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Europa

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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piqer: Thomas Wahl
Donnerstag, 01.11.2018

Russland als Gegenmodell, wiederholt sich so europäische Geschichte?

Über Ivan Iljin und sein Werk, seinen Einfluss auf Europas Akteure der letzten 120 Jahre ist viel geschrieben worden. Aber m.E. nicht so wie von Timothy Snyder, als Kampf von „halb garen“ Ideen und Gefühlen in der Geschichte. Dieses Gemisch erscheint heute bestürzend aktuell:

Doch ein Strang seines Denkens zieht sich durch die Jahrzehnte: die metaphysische und moralische Rechtfertigung des politischen Totalitarismus, die er in praktischen Entwürfen für einen faschistischen Staat zum Ausdruck brachte.

Daher eine gewisse Ähnlichkeit des heutigen Russlands mit dem Russischen Reich aus Iljins Jugend - Rechtsstaatlichkeit ist kein konstituierendes Prinzip? Gerechtfertigt im politischen Diskurs Putins über Recht und Macht durch Argumente Iljins.

Interessant der Einfluss deutscher Denker - Kant, Hegel, Marx oder Freud. Fast schon unheimlich die Wechselwirkung zwischen Lenin (der unter dem Pseudonym „Iljin“ schrieb) und Iljin (der einiges davon rezensierte).

Als Iljin, ein Gegner der Revolution, von der Tscheka verhaftet wurde, intervenierte Lenin  ... Beide interpretierten Hegel radikal und waren in wichtigen Punkten einer Meinung, etwa was die Notwendigkeit anging, die Mittelklasse zu zerstören, ... allerdings unterschiedlicher Ansicht darüber, wie die endgültige Form des klassenlosen Gemeinwesens aussehen sollte.

Das radikale Denken, gepaart mit brutalem Handeln, dient heute dazu, Misserfolge Russlands zu kaschieren, einen wirtschaftlich erfolgreichen Rechtsstaat zu entwickeln, in Harmonie mit seinen Nachbarn:

Die Europäische Union, .... , gründet in der Annahme, internationale Rechtsvereinbarungen bildeten die Grundlage für eine gedeihliche Zusammenarbeit unter Rechtsstaaten. Ende 2011 und Anfang 2012 machte Putin eine neue Ideologie publik, die auf Iljins Denken beruht und Russland in Opposition zu diesem europäischen Modell definiert.

Das tugendhafte Rußland steht gegen universelle Werte des scheinheiligen Westens. Die Macht tritt wieder in den Vordergrund von Politik.

Russland als Gegenmodell, wiederholt sich so europäische Geschichte?
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Kommentare 11
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 20 Tagen

    Snyder schätze ich, aber hier scheinen ihm Fehler unterlaufen sein; etwa bei den Lenin-Passagen.

    Ergänzend und zur Erhellung von Putins Verwendung von Iljin's Gedanken: www.nzz.ch/feuilleto...

    Es scheint mir kein Gegenmodell vorzuliegen, sondern ein europäisches Modell, die es in der bisherigen Geschichte nur in der Mehrzahl gab und gibt. Kein außereuropäischer Denker oder Politiker taucht auf.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 20 Tagen

      Ich meinte, Putins Rußland als Gegenmodell zum europäischen Gedanken und zu den universellen Menschenrechten, dem Rechtsstaat .... wie damals die Oktoberrevolution, die Sowjetunion als Gegenmodell zum demokratischen Weg. Es stimmt natürlich, dass es auch heute wieder faschistische Strömungen in ganz EU gibt ....

    2. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 19 Tagen

      @Thomas Wahl Die Oktoberrevolution fing aber als demokratischer Weg an in einer Welt voller mächtiger Monarchen.
      Die Räte (die Sowjets) bestimmten zuerst das Bild und inspirierten andere Revolutionäre und Denker. Bis hin zu Hannah Arendt, die die westliche Demokratien durch Elemente der Räte zu erweitern sah. Prägnant hier nachzulesen: www.piper.de/buecher/u...

