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Europa

Paulina Fröhlich
Projektmanagerin bei Das Progressive Zentrum, Ehrenamtlich bei Kleiner Fünf
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piqer: Paulina Fröhlich
Samstag, 07.07.2018

Habermas: die faule Stelle im Selbstverständnis - wohin mit Europa?

Anlässlich des Deutsch-Französischen Medienpreises, J.Habermas am 04.07.2018: Wir Deutschen verstehen uns als "gute Europäer" - solidarisch, stark und helfend. Dem Glaube daran, dass diese Solidarität gut wäre, liegt jedoch ein Zweifel inne (haben es 'die faulen Griechen denn verdient'?). Dieses Phänomen bezeichnet Habermas als mauvaise foi: "...jenen guten Glauben, von dem wir ahnen, dass er einen Haken hat." 

Dabei ist das Ausgangsverständnis - das Konzept von Solidarität - jedoch unschlüssig. Eine an strenge Bedingungen geknüpfte unterstützende Leistung ist keine solidarische Handlung, es fehlt ihr jegliches Vertrauen. Hinzu kommt der ökonomisch getriebene Akt der eigentlichen Selbsthilfe: ich gebe dir, damit ich selbst nicht Nachteile erleide. Wenn Merkel im Sommerinterview von mangelnder "Loyalität" der östlichen und südlichen Länder Europas spricht, so interpretiert sie diese als Mitarbeiter, die auf einer senkrechten Achse der Zuarbeit ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

"Solidarität" ist ein Begriff für die reziprok vertrauensvolle Beziehung zwischen Akteuren, die sich aus freien Stücken an ein gemeinsames politisches Handeln binden. Solidarität ist keine Nächstenliebe, aber erst recht keine Konditionierung zum Vorteil einer Seite. Wer sich solidarisch verhält, ist bereit, sowohl im langfristigen Eigeninteresse wie im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, kurzfristig Nachteile in Kauf zu nehmen.

In dem Unvermögen proeuropäischer Akteure, „den Mut zum eigenen Gedanken zu fassen“ liegt für Habermas eine Ursache für den Erfolg der Rechtspopulisten: eine handfeste Enttäuschung darüber, dass der EU derzeit der politische Wille zur Handlungsfähigkeit fehlt, um „Trends der wachsenden sozialen Ungleichheit innerhalb der Mitgliedstaaten“ entgegenzuwirken. Macron bezeichnet er hierbei als eine Ausnahme.

Es folgen weitere wichtige Gedanken, für die hier kein Platz ist: Artikel unbedingt lesen.

Habermas: die faule Stelle im Selbstverständnis - wohin mit Europa?
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Kommentare 3
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 3 Monaten

    Danke, Habermas ist für mich zwar ein gewaltig überschätzter Wissenschaftler, aber jetzt im hohen Alter sagt er viel Gescheites.
    Auch seine Selbstkritik an seinem zu schwerfälligen Stil findet meine Zustimmung, nicht aber die herbe Kritik, die er jetzt erhielt. Vom Schriftsteller Joachim Lottmann zum Beispiel:
    www.welt.de/kultur/ar...

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor 2 Monaten

      Ich halte Habermas für einen der letzten großen "public intellectuals". Seine Originaltexte sind aber tatsächlich an der Grenze zur Unlesbarkeit.
      Warum genau hältst du ihn als Wissenschaftler für überschätzt?

    2. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 2 Monaten

      @Frederik Fischer Aufgrund einer Alpenreise antworte ich erst jetzt. Das ist ein weites Feld, drei Beispiele.
      1.) Sein Hauptwerk THEORIE DES KOMMUNIKATIVEN HANDELNS aus dem Jahr 1981 hat bislang nicht eine vergleichbare Wirkung auch jenseits der Fachwelt entfaltet wie bei einem Jahrhundertwerk, als das es bezeichnet wird, üblich ist. Schwer ist auch die KRITIK DER REINEN VERNUNFT zu lesen oder das KAPITAL, aber bei Kant und Marx waren es fundamentale Wechsel. Man denke nur an die Wirkung von Kant auf Kleist und Schiller und vielen anderen.
      2.) Es gibt - soweit ich es überblicken kann - keine Texte von Habermas die unmittelbar wirken können und die nicht nur Tagestexte sind. Man denke dagegen an Kants WAS IST AUFKLÄRUNG?
      3.) Als einen großen öffentlichen Intellektuellen sehe ich ihn auch, als einen der letzten (noch) nicht. Diese kommen und gehen in Wellen. Momentan sind wir in einem Wellental, das lange dauern kann. Es gibt häufig, nicht immer, einen Widerspruch zwischen dem öffentlichen Intellektuellen und dem großen Denker, Wissenschaftler, Schriftsteller.
      In den Alpen, wo ich gerade herkomme, liegt Sils im Engagin. Dort schrieb Nietzsche einige seiner Hauptwerke, die auch heute noch wirken. Die meisten der öffentlichen Intellektuellen seiner Zeit haben dagegen ein bescheidendes Nachleben.