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Europa

Deutschland – das Land der Wunschdenker und Solipsisten?

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlSonntag, 03.07.2022

Hört auf, von Deutschland überrascht zu sein. Versucht es zu verstehen, versteht auch euch selbst besser. So könnte man das Motto des Artikels von Jeremy Stern zusammenfassen. Ausgangspunkt ist die Frage, warum so viele Menschen in unserer Welt – Amerikaner, Briten, Polen, Balten und insbesondere Ukrainer – dazu neigen, ihre Augen beim Blick auf politische Entscheidungen und Entscheidungsträger in Deutschland zu verdrehen. Während viele Deutsche meinen, eigentlich das Modellbild einer anständigen, erwachsen gewordenen modernen Gesellschaft zu sein. Also insgesamt ein vorbildliches Volk mit hohen moralischen Ansprüchen an sich selbst

Der Zweite Weltkrieg endete schließlich vor über 75 Jahren, bevor die überwältigende Mehrheit der heute lebenden Deutschen  geboren wurde. Und hat sich Deutschland nicht entnazifiziert, während andere westliche Länder weiterhin schwächere Nationen im Namen von Kolonialismus, Postkolonialismus, Antikommunismus und anderen Ismen plünderten? 

Sicher, die Nazizeit und der Weltkrieg wurden in der Tat lobenswert aufgearbeitet. Aber, so Stern, der typisch deutsche Solipsismus und das daraus abgeleitete Wunschdenken existieren wie eh und je. Als Beispiel nennt er die Pirouetten, die der Bundeskanzler in den letzten zwei Wochen zum EU-Beitritt der Ukraine gedreht hat, in denen

er dazu beigetragen hat, ein Versprechen für den Kandidatenstatus der Ukraine als zukünftiges Mitglied der Europäischen Union zu machen, dann seinen außenpolitischen Berater entsandte, um klarzustellen, dass die Ukraine keine EU-Mitgliedschaft erwarten sollte, "nur weil sie angegriffen werden", und dann eine offensichtlich unrealistische Forderung nach mehr deutschem Stimmgewicht im Europäischen Rat und einer größeren Vertretung im Europäischen Parlament als Bedingung für die ukrainischen Mitgliedschaft vorzubringen. 

Man kann im Klartext sagen, Deutschland unterstützt zwar vordergründig den Beitritt der Ukraine zur EU. Weiß aber, dass es in absehbarer Zeit nicht passiert, da Deutschland es bei Bedarf blockieren wird. Ein Manöver, das einem inzwischen so oder ähnlich bekannt vorkommt. Ironisch gesagt:

Der Versuch, Berlins Entscheidungen und ihre Beziehung zu einer zugrunde liegenden Politik im Auge zu behalten, wirkte für viele wie der Versuch, einen Betrunkenen zu verstehen, der immer wieder einschläft.

Mache spekulieren lt. Stern inzwischen darüber, ob Putin irgendein Kompromat  gegenüber Scholz und anderen Sozialdemokraten haben könnte. Das mag übertrieben sein, aber so richtig eindeutig erschließt sich auch mir die Regierungspolitik nicht. Die Erklärung, dass, da Deutschland eine "besondere Verantwortung" hat, sich "an die Geschichte zu erinnern", viele deutsche Beamte der Meinung seien, man dürfe keine wirtschaftliche Katastrophe um des Donbass willen riskieren, könnte durchaus stimmen. Neben dieser Orientierung Deutschlands an seinen wirtschaftlichen Interessen könnte auch

die traditionelle deutsche Präferenz, als "Brücke" zwischen Russland und dem Westen zu agieren - und nicht als Brückenkopf des Westens im Osten, 

eine ungute Rolle spielen. Einen weiteren Grund für das Missverstehen zwischen Amerika, den Europäern und besonders den Deutschen, sieht Stern in dem amerikanischen Solipsismus, Amerika habe Nazideutschland vom Faschismus befreit, um es vor allem zur Demokratie und zum Wertepartner zu gestalten. In den zwei Jahren nach der Potsdamer Konferenz schlossen die Amerikaner in Europa jedoch einen Kompromiss mit Stalin. 

Dort stand aber nichts über "Nationenbildung", mit anderen Worten, keine Absicht, die Deutschen zu "demokratisieren" oder sogar zu "befreien". (Eine Anweisung der gemeinsamen Stabschefs an Eisenhower kurz nach Roosevelts Tod stellte klar, dass "Deutschland nicht zum Zwecke der Befreiung besetzt wird, sondern als besiegte feindliche Nation".) 

Erst als die Tschechoslowakei 1948 durch einen kommunistischen Putsch direkt an Stalin viel und der auch noch Berlin blockierte, 

erkannten die Vereinigten Staaten schnell, dass sie für den kommenden Showdown mit der Sowjetunion ein nichtkommunistisches Bollwerk in Westdeutschland brauchen würden. Washington initiierte nur fünf Jahre, nachdem Hitler sich selbst erschossen hatte, Gespräche über die deutsche Aufrüstung. Die psychologische Grundlage für eine neue deutsch-amerikanische Beziehung müsste geschaffen werden.

