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Europa

Die russische Ökonomie implodiert – nur nicht sofort

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlMontag, 01.08.2022

Ein Expertenteam um die Yale Unversität bestreitet, dass Russland die westlichen Sanktionen mehr oder weniger gut übersteht. Die Autoren, die selbst Russisch sprechen, nutzen für ihre Analyse der wirtschaftlichen Aussichten Russlands (die erste unabhängige seit Beginn des Krieges) unkonventionelle Datenquellen, etwa Hochfrequenz-Verbraucherdaten, Cross-Channel-Prüfungen, Veröffentlichungen von Russlands internationalen Handelspartnern und Data Mining komplexer Schifffahrtsdaten. Damit umgehen sie die selektiv veröffentlichten offiziellen russischen Daten, die auch seit Beginn des Krieges nicht mehr aktualisiert wurden. Daher haben viele der 

rosigen Wirtschaftsprognosen die wirtschaftlichen Freisetzungen aus den frühen Tagen der Invasion, als die Sanktionen und der Rückzug auf Unternehmen nicht voll wirksam waren, irrational extrapoliert. Selbst diese veröffentlichten günstigen Statistiken sind angesichts des politischen Drucks, den der Kreml auf die korrupten statistischen Institutionen ausgeübt hat, zweifelhaft.

Demnach wäre die vom Kreml behauptete und im Westen oft geglaubte weitgehende Unwirksamkeit der Sanktionen ein Märchen. Hier einige der neun Mythen, die mit den Argumenten der Analyse (hier findet man die Charts mit allen Daten zur Studie) widerlegt wurden.

Mythos 1: Russland kann seine Gasexporte umleiten und statt nach Europa an Asien verkaufen.

Das erscheint zwar theoretisch zunächst einleuchtend, ist aber mittelfristig unrealistisch. So sind die russischen Kapazitäten für Flüssigerdgas auf 10 % der Gesamtmenge begrenzt. Die russischen Gasexporte sind also weiterhin auf ein System fester Pipelines angewiesen. 

Die überwiegende Mehrheit der russischen Pipelines gehen nach Europa; diese Pipelines, die ihren Ursprung in Westrussland haben, sind nicht an ein separates entstehendes Pipeline-Netzwerk anschließbar, die Ostsibirien mit Asien verbinden, das nur 10 Prozent der Kapazität des europäischen Pipelinenetzes enthält. Tatsächlich repräsentierten die 16,5 Milliarden Kubikmeter Gas, die Russland im vergangenen Jahr nach China exportierte, weniger als 10 Prozent der 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die Russland nach Europa schickte.

Mythos 2: Da Öl fungibler ist als Gas, kann Putin einfach mehr nach Asien verkaufen.

Auch das ist nicht ganz falsch – Halbwahrheiten sind halt oft die besten Lügen. Mit Europa verliert Russland auch beim Öl seinen Primärmarkt. Aber China und Indien wissen genau, wie dringend Russland sein Öl verkaufen muss. Und so bekommen sie einen beispiellosen Rabatt von etwa 35 Dollar auf Ölkäufe im russischen Ural, obwohl der historische Spread nie über 5 Dollar lag – nicht einmal während der Krimkrise 2014. Da Russland im Vergleich zu den anderen großen Ölproduzenten relativ teurer produziert, ist das extrem schmerzhaft. Wie zu erwarten, hat daher

selbst das russische Energieministerium seine Prognosen der langfristigen Ölförderung nach unten korrigiert. Es besteht kein Zweifel, dass Russland, wie viele Energieexperten vorhergesagt haben, seinen Status als Energiesupermacht verliert, mit einer unwiderruflichen Verschlechterung seiner strategischen wirtschaftlichen Position als ein einst zuverlässiger Rohstofflieferant.

Mythos 3: Russland ersetzt westliche Unternehmen und Importe durch solche aus Asien.

