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Europa

Ukraine – die jüngere Geschichte ihrer Unabhängigkeit

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlMittwoch, 18.05.2022

Manchmal hilft ein konkreter Blick in die Geschichte, um die Gegenwart besser zu verstehen. Oder auch die Irrationalität mancher Ereignisse zu erkennen. 

Am 8. Dezember 1991 beschlossen der russische Präsident Boris Jelzin, der Präsident der Ukraine Leonid Krawtschuk gemeinsam mit dem Parlamentspräsidenten Stanislau Schuschkewitsch die Auflösung der Sowjetunion. Das Treffen fand, aus Furcht vor einer Intervention des KGB, heimlich in einer abgelegenen Regierungsvilla im Südwesten von Belarus, direkt an der Grenze zu Polen statt.

Auf dem Treffen agierte Krawtschuk mit einem klaren Auftrag der ukrainischen Bevölkerung. In der Woche zuvor waren die Ukrainer in einem Referendum mit 90 Prozent der Stimmen – bei einer Wahlbeteiligung von 84 Prozent – für die Unabhängigkeit ihres Landes eingetreten. Und sie wählten Leonid Krawtschuk am gleichen Tag mit 61 Prozent zu ihrem Präsidenten.

Dabei hatte
 Präsident George Bush Senior noch in letzter Sekunde die Gründung der unabhängigen Ukraine zu verhindern versucht. Am 1. August 1991 warnte er in einer Rede im ukrainischen Parlament vor der Selbstständigkeit des Landes und warb für einen Verbleib in einer erneuerten Sowjetunion, anstatt dass es «den hoffnungslosen Kurs der Isolation» verfolge.

Die US-Regierung und viele andere westliche Akteure und Beobachter fürchteten ein unkontrollierbares Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Wer würde dann über die Atomwaffen verfügen? Würde es zu endlosen Grenzstreitigkeiten und etlichen lokalen Kriegen kommen? «Freiheit ist aber nicht gleich Unabhängigkeit», sagte Bush in Kiew, die ukrainischen Abgeordneten warnend. «Die Amerikaner werden diejenigen nicht unterstützen, die nach Unabhängigkeit streben, um eine ferne Tyrannei durch eine lokale Despotie zu ersetzen. Sie werden denen nicht helfen, die einen selbstmörderischen Nationalismus fördern, der auf ethnischem Hass beruht.»

Zuvor hatte sich der Präsident der USA noch mit Michail Gorbatschow getroffen um den Start-Vertrag zu unterzeichnen. Damit konnten ein Drittel der strategischen Atomwaffen verschrottet werden. Der Westen setzte weiterhin auf Gorbatschow. Selbst die Unabhängigkeit der drei baltischen Länder war noch nicht anerkannt. Ändern sollte sich das erst nach dem Moskauer Putsch. Eine Gruppe kommunistischer Alt-Funktionäre und Generäle hatte am 19. August 1991 versucht, sich an die Macht zu putschen um jedwede Unabhängigkeitsbewegungen zu unterbinden. Soviel zur angeblichen Grundstrategie der USA, die Sowjetunion bzw. ein starkes Russland überhaupt, von der politischen Landkarte verschwinden zu lassen. 

Für die Mehrheit der Ukrainer war dieser Putschversuch ein zusätzlicher Impuls im Streben nach der Unabhängigkeit. Wer wollte schon in einem KGB-Staat leben. 

Das galt auch im mehrheitlich russischsprachigen Donbass – dort wollten 83 Prozent der Menschen Ukrainer sein.

Aus heutiger Sicht mutet es beinahe seltsam an, dass zur revolutionären Avantgarde damals sogar die dortigen Kohlearbeiter zählten. Sie kämpften mit dem Slogan «Weg von Moskau». Seit langem hatten sie das Gefühl, vom sowjetischen Zentralstaat, von Moskau, ausgebeutet zu werden. Wir heizen das riesige Land und leben so schlecht, wie kann das sein? 

Sicher war diese Stimmung nicht ganz uneigennützig. Denn nach Kiew schienen die Wege kürzer, man erhoffte sich mehr Einfluss auf die eigene Situation. Aber Stimmungen wechseln schnell im Volk:

Wenig später huldigten sie dann dem Mythos, von Kiew ausgebeutet zu werden. Doch tatsächlich musste die Kohleindustrie, wie auch im Westen, schon seit den siebziger Jahren subventioniert werden.

Der Autor nennt verschiedene pragmatische und historische Gründe für den Wunsch der Ukrainer nach Unabhängigkeit:

  • nun endlich offen über die vielen von Moskau aus organisierten Verbrechen sprechen;
  • den Abbau der zentralistischen Planwirtschaft – natürlich auch als eine Gelegenheit zur Umverteilung und Aneignung des Staats-Eigentums;
  • vor allem Jugendliche wollten in einer freien Gesellschaft leben, eigene Ideen entwickeln und umsetzen.

