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Europa

Russland, das Matroschka-Imperium?

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlMittwoch, 25.05.2022
Was unterscheidet das russische Imperium von den anderen - dem Osmanischen Reich oder das KuK-Österreich, die im Ersten Weltkrieg zugrunde gegangen sind? Russlands Reich entstand in vergleichbaren Etappen der Siedlerkolonisierung und der militärischen Expansion, kennt aber bis heute keinen vergleichbaren Zerfall seines Reiches. Eric Hobsbawn z. B. schreibt dies in seinem Buch "Das Zeitalter der Extreme" den Bolschewiki zu, die mit brutaler Gewalt das Imperium einfroren und zusammenhielten:
Als einziges der alten dynastisch–religiösen Imperien hat es den ersten Weltkrieg überlebt, anders als das osmanische Reich, dessen Sultan der Khalif aller Gläubigen Muslims gewesen war, und das Habsburger Reich, dass besondere Beziehung zur römischen Kirche unterhalten hatte, und die beide unter dem Druck der Niederlage zusammengebrochen und zerstört worden waren. Das Russland als einziges multiethnisches Gebiet von der polnischen Grenze im Westen bis zur japanischen Grenze im Osten überleben konnte, war so gut wie gewiss der Oktoberrevolution zu verdanken. 
Der Artikel will historisch tiefer bohren und stellt nun die Frage, warum auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sich kein Zerfall einstellen will?
Zur Überraschung des Westens gilt dies sogar noch nach dem Ende des sowjetischen Imperiums. Das Abenteuer auf der Krim, die Versuche, Satellitenstaaten von Transnistrien bis Südossetien und von Abchasien bis zu den „Volksrepubliken“ im ukrainischen Donbass aufzubauen – all dies zeigt, dass Russland in keiner Weise die Absicht hat, „normal“ zu sein.
Den größten Unterschied zwischen dem neuzeitlichen Russland und Großbritannien oder Frankreich sehen die Autoren darin, dass die britischen und französischen Imperien um einen Nationalstaat als Kern entstanden. Das russische Imperium jedoch sei "von einem anderen imperialen Staat und um diesen herum errichtet" worden. Deswegen wählen sie die bekannten Matroschka-Puppen als charakteristisches Symbol für das moderne Russland, dessen Imperium auf genau diesem Prinzip beruhe.
Nach unserer Auffassung ist nichts so irreführend wie Putins Worte: „Was war die Sowjetunion? Dasselbe Russland – nur unter einem anderen Namen.“ Ebenso wenig, wie sich das britische Empire mit Großbritannien gleichsetzen lässt, war die Sowjetunion mit Russland identisch. Noch nicht einmal das russische Imperium zu seiner besten Zeit lässt sich mit Russland gleichsetzen.

Das Narrativ, der Ursprung des Imperiums basiere auf einer sozusagen  „internen Kolonisierung“ russischer Völker ist demnach falsch. 

Das, was im nördlichen Eurasien zwischen dem frühen 16. und dem späten 17. Jahrhundert geschah, war keine „interne Kolonisierung“ Russlands, sondern eine externe Expansion des Großfürstentums Moskau. Die weit verbreitete Vorstellung, es gebe im Inneren des riesigen russischen Imperiums einen Kern, der als Stammgebiet des russischen Volkes Russland genannt werden könnte, kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.

Während also im Westen sich vor dem Beginn ihrer kolonialen Expansion Gesellschaften herausbildeten, die später zu Nationalstaaten wurden, war dies beim Großfürstentum Moskau anders - es war kein Nationalstaat, als es seine koloniale Ausdehnung vorbereitete. 

Insofern kann man sagen, dass Russlands Expansion begann, bevor sich das Land zu einem wirklichen Nationalstaat entwickelte. Tatsächlich argumentieren viele Historiker heute, dass Russland die Eigenschaften eines Nationalstaats nicht nur in der Vergangenheit fehlten, sondern dass es auch keine Aussicht hat, sie in Zukunft zu erwerben.

Womit wahrscheinlich eine Demokratisierung von innen heraus langfristig  erschwert wird?