Laut der Analyse sind die russischen Importe in den letzten Monaten um über 50 Prozent zurückgegangen. Und China hat seine Exporte in russische Märkte

keinesfalls in dem Maße erhöht, wie erhofft. Im Gegenteil,

laut den jüngsten monatlichen Veröffentlichungen der chinesischen Allgemeinen Zollverwaltung sanken die chinesischen Exporte nach Russland von Anfang des Jahres bis April um mehr als 50 Prozent und fielen von über 8,1 Milliarden Dollar monatlich auf 3,8 Milliarden Dollar. 

Es scheint, dass chinesische Unternehmen Angst haben, gegen US-Sanktionen zu verstoßen, und so ihre großen Märkte zu verlieren. Die möchte man nicht wegen marginalen Positionen auf dem russischen Markt opfern. Hier rächt sich die schwache wirtschaftliche Position Russlands im globalen Handel.

Und so widerlegen bzw. relativieren die Forscher weitere Mythen, wie 

  • der russische Inlandskonsum der Verbraucher bleibe stark,
  • globale Unternehmen hätten sich nicht wirklich aus Russland zurückgezogen,
  • Putin erwirtschaftet dank hoher Energiepreise Haushaltsüberschüsse
  • Hunderte von Milliarden Dollar an Reserven sichern die Finanzen des Kremls auf längere Zeit,
  • der Rubel ist gerade die leistungsstärkste Währung der Welt,
  • die Sanktionen gegen Russland haben dem Land zwar geschadet, aber sie sind nun überstanden.

Die zusammenfassende Schlussfolgerung am Ende der Analyse lautet daher

Defeatist headlines arguing that Russia’s economy has bounced back are simply not factual — the facts are that, by any metric and on any level, the Russian economy is reeling, and now is not the time to step on the brakes.

Das sollten wir immer im Hinterkopf haben, wenn wir in Deutschland über die nächsten Schritte nachdenken und dabei die russischen Argumente abwägen.

Siehe auch in der taz.

Die russische Ökonomie implodiert – nur nicht sofort

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Kommentare 5
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 7 Tagen

    Ein Insider-Bericht:

    „TVK: Wann zeigen sich die Auswirkungen der Sanktionen in vollem Ausmaß?

    Zubarevič: Im Sommer werden wir klarer sehen, zwischen dem dritten und dem vierten Quartal. Auf dem Verbrauchermarkt sind sie jetzt schon deutlich zu spüren und werden im Juni zunehmen. Im produzierenden Gewerbe dauert es etwas länger. Jeder hat gewisse Lagerbestände, wieviel genau, weiß niemand. Daher verstehen die Menschen in Russland noch nicht, wo wir gerade reinrasen.

    TVK: Und die Importsubstitution? Wird sie gelingen?

    Zubarevič: Wie soll das gehen? Es gibt Waren, die wir überhaupt nicht herstellen. Natürlich, es gibt Dinge, die wir produzieren können. Hygieneartikel etwa und Schminkartikel gab es ja auch in der Sowjetunion. Aber es fehlt so vieles und in solchen Mengen. Wir haben in großem Stil importiert. Wir waren einfach Teil des Weltmarkts und haben dort alles gekauft, was besser und billiger war als die heimische Produktion. Einige Produkte werden wieder in Russland hergestellt werden, es gibt ja den Kosmetikhersteller Svoboda. Aber seine Fabrik ist klein, ob das, was dort hergestellt wird, bis nach Krasnojarsk kommt, wird sich zeigen. Man kann natürlich auch ohne auskommen. Man kann auch zurück zur Naturalwirtschaft, dann braucht man gar keine Importe.

    TVK: Welche Folgen hat die Massenauswanderung aus Russland? Experten sprechen von vier Millionen Menschen, die das Land seit dem 24. Februar verlassen hätten?

    Zubarevič: Die genaue Zahl kennt niemand. Dazu bedürfte es einer genaueren Studie, und die gibt es bislang nicht. Die Menschen bleiben ja Staatsbürger, wenn sie ausreisen. Formal sind sie Touristen. Gerne nennt man es jetzt „relocation“. Manche wollen nur für einige Zeit im Ausland bleiben, das Ende der „Spezialoperation“ abwarten. Andere richten sich darauf ein, länger zu bleiben. Fest steht, dass es einen Exodus aller privaten IT-Unternehmen gibt. Es sind russländische Firmen, aber sie sind fast alle weg.“
    https://zeitschrift-os...

