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Flucht und Einwanderung

Zum Tod von Albert Memmi, dessen alte Bücher über Rassismus aktuell sind wie wenige neue

Achim Engelberg
Dr. phil.
Zum piqer-Profil
Achim EngelbergDienstag, 09.06.2020

Als der große Schriftsteller und Soziologe Albert Memmi sechs Monate vor seinem 100. Geburtstag starb, gab es in den deutschen Medien nur wenige umfangreiche Beiträge. Seine Bücher sind nur antiquarisch zu bekommen.

Dabei behandelte Albert Memmi brennend aktuelle Fragen und Konflikte wie die nach dem Verhältnis zwischen Afrika und Europa, dem Kolonialismus und dessen Folgen bis heute, Israel im Spannungsfeld des Nahen Ostens und dem Rassismus.

Aufgewachsen in einer Handwerkerfamilie tunesischer Juden, schrieb er sich hoch zu einem Pariser Intellektuellen von Rang. Er war Bewohner verschiedener Welten:

Jüdisch, arabisch, französisch. »Ich war eine Art ›Mischling‹ der Kolonisierung, ich verstand alle, weil ich zu niemandem gänzlich gehörte«, schrieb der Soziologe und Schriftsteller Albert Memmi 1965 im Vorwort der englischen Ausgabe seines bekanntesten Werks »Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Porträts«, das 1980 auf Deutsch erschien.

Auch ein zweiter Nachruf, er erschien in der taz, streicht diesen Aspekt hervor:

Wenn ein Leben die ganze Tragik und den ganzen Reichtum der Beziehungen zwischen Europa und seinen Nachbarn widerspiegelt, ist es das von Albert Memmi. Der große Schriftsteller und Essayist entzog sich jeder Definition: ein Jude mit Arabisch als Muttersprache, ein Tunesier mit Heimat in Paris, ein radikaler und zugleich konservativer Kritiker der Zustände der Welt.

Seine Bücher sind von beneidenswerter Kürze und Klarheit. So definierte er den Rassismus:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher und fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

Oft kritisiert man sein Spätwerk, das hier so zusammengefasst wird:

Die in der arabischen Welt neue entfachte Begeisterung für den Islam deutet er als Reaktion auf den politischen Sittenverfall der Region, die allgegenwärtige Korruption und Vetternwirtschaft sowie die Machtversessenheit der Regierenden. Die, schrieb er, seien oftmals noch tyrannischer und gieriger als die Kolonialherrscher früherer Zeiten. Überwiegend damit beschäftigt, die eigene Macht zu erhalten, interessierten sie sich für die Probleme der ihnen überantworteten Staaten – mangelnde Bildung, Armut, Arbeitslosigkeit – wenig.

Bei den Konflikten in und um Israel betonte er, dass nicht nur Palästinenser vertrieben worden sind, sondern auch die Juden aus der arabischen Welt. So lohnt ein Besuch der im Norden Israels befindlichen La Dschariba, eine Synagoge der aus Tunesien geflohenen Juden in Akko.

Albert Memmi setzte sich, da er keine andere redliche Möglichkeit für sich sah, zwischen alle Stühle. Allen Despoten nützen die Konflikte um und in Israel, denn sie lenkten von eigenen Fehlern und Verbrechen ab, aber nicht den Palästinensern:

"Sie sind die Fußtruppen der arabischen Welt, die ihnen schmeichelt, um sie besser opfern zu können." Dies ändere freilich nichts daran, dass die Israelis, wollten sie auf Dauer in Frieden leben, die mehrheitlich von den Palästinensern bewohnten Gebiete räumen müssten.

Um die heutige Welt besser verstehen zu können, dafür helfen Albert Memmis Werk wie der Roman "Die Salzsäule", der Klassiker "Der Kolonisator und der Kolonisierte: zwei Porträts" oder seine Essaysammlung "Rassismus", dem ich die Definition oben entnahm.

Zum Tod von Albert Memmi, dessen alte Bücher über Rassismus aktuell sind wie wenige neue

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Kommentare 5
  1. Yvonne Franke
    Yvonne Franke · vor 5 Monaten

    "Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Porträts" von Albert Memmi ist inzwischen wieder erhältlich. https://mojoreads.de/b...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 5 Monaten

      Danke.

      Das ist ein kleines, großes Buch.

  2. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

    Danke, Albert Memmi kannte ich noch nicht. Werd ich mir ansehen .....

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor mehr als ein Jahr

      Ich glaube, "Der Kolonisator und der Kolonisierte: zwei Porträts" ist nicht nur sein bekanntestes Buch, sondern ein guter Einstieg.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

      @Achim Engelberg Zur Zeit im Antiquariat sehr teuer bzw. aus. Suche weiter .....

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