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Literatenfunk

Sowjetisches Design II
Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 28.04.2020

Sowjetisches Design II

Wie in der DDR gab es in der Sowjetunion eine Armee professioneller Designer, die fast durchweg völlig anonym wirkten, es gab nur sehr wenige private Büros. Praktisch jeder Gegenstand und jeder Schriftzug, jedes Zeitschriften-Cover, jedes Spielzeug und jede Büroklammer wurde von einem ausgebildeten Gestalter verantwortet. Darüber wachte das 1962 gegründete VNITE (All-Union Scientific Research Instutite for Technical Aesthetics), vergleichbar mit dem Amt für Industrielle Formgestaltung in der DDR, das angesichts einer fehlenden Regulierung durch den Markt die Qualität der Massenprodukte verbessern sollte, Qualitätsstandards definierte, Gütesiegel und Preise vergab und eine Zeitschrift herausgab. (In der DDR war eine wichtige Aufgabe dieses Amts, das Sortiment der Hersteller auszudünnen, es sollte kein Überangebot geben, um Ressourcen zu sparen.)

Wenn ich mir in "Designed in the USSR" die Konfektpapiere, Parfümflaschen, Staubsauger, Flaschenetiketten und Zigarettenpackungen ansehe, rätsele ich, wie ich die seltsame, subtile Fremdheit beschreiben soll, die man bei dieser Ästhetik empfindet, und die ich schon als Kind empfunden habe. Ein Changieren zwischen etwas Altmodisch-Barockem und Futuristischem, simulierter Luxus, Einflüsse des Konstruktivismus, gemischt mit russischer Folklore, Stalin-Barock, Space-Age-Design und Op-Art-Techniken. Die Farben waren schlecht, der Druck miserabel, das Plastik minderwertig, man verwendete sogar fast ausgestorbene Materialien wie Bakelit. Vieles wirkte altmodisch, die Zukunft war retro. Das Etikett der gesüßten Kondensmilch, das den Geist des sowjetischen Art Déco reflektierte, blieb 80 Jahre unverändert. Was ich als Mangel verstand, verstellte mir den Blick für die Schönheit vieler Objekte. Wie interessant wäre ein Gang durch eine Kaufhalle von damals heute! (Auf Reisen fällt mir immer viel zu spät ein, daß ich die Supermärkte besichtigen sollte. Es ist interessant, in globalisierten Zeiten Produkte zu betrachten, die man von zu Hause nicht kennt.) (Genauso interessant wäre es für mich heute, noch einmal mit wachem Blick für Details an den Veranstaltungen teilzunehmen, die ich damals möglichst schwänzte oder boykottierte: Ich habe es bei der jährlichen Luxemburg-Demo, einer Pflichtveranstaltung, nie bis zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde geschafft, ich habe mich bei der Einweihung des Thälmann-Denkmals im Berliner Ernst-Thälmann-Park verdrückt und ich habe in der Kondolenz-Schlange, in der wir nach Breshnews Tod in der Kälte vor der Sowjetischen Botschaft in Berlin anstanden, nach einer Stunde die Geduld verloren und das Gebäude deshalb nie von innen gesehen. Man ging ja davon aus, daß man für den Rest seines Lebens zu solchen Veranstaltungen würde gehen müssen und konnte es nicht als Gelegenheit wahrnehmen, etwas zu studieren, was bald verschwinden würde.)

Die zahlreichen Social-Advertisment-Plakate im Buch erinnern mich im Übrigen daran, wie kurios und geradezu lächerlich wir diese Propaganda bei unserer Leningradreise 1989 schon fanden, wen sollte das von irgendetwas überzeugen? Es gab sogar Perestrojka-Plakate im gleichen Stil zu kaufen, etwa gegen Bürokratie und Korruption. Wir deckten uns damit ein, um zu Hause auf ironische Weise unsere Zimmer zu schmücken. Ich hatte aber auch ein großes, farbiges Gorbatschow-Foto gekauft (mit retuschiertem Muttermal, das ich mit Filzstift ergänzte.)

Wie in der DDR waren die Bürger daran gewöhnt, daß Exportwaren bessere Qualität hatten und man sie fast nie im Laden sah. Logisch, daß man sich für die eigene Bevölkerung nicht solche Mühe geben mußte, so war es ja im Familienleben auch, wo das gute Porzellan nur für Gäste gedeckt wurde. Vor dem Ausland, insbesondere dem westlichen, durfte man sich keine Blöße geben, das war klar.

Anders als in der DDR gab es in der Sowjetunion eine Art interner Globalisierung, weil Produkte in allen Landesteilen hergestellt wurden, die ja hier schon zu verschiedenen Kulturkreisen gehörten. Man sieht ein Konfekt "Kara-Kumaus Tagil, aus Perm das Konfekt "Frieden", Limonade aus Estland, Wein und Tee aus Georgien (mit dem seltsamen georgischen Alphabet. "Grusinische Mischung" sei vom Boden aufgefegt, witzelten wir damals verächtlich), Konjak aus Dagestan, eine Waschmaschine aus Riga, ein Transistor-Radio "Atmosferaaus Grozny. (Andere Modelle hießen "Surpriz", "Sputnik" oder "Progress").