  2. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 18 Tagen

    Die langfristige Positionierung Rußlands in der Weltwirtschaft ist eine völlig offene Frage - besonders unter der gegenwärtigen Führung?

    "Russland müsse Teil der globalen Welt bleiben, denn der Versuch, alles selbst zu machen, „ist ein Weg ins Nirgendwo“, sagte er. Und auch Schirow gibt zu, dass Russland aufgrund des sanktionsbedingt fehlenden Zugangs zu westlicher Technologie in seiner Entwicklung immer mehr hinter dem Rest der Welt zurückbleiben werde. „China kann uns viel ersetzen, aber es ist selbst nicht so führend bei den Technologien wie der Westen.“

    Einen Binnenmarkt mithilfe von China zu entwickeln, das sei ohnehin ein Widerspruch in sich, erklärt Andrej Movchan, russischstämmiger Finanzexperte und Chef der Investmentgesellschaft Movchan´s Group in London, auf Anfrage: „Dort, wo sie können, werden die Chinesen den russischen Markt mit ihren eigenen Produkten schwemmen.“ Und wie schwer es ist, eine tragfähige Binnennachfrage in einem autoritären System zu entwickeln, zeige gerade China selbst, so Movchan. Es ginge nur mit staatlicher Geldverteilung, „eine solche aber ist nie effizient“.

    China – und teilweise auch Indien – hat Russland in den ersten Monaten der Sanktionen tatsächlich geholfen, indem es unter anderem mehr russisches Öl einkaufte. Und in dem Ausmaß, in dem sie westliche Sanktionen nicht verletzen, signalisieren die Chinesen, die vor dem Ukraine-Krieg bereits knapp 20 Prozent des russischen Außenhandelsvolumens abdeckten, jegliche Bereitschaft, die Lücken zu füllen, die westliche Firmen hinterlassen.

    Allein: „Dass Russland sich einseitig China ausliefert, während China selbst ja in die Weltwirtschaft integriert bleibt, wird in Moskau bislang nicht thematisiert“, sagt Ökonom Götz. Dass Russland Gefahr läuft, von China zum billigen Rohstofflieferanten degradiert zu werden, wohl auch nicht."
    https://www.welt.de/wi...

  3. Eric Bonse
    Eric Bonse · vor 18 Tagen

    Eine interessante Analyse, doch sie greift zu kurz. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, muß man auch die internationalen Wirkungen der Sanktionen ins Auge fassen. Da zeigt sich, dass sie stark auf Deutschland und die EU zurückfallen (Gaskrise). Außerdem lehnt die Mehrzahl der Länder die westlichen Strafmaßnahmen ab. Selbst Israel, die Türkei oder Südafrika machen nicht mit, was die Wirkung beschränkt und den "Westen" schwächt.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 18 Tagen · bearbeitet vor 18 Tagen

      Das ist natürlich richtig. Das ist ja auch ein wenig das "Spiel" -wer knickt zu erst ein? Es wird auch dem Westen weh tun. Deutschland wohl besonders - auf Grund der verkorksten Bindung an Rußland's Energielieferungen. Und deren zentrale Bedeutung für die einseitige Energiewende. Und die "Protestler" laufen sich schon warm. Wird wohl ein heißer Herbst/Winter.

  4. Josef König
    Josef König · vor 18 Tagen

    Dabei berücksichtigt der Yale-Bericht noch nicht einmal die Tatsache, dass Russland nicht in der Lage ist, reparaturanfällige Teile von Spezialausrüstung zu ersetzen und diese komplett von westlichen Firmen stammen. Hält das Embargo, so wird Russland in zwei Jahren kein Gas mehr schürfen können, ebenso Öl oder andere Stoffe und Metalle. Die Wirtschaft wird kollabieren, wenn wir bei den Sanktionen für Technologieprodukte hart bleiben.

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