerstörbare Superheldinnen, die nie gejammert, sondern immer weitergemacht haben.

Dass dabei einiges weggelassen wird, was nicht zum Modell Superheldin passt, ist klar:

Eine befreundete dreifache Alleinerziehende der Tantengeneration (voll berufstätig) hat mir erzählt, dass sie irgendwann Mitte der Neunziger morgens in ihrer Küche saß und ihren Kaffee verplemperte, weil ihre Hände so zitterten. „Ick hatte mir bei dem janzen Stress abends immer mal ’n Kurzen jenehmigt. Zum Entspannen. Und dann wurden es mehr. Und die Frauen, die mit mir Schicht arbeiteten, hatten auch immer watt dabei. Ditt haben wir uns denn in die Thermoskanne gekippt. Um durchzuhalten.“

Heute sei es zwar prinzipiell möglich sich zu beschweren, doch sich über jammernde Mütter lustig zu machen oder anders zu erheben ist immer noch etwas, das in großen Zeitungen oder feministisch gemeinten Blogs regelmäßig passiert. 

Mütterhass ist die konsensfähigste Form der Frauenverachtung. Mütter machen sowieso alles falsch. Das Ideal war immer die unsichtbare Mutter, die Projektionsfläche, das gütige gebende Gefäß für die Schwangerschaft, die heilige Maria, Mutter Gottes. (...) Die Mutti macht das. Die Mutti hilft und klagt nicht. Die westdeutsche Mutter in Prenzlauer Berg ist zur Personifizierung der Gentrifizierung geworden. Durch fortwährende unaufhörliche Gebärtätigkeit ist sie körperlich verantwortlich für die Wohnraumverknappung in der Hauptstadt.

Dass die Frauen der DDR als "Es geht doch"-Beispiel genutzt werden, ist historisch so fragwürdig wie es sinnlos ist, denn die DDR ist vorbei und auch in der DDR war nicht alles so revolutionär, wie oft behauptet wird. Wer die Kinderbetreuung von damals glorifiziert, hat vielleicht noch nichts von den Zuständen in DDR-Kinderheimen gehört, und wer meint, Frauen und Männer wären gleichberechtigt gewesen, vergisst vielleicht, dass der "Haushaltstag" der Tag war, an dem allerallermeistens die Frauen die Hausarbeit erledigten. Bezahlt, okay, aber halt: die Frauen. (Fun fact: Wikipedia spricht von einem "bezahlten, arbeitsfreien Tag", denn Hausarbeit gilt vielen immer noch nicht als Arbeit.)

Ich hab keinen Bock mehr, mir vorwerfen zu lassen, dass ich mit meinem Kind heute anders umgehe als Mütter in der DDR 1976. Ich hätte nur gerne halb so viele Betreuungsmöglichkeiten, wie es damals gab. (...) Ich bin heilfroh, in einer Zeit zu leben, in der ein öffentlicher Diskurs über Erschöpfung möglich ist und nicht sofort als Jammern ins Private zurückdelegiert wird. Ich hätte es unseren Müttern gegönnt. Also jammert, Mütter, jammert öffentlich! Jammern ist ein Privileg. Nutzt es!

Hatten die Frauen in der DDR echt das Patriarchat überwunden?

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Kommentare 1
  1. Beate Detlefs
    Beate Detlefs · vor 6 Monaten

    Für mich liegt der entscheidende Faktor in der Berufstätigkeit. Als ich mit 16 Jahren Franziska Linkerhand gelesen habe, war das der erste Roman mit einer berufstätigen Frau als Hauptperson für mich. Ein Geschenk meiner Cousine aus der DDR. Sowohl Franziska Linkerhand als auch meine Cousine (Futterökonom, 3 Kinder) waren entscheidende Vorbilder für mich.

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