Richtig ist wahrscheinlich auch:

Nur etwa ein Viertel der Bevölkerung träumte nach Berichten von Zeitzeugen davon, ein ukrainisches Haus zu bauen, fair und gerecht in der Familie der europäischen Nationen zu leben und die ukrainische Kultur, die ukrainische Sprache wiederzubeleben.

Das entwickelte sich erst allmählich. Denn insgesamt war und ist die politische Kultur der Ukraine offensichtlich eine andere als die in Russland. Und so wundert es nicht:

Das oft beneidete Vorbild für die Modernisierung der postkommunistischen Gesellschaft ist für die meisten Ukrainer nicht Russland, sondern Polen. Mit dem Nachbarn glaubte man sich 1991 ungefähr auf der gleichen industriellen Entwicklungsstufe, dem gleichen Lebensniveau, hatte ähnliche Aufgaben der Transformation zu bewältigen. Im Westen lockten neue Technologien und Ideen, neue Phänomene wie Computer und bald auch das Internet. 

In Russland blieb die Sehnsucht nach dem starken Führer "und somit nach Selbstversklavung" weiterhin wach. Ukrainer – so der Autor – lehnen traditionell hingegen eine starke zentrale Macht ab. 

Mein Haus steht am Rande, lautet ein populäres ukrainisches Sprichwort. Mir hat niemand etwas zu sagen, ich dulde keine Macht über mir, lautet Gesetz Nummer eins. Kein Moskau, kein Kiew. Am liebsten ist jeder sein eigener Chef. Drei Kosaken, vier Anführer, sagt der Volksmund. Der oberste Wert ist die Freiheit, Freiheit von Fremdherrschaft und autoritärer Macht. Frei zu sein, ist schlichtweg eine Frage der Würde. 

Und so ist für die Ukrainer eine Revolution zum Erhalt von Unabhängigkeit und Freiheit eine «Revolution der Würde», wie die letzte Maidan-Revolution. Das Agieren Moskaus hat dieses Selbstverständnis nur verstärkt. Man kann, um mit Jens Bisky zu sprechen, die Ukraine auch als vielfältig, wie ein Europa im Kleinen charakterisieren: multikonfessionell, multilingual, multiethnisch. So hat sich eine zivile Gesellschaft entwickelt, die trotz aller Wirren der Geschichte ein überraschendes Maß an Eigenwilligkeit, Selbstorganisation und auch Selbstverantwortung aufweist und dies als demokratische Prinzipien auch verteidigt.

Was man durch die russische Brille, die leider auch viele im Westen aufhatten, weder sehen noch verstehen kann und auch nicht wollte. Wir sollten uns daher endlich eine neue Brille aufsetzen, um auf die Ukraine zu schauen. Aber auch auf die anderen Staaten und Regionen der ehemaligen Sowjetunion – inklusive Russlands.

Ukraine – die jüngere Geschichte ihrer Unabhängigkeit

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Kommentare 3
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 3 Monaten

    iCh kann mich (wieder) daran erinnern: der Westen, wir wollten dass die Sowjetunion zusammen blieb - klar als Demokratie und in Frieden. Aber der Trend ging historisch für uns zu größeren Staatsgebilden wie EU, da löst man sich doch nicht auf in kleinere Staaten.
    Die Gründung der GUS schien einen Ausweg zu bieten, allein schon weil irgendwelche "kleineren" ethnischen Konflikte und Autonomiebestrebungen sind ja lösbar wenn alle sowieso unter einem Dach leben...

    Die Trennung von Tschechoslowakei war schon ... enttäuschend. vom Jugoslawien gar nicht zu reden.

    Das geht uns heute noch so: Katalonien sich von Spanien trennen? Schottland von GB?
    da stecken wir in der politischen Zwickmühle...

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Monaten

      "Der Westen" hat auch zu wenig über den Osten gewußt, nachgedacht. M.E. bis heute. Der Osten war kein freiwilliger Zusammenschluß gleichberechtigter Völker sondern ein Imperium mit aufoktroyierten Gesellschaftsstrukturen. Um eine Staatengemeinschaft zu bilden muß man sich doch als Staat/Nation erst mal selbst finden und orientieren. Und der wechselseitige Hass, der Chauvinismus, das Machtstreben, der Neid etc. muß entlernt werden. Demokratie gelernt werden. Auch gegen den Widerstand der radikalen Nationalisten. Das mit der Demokratie leben ist doch selbst im Westen problematisch.

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 3 Monaten

    sehr spannend. Danke!

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