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Europa

Russland und seine archaische Kultur des Bösen?

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlDienstag, 21.06.2022

In einem emotional sehr bewegenden Artikel fragt Sergei Medwedew schockiert, woher dieses "archaische Böse", die Brutalität und Mordlust kommt, das die russische Armee in der Ukraine offensichtlich auslebt.
Was seit drei Monaten in der Ukraine passiert, ist eine Orgie epischer, entgrenzter Gewalt. Mit Massenerschießungen und bestialischer Folter, der Ermordung von Zivilisten, einfach so, aus Langeweile, zum Spaß, mit Vergewaltigungen und Morden von Eltern vor den Augen ihrer Kinder und umgekehrt, mit Gewalt an Frauen und Mädchen im Alter von acht bis 80 Jahren. 
Seine These, diese sich massenhaft entladende brutale Gewalt entspricht der strukturellen Gewalt, die russische Machtapparate seit historischen Zeiten praktizieren. Wie die Gesellschaft und ihr Volk, so ihre Kriegsführung – könnte man sagen:
Man muss nicht Fjodor Dostojewski, Juri Mamlejew oder Vladimir Sorokin sein, um die dunkelsten Winkel der russischen Seele zu erkunden. Man braucht sich nur die Chronik der Polizeigewalt anzusehen, die Folter auf den Polizeirevieren und in den Strafkolonien, die Verbrechen der Armee, um zu verstehen, dass die Ereignisse in Butscha, Irpin und in den ganzen anderen von den Russen okkupierten Städten und Dörfern weder Exzess noch Pathologie sind. Sie sind vielmehr ein Teil der Norm, Routinepraktiken der russischen Gewaltapparate.
Zum Beispiel haben Journalisten das Verhalten, das Image der russischen Einheiten aufgedeckt, die etwa in Butscha usw. gemordet haben. All diese Truppenteile sind auch in Friedenszeiten für ihre Brutalität bekannt. Eine Brutalität, gegen die offensichtlich nicht systematisch vorgegangen wird. Eine Studie, die sich mit den Gewaltpraktiken der russischen Militärs befasst hat konstatiert, 
dass die Kriegsverbrechen der russischen Armee im 21. Jahrhundert – von Tschetschenien und Georgien über Syrien und den Donbass bis hin zum Beginn der aktuellen Phase des Kriegs – ungestraft geblieben sind. Die russischen Streitkräfte haben im Unterschied zu den westlichen Armeen keine institutionelle Kultur entwickelt, die die Verluste unter der Zivilbevölkerung minimieren würde: In der russischen Armee existieren keinerlei Schutzmechanismen gegen ungerechtfertigte, willkürliche Gewalt.

Was heute passiert, macht deutlich, dass weder das stalinistische Erbe noch das Erbe des zaristischen Kolonialismus überwunden wurde. Zaghafte Versuche, wie etwa "Memorial" (die erste und älteste Menschenrechtsorganisation in Russland) wurden dort abgebrochen und verboten. „Letalität und Sieg um jeden Preis" bleibt wohl die Direktive nicht nur der russischen Armee. So sind dank der mobilen Endgeräten und der sozialen Netzwerken (die man dafür auch mal positiv erwähnen muss)

Terrabytes von schockierenden Beweisen für Folter, Missbrauch und Vergewaltigungen an die Öffentlichkeit gedrungen, die seit Jahrzehnten zur gängigen Praxis in den russischen Gefängnissen gehören und zur Norm im Umgang der Verwaltung mit den Häftlingen und der Häftlinge untereinander geworden sind.

Diese strukturelle Gewalt, die sonst die soziale und politische Ordnung im inneren des Landes aufrecht erhalten soll, wird nun plötzlich – "mit einer zweihunderttausendköpfigen Invasionsarmee" – massenhaft in dem Nachbarland deutlich. Staatlich unterstützt und ideologisch begründet. Das Problem so Sergei Medwedew sind nicht so sehr die vielen einzelnen Gewalttäter, es ist das russische System selbst. Es ist der russische Faschismus, wie ihn etwa Timothy Snyder mit einer Liste von Merkmalen charakterisiert: 

Eins: Einparteienherrschaft. Zwei: der Kult des Führers. Drei: Kontrolle der Medien. Vier: Kult des Imperiums, seiner Toten und seiner historischen Unschuld. Fünf: Die Welt wird durch Verschwörungstheorien erklärt. Sechs: ein Ständestaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien, nur noch radikaler. Sieben: Vernichtungskrieg und Völkermord. Acht: ein Kult des Willens und der Tat. Russlands hybride Kriegsführung, diese Kombination aus Propaganda und Gewalt, kann als Triumph des Willens über die Realität gesehen werden. Und dann natürlich die Idee vom Feind. Der Ausgangspunkt des Faschismus ist der Begriff des Feindes, und der Feind Russlands in Putins Sicht ist der Westen. …..
Das "Genozid-Handbuch" wurde schon geschrieben. Der ideologische Überbau und die moralische Grundierung – zumindest von größeren Teilen des Volkes – scheinen passfähig.
Russland und seine archaische Kultur des Bösen?

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Kommentare 3
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 14 Tagen

    Ein großartiger Artikel.

    Der erwähnte Film Grus 200 von Alexej Balabanow, der das Phänomen des russischen Faschismus vorausgesagt hatte, gibt es momentan mit englischen Untertiteln: https://www.youtube.co....

  2. Bernd Bauche
    Bernd Bauche · vor 14 Tagen

    Ich bin zwar im Grundsatz einverstanden, halt aber die Gegenüberstellung Russland / der Westen für zu extrem. In den Kolonial-Kriegen haben auch kultivierte Franzosen und Niederländer reihenweise brutale Verbrechen verübt. Krieg wirkt immer etwas verrohend-und wenn denn der jeweils Andere als Mensch 2. Klasse angesehen wird, nimmt die Katastrophe ihren Lauf

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 14 Tagen

      Sehe ich im Grunde auch so. Seit den Kolonialkriegen scheint sich aber auch einiges strukturell verändert zu haben. Auch wenn wir noch nicht alle wook sind. 😏 Das ist wohl der Unterschied zu weiten Teilen Rußlands. Wo man diese Tendenzen zurückzudrehen versucht.

      Dazu existiert im Westen eine Opposition und unabhängige Medien. Auch der Rechtsstaat greift im Ernstfall wahrscheinlich ein. Selbst in den USA mit ihrem sicher auch hohen Gewaltpotential.

      Aber klar, ein langer und schwerer Krieg würde auch in westlichen Armeen zu steigenden Verrohungen führen.

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