Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kuratoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik empfehlen
und kommentieren die besten Inhalte im Netz.

Du befindest dich im Kanal:

Europa

Achim Engelberg
Dr. phil.
Zum piqer-Profil
piqer: Achim Engelberg
Donnerstag, 24.11.2016

"In der UdSSR wusste man, wofür man lebte und starb." Oder: Warum wird die Vergangenheit verklärt?

Es geschah am 16. August 2016 im russischen Mikun: eine Gedenktafel am Eingang zur «Besserungskolonie» Nr. 31 wurde enthüllt - und das von einem Veteranen, einem Mann des Lagerpersonals. Dazu gab es Reden, Musik, das Übliche.

All das geschah praktisch auf einem Friedhof.

Nicht den Opfern, sondern den Tätern im Archipel Gulag wird gedacht. Ist das eine Provinzposse? Nein.

Seit 2008 wird in Russland jedes Jahr in einer repräsentativen Umfrage unter anderem folgende Frage gestellt: «Was denken Sie – waren die Opfer, die das Sowjetvolk in der Stalinzeit gebracht hat, durch die grossen Ziele und Ergebnisse, die innerhalb kurzer Zeit erreicht wurden, gerechtfertigt?» Diese Frage impliziert, dass das Ausmass der Opfer mehr oder weniger bekannt ist. ... 2008 wählten 27 Prozent die Antwortoptionen «bestimmt ja» oder «teilweise ja». Seitdem steigt dieser Anteil kontinuierlich. ... Und seit 2015 sind sie in der Mehrheit, denn haben sich 2008 noch 60 Prozent für «nein» entschieden, waren es 2015 41 Prozent.

Wie ist das aber möglich, wo es in den meisten Familien der Nachfolgestaaten der Sowjetunion mindestens ein Gulag-Opfer gibt oder jemanden, der im großen Terror erschossen worden ist?

Die Autorin berichtet in ihrem erhellenden Stück von ihren Befragungen von Studenten, die die Sowjetunion nicht mehr erlebten:

An die Sowjetzeit denkt man meistens mit einem bemerkenswerten Verständnis, wenn nicht gar einem gewissen Neidgefühl. Den zentralen Platz nimmt dabei die Vorstellung von einer ganz besonderen, intensiven Sinnhaftigkeit des Lebens ein: In der UdSSR wusste man, wofür man lebte und starb.

Da kommt mir Heiner Müller in den Sinn, der 1993 schrieb:

Menschen, denen das Träumen verwehrt wird, haben keine andere Heimat als den Wahnsinn. Die Schreckensfrage des nächsten Jahrhunderts lautet: Was spricht gegen ihn? Von der zu findenden Antwort auf diese Frage hängt das Überleben der Menschheit ab.

"In der UdSSR wusste man, wofür man lebte und starb." Oder: Warum wird die Vergangenheit verklärt?
8,3
4 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Werde piqd Mitglied!

Kommentare 2
  1. Moritz Hoffmann
    Moritz Hoffmann · vor 11 Monaten

    Der Artikel ist so toll, dass ich ihn auch für Zeit&Geschichte noch einmal gepiqt habe: www.piqd.de/zeitgesch...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 11 Monaten

      Leider ist die Realität nicht so toll.