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 19 Tagen

      @Achim Engelberg Wenn ich mich recht erinnere begann die Oktoberrevolution mit der Machtübernahme der Bolschewiki auch in dem Petrograder Sowjet und natürlich mit der Auflösung der verfassunggebenden Versammlung? Die Bolschewiki hatten in keinem der beiden eine Mehrheit. Demokratisch war das bestimmt nicht. Die Gründung der Räte erfolgte m.E. in der Februarrevolution und kann sicher als ein spontaner demokratischer Akt in den Wirren der Zeit verstanden werden.

    4. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 19 Tagen

      @Thomas Wahl Das ist ein widersprüchlicher Prozess. Es gab demokratische und diktatorische Tendenzen. Deshalb konnte die im Januar 1919 ermordete Rosa Luxemburg eine Warnung vor einer Diktatur bei gleichzeitiger Begrüßung der Revolution schreiben.
      Auf jeden Fall regten die "10 Tage, die die Welt erschütterten" (John Reed) viele Revolutionäre auf und an. Die Bolschewiki rissen Russland aus dem Krieg heraus und konnten so Massen hinter sich bekommen.
      Der Zeitgenosse und große Historiker Arthur Rosenberg schrieb 1932, dass die Bolschewiki Russland zuerst (!) vom Chaos bewahrten:
      „Da haben sie fünf Minuten vor zwölf den bolschewistischen Aufstand proklamiert und so den Eindruck geschaffen, als sei das ungeheure Ereignis um zwölf Uhr durch ihren Befehl entstan-den. So gewannen sie die Autorität, um Russland weiterzuführen."

    5. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 19 Tagen

      @Achim Engelberg Also das Volk hatten die Bolschewiki wohl nie hinter sich. Sie rissen das Land nicht aus dem Krieg heraus und bewahrten es nicht vorm Chaos, sondern führten es in einen lang anhaltenden Bürgerkrieg hinein. Der Sturz der Verfassungsgebenden Versammlung war ein Verbrechen. Der rote Terror ging ziemlich nahtlos in den Terror Stalins über. Das war kein Zeichen der Stärke oder der Volksnähe. Es war Schwäche und Angst. Das man den Besuchern aus dem Westen gern Petemkinsche Dörfer zeigte ist auch bekannt und viele nahmen das auch für bare Münze. Dagegen war R. Luxemburg geradezu hellsichtig: „Nur ist das Heilmittel, das Trotzki und Lenin gefunden: die Beseitigung der Demokratie überhaupt, noch schlimmer als das Übel, dem es steuern soll: es verschüttet nämlich den lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert werden können. Das aktive, ungehemmte, energische politische Leben der breitesten Volksmassen. ...... Lenin und Trotzki haben an Stelle der aus allgemeinen Volkswahlen hervorgegangenen Vertretungskörperschaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung der arbeitenden Massen hingestellt. Aber mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder der öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft – eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobiner-Herrschaft ........ Ja noch weiter: solche Zustände müssen eine Verwilderung des öffentlichen Lebens zeitigen: Attentate, Geiselerschießungen usw. Das ist ein übermächtiges objektives Gesetz, dem sich keine Partei zu entziehen vermag.“

      www.marxists.org/deutsch/a...

    6. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 19 Tagen

      @Thomas Wahl Deine Interpretation des nahtlosen Übergangs widerspricht nahezu der gesamten Forschung.
      Dein Luxemburg-Zitat ist das charakteristisch und gut - für die Möglichkeit der Diktatur. Es wurde erst in den 1970er Jahren in der DDR publiziert, aber kaum kommentiert. Dafür wurden die positiven Artikel weit verbreitet. Heute ist es nun andersherum falsch.
      Die Ambivalenz von Luxemburg erwähnte ich oben.
      Das Hauptverbrechen war der Weltkrieg und aus dem rissen die Bolschewiki das Land heraus. Deshalb gewannen sie den Bürgerkrieg.
      Wenn Du keine dicken Wälzer lesen willst, empfehle ich das:
      www.dtv.de/buch/orla...