Die westlichen europäischen Mutterländer hatten hingegen alle eine lange Geschichte der Formierung als Nation, besaßen seit Langem etablierte Hauptstädte und eine gemeinsame Sprache. Sie hatten sich wechselseitig auch nie lange erobert und dauerhaft regiert. Die Kolonien wurden als Peripherien betrachtet, die von diesen nationalen Zentren aus regiert wurden. 

Spanien blieb auf ­diese Weise Spanien, auch wenn es Gebiete von Patagonien bis Mexiko regierte, und Großbritannien war weiterhin Großbritannien, auch wenn es Ländereien von Neu-England bis Pondicherry kontrollierte.

Das galt auch nach dem Verlust der Kolonien. Die Nationen blieben im Kern intakt.

Die Komplexität der russischen imperialen Geschichte führt zu einer weiteren Besonderheit des russischen Staatswesens. Da für Russland - so die Autoren - seine Identität aus seiner Existenz als Imperium erwuchs, wurde die nationale Konsolidierung vernachlässigt. Und so haben viele Russen das Gefühl, ihr государство („Staat“ im reinsten Sinn) sei innerlich verletzlich. 

Wer die russische Debatte mitverfolgt, dürfte überrascht sein, wie wenig Aufmerksamkeit mögliche Bedrohungen aus dem Ausland oder gar einer Invasion genießen. Man erinnere sich nur an den Ruf der Russen im Krieg: „Wir können nochmal!“ (можем повторить!). Die größte Angst gilt der Möglichkeit, das Land könnte auseinanderbrechen. Die herrschende Elite, die sich in einer Partei namens „Vereintes Russland“ versammelt hat, stimmt Lobreden nicht auf den Fortschritt, sondern ausschließlich auf die Einheit an.

Putin hat nun mit seiner Propaganda zur Einkreisungsgefahr durch die NATO und dem Einmarsch in das angeblich brüderliche Nachbarland wahrscheinlich einen weiteren Zerfall imperialer Macht eingeleitet. Ein geschwächtes, isoliertes und rückständiges Russland dürfte es schwer fallen, die großen Räume seines Reiches weiter zu dominieren. Selbst wenn es Teile der Ukraine noch erobern sollte. Ein Nationalgefühl oder eine Union gleichberechtigter Völker jedenfalls entsteht so nicht. Eher zeigt sich, 

dass Russland in Wahrheit auf der Stelle tritt und außerstande ist, seinen Weg in eine selbstbewusstere Zukunft zu finden. Dabei wird dieses Land, das solche Angst vor Spaltungen und Teilungen hat, vermutlich gar nicht auseinanderfallen.

Am Schluss stellt sich der Artikel zwei Fragen:

  • Wie lange wird sich das russische „Imperium“ noch halten?
  • Wie gefährlich ist es für die Welt?

Auf mittlere Sicht, so die Antwort, wird das Imperium wohl stabil bleiben. Schon  weil seine Eliten das heutige Russland eher als „Imperium aus Notwendigkeit“ denn als ein „Imperium aus freier Wahl“ sehen. Den Verfall anderer Bezugspunkte vor Augen und die Angst vor dem Zerfall im Nacken wird man auch zukünftig nicht auf die Entwicklung hin zu einem modernen Staat, sondern auf das Imperium als revisionistische Macht setzen, so die Vermutung.

Deswegen argumentieren wir, dass Russlands imperialer Charakter das Land in der heutigen Zeit unweigerlich zu einer revisionistischen Macht werden lässt, die alle Mittel einsetzt, um ihr Territorium zu vergrößern und weitere Satellitenstaaten um sich herum zu schaffen. Russland hat die separatistischen Bewegungen in den postsowjetischen Staaten vom ersten Tag ihres Bestehens an unterstützt. Die Strategie der „gesteuerten Instabilität“ wurde nicht erst 2014 im Donbass erfunden, sondern mindestens zwei Jahrzehnte zuvor.

Also keine beruhigenden Aussichten ... 


Russland, das Matroschka-Imperium?

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Kommentare 1
  1. Hartmut Bischoff
    Hartmut Bischoff · vor einem Monat

    Aktuell wie nie! Danke dafür.

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