Und in der neuen Erzählung waren die Amerikaner nicht mehr als siegreiche ausländische Besatzer in Deutschland, sondern als Befreier. Man teilte nun mit der Mehrheit der Deutschen die demokratischen Werte, die Marktwirtschaft und die Freiheit. Nun galt, die meisten Deutschen waren von den Nazis als Geiseln gehalten worden. So wie die Geschichte weiter verlief, wie der Kalte Krieg endete, war der Mythos zur Förderung der Demokratie sowohl effektiv als auch gerechtfertigt. 

Vier Generationen von Amerikanern sind seither unter der Annahme aufgewachsen, dass ein Haupterbe des "Guten Krieges" darin besteht, dass die Vereinigten Staaten Freiheit und Demokratie zu Menschen und Orten gebracht haben, an denen es sie noch nie zuvor gegeben hatte. Im Falle Deutschlands (unter anderem) ist dies nicht genau wahr - Deutschland hatte vor 1913 ein Parlament, Pressefreiheit und intellektuelle Freiheit, in einigen Fällen robuster als damals in den Vereinigten Staaten.

Und in Wirklichkeit, so Stern, beruhte das westdeutsche Wirtschaftswunder mehr auf dem deutschen korporatistischen Wirtschaftssystem und der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl als auf den von den Vereinigten Staaten eingeführten Werten des freien Marktes. Auch die zweite große deutsche Nachkriegsleistung, der effektive und in der Welt oft bewunderte Wohlfahrtsstaat, geht demnach eher auf die Traditionen der Bismarckschen Sozialgesetze und der deutschen Arbeiterparteien zurück als auf das amerikanische Vorbild der Nachkriegszeit. Für die USA selbst war das etwas schiefe Narrativ der erfolgreichen "Demokratieförderung" in Deutschland (und auch Japan), auf das sich US-Politiker und Staatsmänner bei der Begründung ihrer späteren Missgeschicke – von Vietnam über Afghanistan bis hin zum Irak - wiederholt stützten, dann bei der Wahl der Strategien eher verhängnisvoll.
Der Mythos zur Förderung der Demokratie, den amerikanische kalte Krieger erfanden, um Westdeutschland als wichtigen Verbündeten und US-Abhängigkeit zu positionieren, hinderte spätere Generationen von Amerikanern nicht nur daran, sich selbst zu erkennen, sondern auch Deutschland wirklich zu verstehen. 

Als dann die Berliner Mauer fiel und das ganze sowjetische Imperium implodierte, war die Erklärung aus dieser 55 Jahre alten Mythologie über die Rolle der USA in Deutschland und Europa für die Amerikaner: 

Der Kommunismus brach zusammen, weil die Vereinigten Staaten ihn besiegt hatten. 

Stern zitiert dann Lech Walesa, Gründer der Solidarność-Gewerkschaft und erster polnische Präsident, der als die Mauer fiel, bemerkte, dass Polen für dieses glückliche Ereignis "den Preis" zahlen würde. 

Was Walesa verstand, war, dass sich ein wiedervereinigtes Deutschland erneut als "Brücke" zwischen Ost und West sehen würde, gerade in dem Moment, in dem die befreiten Völker des ehemaligen Warschauer Paktes nach dem lang erwarteten Preis der Selbstbestimmung griffen: nämlich der Mitgliedschaft im Westen selbst.

Und nun sehen sich die Amerikaner wieder einmal im Mittelpunkt der Geschichte. Sie wollen keinen "schmutzigen, verachtensfähigen Kompromiss" mit Putin. Washington setzt – zu Recht oder zu Unrecht – auf einen bedingungslosen Sieg der Ukraine als Lackmustest für das amerikanische demokratische Ethos. Was aber, wenn sich der politische Wind in den USA dreht? Man muss verstehen, so Stern, dass deutsche Politiker (und andere in Europa wohl auch) eine solche mögliche giftige politische Dynamik der USA fürchten. 

Für sie sind Donezk und Luhansk einfach keine Ansteckung des deutschen Energiesektors im Lehman-Stil wert. Ebenso wenig wie Odessa oder Kiew oder Transnistrien oder die Suwalki Gap. Und warum, fragen sie, sollte es anders sein? Es wird "unsere Beziehung zu Russland auch [in] Zukunft" geben müssen, wie Scholzs außenpolitischer Berater die Deutschen letzte Woche nach der Reise des Kanzlers nach Kiew erinnerte.

Ich teile solche Einstellungen und die Schlussfolgerungen nicht. Aber sie erklären einiges am Verhalten unserer und anderer Politiker. Die Bedenken gegenüber einem Wechsel der amerikanischen Politik nach der nächsten Wahl sind realistisch. Aber auch Jeremy Stern hat recht, wenn er formuliert:

Die Amerikaner haben das Recht, sich zu fragen, was all dies für Deutschlands Status als Mitglied der westlichen Allianz bedeutet. Worauf wir keinen Anspruch mehr haben, ist überrascht zu sein..
Deutschland – das Land der Wunschdenker und Solipsisten?

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