    7. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 19 Tagen

      @Achim Engelberg Sorry, ich hab die dicken Wälzer (wahrscheinlich fast) alle gelesen. Wir sollten vielleicht mal die Leselisten austauschen ;-)
      Es geht mir übrigens nicht um die Ambivalenz Luxemburgs. Die ist mir klar, ich kenne ihre Werke und nicht nur ihre! Natürlich wollte sie eine Revolution. Es geht mir um die Prophetie ihrer Worte und um die reale Diktatur gegen das Volk, die Bauern, die Intelligenz, ja gegen die eigenen Genossen, die ja eingetreten ist. Oder sind wir da nicht einer Meinung?
      Die Bolschewiki haben doch das Land nicht aus „dem Weltkrieg“ gerissen. Das war eher Propaganda, wie auch das Versprechen von Land für die Bauern. Vielleicht haben sie theoretisch sogar dran geglaubt. Und es war ein Fehler der provisorischen Regierung den Krieg weiterzuführen. Der Friede mit Deutschland galt für Lenin m.E. eher dem Machterhalt und der Spekulation auf die Revolution im Westen, als dem Volk. Es war ja nicht nur ein Bürgerkrieg den sie führten. Sie kämpften gegen die Polen, die Georgier, die Balten, im Grunde gegen die Nachbarvölker Rußlands. Die Verheerungen dieses Krieges waren doch eher schlimmer als der Weltkrieg.
      Ob die Bolschwiki den Bürgerkrieg je gewonnen hatten, ich weiß es nicht. Militärisch wohl, mit Brutalität und viel Glück sowie aus allgemeiner Erschöpfung und der Zerrissenheit der Weißen. Stalin glaubte es wohl auch nicht. Er hörte nie auf sein Volk zu bekriegen. Schlögel hat in „Terror und Traum: Moskau 1937“ das seinige zur Realität von Herrschaft und Macht im Kreml gesagt.

      Das Tauwetter mag ein Moment des Friedens gewesen sein. Aber ging dann der Krieg gegen die Dissidenten nicht weiter? Und der Zerfall der UdSSR spricht eine eigene Sprache.

    8. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 18 Tagen

      @Achim Engelberg Ich habe noch mal in meiner Bibliothek nachgesehen. Das Zitat habe ich ursprünglich aus einem Rowohlt Taschenbuch, veröffentlicht 1970 - R.Luxemburg: Schriften zur Theorie der Spontanität" . Dort ist der Text etwas umfangreicher als in meinem Link. Im Anhang steht, er sei erstmals1922 von Paul Levi veröffentlicht worden. Vollständig dann 1928 von Felix Weil. Vielleicht ist diese Info interessant für Deine Recherchen. Gruß TH.W.

    9. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 17 Tagen

      @Thomas Wahl In Wolf Biermanns berühmten Kölner Konzert, das zu seiner Ausbürgerung 1976 führte, erwähnt er, dass dieser Text endlich in der DDR publiziert wurde und zitiert gerade diese Passage.

      Mir ging und geht es um Ambivalenzen, Entwicklungsmöglichkeiten, Chancen.

      Einer der frühen Texten von einem, der die bolschewistische Revolution unterstützte (nicht zuletzt durch das Ausscheiden aus dem Weltkrieg) und die kommende Reaktion erahnte, ist dieser von Platonow.
      www.berliner-zeitung.de/kultur/li...

      Während wir diskutierten, erfuhr ich, dass der Autor des Artikels, Dirk Pilz, verstorben ist. Er wurde nur 46 Jahre alt.

    10. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 17 Tagen

      @Achim Engelberg Danke, Platonow habe ich bisher gar nicht als so interessant wahrgenommen. Sollte sich ändern. Meine „Lieblingsbücher“ waren eher die „Reiterarmee“ oder „Meister und Margarita“.
      Was mich immer wieder erschreckt, ist die ungeheure Tragödie. Soviele hochbegabte, idealistische Menschen sind enthusiastisch in dieses „Experiment“ hineingesprungen und davon „verschlungen“ worden. Andere, eher unbeteiligte, wußten gar nicht wie ihnen geschah. Die Bolschewiki hatten sich m.E. zu etwas selbst ermächtigt, dass nicht zu beherrschen war.