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Europa

Keno Verseck
Journalist

geb. 1967 in Rostock, freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Mittel- und Südosteuropa.

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piqer: Keno Verseck
Mittwoch, 11.04.2018

Warum ist Orbán so erfolgreich? Und welche Folgen hat sein Wahlsieg?

Viktor Orbán hat den größten Wahlsieg seiner bisherigen politischen Karriere erzielt: zum dritten Mal hintereinander hat er eine Wahl gewonnen, zum dritten Mal mit Zwei-Drittel-Mehrheit - bei hoher Wahlbeteiligung (Orbán ist der exklusive Wahlsieger, ohne ihn würde seine von ihm bolschewistisch geführte Partei Fidesz binnen kürzester Zeit zerfallen). Die nackten Zahlen hinter diesem Wahlsieg zeigen zwar, dass Orbáns Legitimation nicht so hoch ist, wie es scheint (von acht Millionen Wahlberechtigten stimmten 2,3 Millionen für Orbán, eine leichte Mehrheit votierte für die Opposition), dennoch bleibt die Tatsache eines überwältigenden Erfolges. Seine Ursachen sind komplex: Sie reichen vom unfairen Wahlsystem, über die Medienübermacht der Regierung, die Schwäche der Opposition bis hin zu Orbáns Persönlichkeit. In einer hervorragenden Analyse, Titel: "Ein Sieg für den populistischen Paternalismus", fasst der ungarische Politologe Dániel Hegedüs die Gründe für Orbáns Triumph zusammen und beschreibt die Folgen für Ungarn und Europa. Hegedüs konstatiert u.a. ganz wunderbar:

Der Schlüssel [von Orbáns Erfolg] ist seine flexible, magische Formel eines semi-autoritären populistischen Paternalismus, der auf der Unterordnung der Öffentlichkeit unter einen starken Staat beruht, der sich sowohl materiell als auch psychologisch um "das Volk" kümmert. Psychologisch gesehen, erlaubt Orbán den Menschen, ihre angeborenen, irrationalen Ängste auszudrücken, die oft von Fremdenfeindlichkeit, Gier und Hass geprägt sind. Seine Politik ist genau zugeschnitten auf die habituellen Strukturen im postsowjetischen Mittel- und Osteuropa. Orbán bietet seinen Anhängern eine Selbstverwirklichung, indem er ihren Vorurteilen schmeichelt und den Einzelnen von der Last einer individuellen Verantwortung in einem politischen, wirtschaftlichen und sogar in einem breiteren sozialen Sinn befreit.

Und wie weiter? Orbáns Erfolg, so Hegedüs, sollte in der EU und international ein "finaler Weckruf" sein. Fürwahr.

Warum ist Orbán so erfolgreich? Und welche Folgen hat sein Wahlsieg?
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Kommentare 4
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor etwa einem Monat

    Sehr spannend. Weil es so ist, wie beschrieben, ist die für mich größte Frustration dieser Tage, die jubelnde Zustimmung für Orban aus der Union. Das ist so destruktiv und toxisch und unüberlegt, dass es mich ganz fassungslos macht. Anstatt "finalem Weckruf" ein hysterisches und verängstigtes "Hurra" - aus hilfloser Angst vor der AfD.

    1. Keno Verseck
      Keno Verseck · vor etwa einem Monat

      Orbán ist eine Art Allzweck-Joker von Seehofer & Co. Deshalb, aber auch durch viel eigenes Talent ist er in Deutschland zu einem politischen Faktor geworden.

  2. Nadine Portillo
    Nadine Portillo · vor etwa einem Monat

    "erlaubt Orbán den Menschen, ihre angeborenen, irrationalen Ängste auszudrücken" --- ANGEBORENE Ängste? Das ist in meinen Augen kein wunderbarer sondern ein mindestens mal populistischer wenn nicht gar rassistischer Kommentar... Oder habe ich da was falsch verstanden?

    1. Keno Verseck
      Keno Verseck · vor etwa einem Monat

      Im Original schreibt Hegedüs: "innate". Man könnte das mit "angeboren" oder auch mit "Ur-" übersetzen. Ich habe angeboren gewählt. Ich finde die Aussage nicht populistisch und nicht rassistisch. Fast alle Menschen haben in der einen oder anderen Form Angst vor "dem Anderen", seien es Menschen, seien es Dinge. Es ist eine zivilisatorische Leistung, das zu reflektieren und daraus humanistische Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber nicht jeder, der beispielsweise in Bezug auf Flüchtlinge diese (schwierige) Leistung nicht permanent erbringt, ist deshalb gleich ein Rassist. Es ist die Aufgabe von Landesführungen, mit existierenden Ängsten und Stimmungen in Bevölkerungen, die vielleicht nicht berechtigt sein mögen, aber dennoch, ob wir es nun wollen oder nicht, vorhanden sind, auch in jedem Einzelnen von uns, verantwortlich umzugehen. Genau das findet in Ungarn nicht statt. Das hat Hegedüs in seine Analyse gepackt. Das fand ich "wunderbar".