Nachhaltig war die Kultur der Improvisation: Weil die Fabrik keine runden Formen für ihre Tischlampe aus Metall produzieren konnte, nutzte eine Gestalterin Teile von Teekannen, die aus einer anderen Fabrik kamen. Sowieso war man es gewohnt, das zu nehmen, was man bekommen konnte, um daraus das zu bauen, was man brauchte. Wenn ich daran denke, was für eine Flut von überflüssiger Häßlichkeit sich in Ostdeutschland durch das Angebot der Baumärkte seit der Wende über Einfamilienhaussiedlungen, Vorgärten und teilweise auch Schrebergärten gegossen hat, tue ich mich schwer damit, im Mangel einen Nachteil zu sehen. Es ist ein herablassender Reflex, wenn in der Zeitung immer noch regelmäßig von "öden Plattenbauten" geschrieben wird, die Häuschen in Altrosa, mit bekiesten Vorgärten des Grauens, glänzend-bunten Dachziegeln, Plastikfenstern, Chrom-Handläufen und weißen Säulenportalen von heute sind nicht einmal mehr öde. Hier drückt sich niemand mehr ungeschickt aus, hier werden nur Versatzstücke aus dem Katalog kombiniert.

Das Buch erzählt nebenbei viele interessante Geschichten. Ich sehe ein Milch-Tetraeder, die man auch in Ost-Berlin jeden Morgen in der Schule bekam (später erfuhr ich, daß uns die ganze Republik um diese Tetraeder beneidete, während ich die Milchflaschen toll fand, die es außerhalb Berlins gab). Ich lerne, daß die Sowjetunion diese Verpackungstechnologie 1959 von der schwedischen Firma Tetra-Pak gekauft hat. In den traditionellen Einkaufsnetzen machten die Dreiecke auch keine Probleme, während sie im Westen, wo Plastiktüten aufkamen, unpraktisch waren, weil die Spitzen das Plastik zerrissen. Die Milchflaschen waren die nachhaltigste Lösung, sie hatten nicht einmal ein Etikett. Ob es sich beim Inhalt um Milch, Buttermilch oder Kefir handelte, erkannte man an der Farbe des Silberpapierverschlusses.

Andere Geschichten: daß das "Rotes-Moskau"-Parfüm angeblich von einem französischen Parfumier auf der Basis von "Le Bouquet Préféré de l'Impératrice" entwickelt wurde, das wiederum 1913 für das Haus Romanow geschaffen worden war. (Ich denke an den auffälligen Parfümgeruch, für den russische Frauen bei uns verrufen waren.)

Daß das Bild des blonden Models auf der Verpackung des "Natascha-Odekolon", in das sich die Russen verliebten, in Wirklichkeit aus einem DDR-Bildarchiv stammte und ein finnisches Model zeigte.

Daß es im GUM eine spezielle Sektion nur für die Parteielite gab.

Daß Alpinisten, weil es kaum Sportschuhe zu kaufen gab, spitze Galoschen nutzten.

Daß nach dem Zweiten Weltkrieg eine von fünf sowjetischen Frauen ein Kleid besaß, das mit Mustern von Vera Sklyarova bedruckt war. (Der große Erfolg mancher Gestaltungen war auch ihre Tragik, wie im Fall der Wirtegläser und des Mitropa-Geschirrs von Margarete Jahny, beides so omnipräsent, daß man für die Qualität der Gestaltung blind wurde. Die Kaffeekännchen waren die ersten, bei denen beim Eingießen der Deckel nicht abfiel.)

Daß Kleidung und Schuhe der olympischen Fackelläufer 1980 von Mizuno stammten.

Daß Mischka, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1980, das erste Maskottchen war, das nicht nur im Profil zu sehen war. Und daß die Piktogramme dieser Olympischen Spiele sich an die von Otl Aicher 1972 für München geschaffenen anlehnten, aber 30- und 60-Grad-Linien hatten.

Daß 1964 die französische Technologie gekauft wurde, flexible Schallplatten herzustellen (Das Multimedia-Magazin "Krugozor" erschien von 1964 bis 1992 mit 500-000er Auflage!)

Daß Strelka, einer der Hunde, die 1960 ins All geschickt worden waren und die Reise überlebte, noch Welpen bekommen hat, von denen Chruschtschow einen Jacqueline und Caroline Kennedy schenkte.

Die Kosmonautik war in der Sowjetunion eine säkulare Religion. Sogar Alltagsobjekte begeistern mit Space-Age-Design. Der Rasierapparat "Sputnik(dem Thorens Riviera aus der Schweiz nachempfunden). Der runde, planetenförmige Saturnas-Staubsauger, sogar mit Ring. Die raketenförmige Eaya-Waschmaschine. Ein Nachtlicht in Form des Moskauer Denkmals für die Eroberer des Weltraums.

Viele andere Objekte aus dem Buch sind interessant: ein Metallnetz mit einer runden Öffnung, das eine Eier-Tragetasche ist.

Ein Streamline-Moskwitsch-Tretauto von 1960.

Ein modularer Radiobausatz für Kinder.

Der Prototyp eines Taxis von 1963, in das man mit einem Kinderwagen einsteigen konnte.

Eine Biorhythmus-Rechenscheibe von 1980, mit dem Olympia-Logo.

"Krunk", eine doppelhalsige Gitarre aus Yerewan, wobei man auf einem Hals Bass spielte.

"Photosniper FS-3", eine Kamera, die wie ein Gewehr aussah.

Ein Satz Möbel, die aus Pappe gefaltet wurden, 1975 für einen Designkongreß in Moskau gestaltet.

Ein Videorekorder von 1982 (hatte den wer in der DDR, wo es, soweit ich weiß, keine Videorekorder zu kaufen gab?)

Mehrere tragbare Mini-Fernseher.

Ein Leningrad-T-2-Fernsehmöbel von 1949, bei dem man einen Stoff-Schirm vor den Bildschirm schob, um ihn vor Staub zu schützen, so daß das Gerät wie ein Radio aussah, wenn es nicht benutzt wurde.

Telefonapparate ohne Wählvorrichtung, die als Statussymbol galten, weil sie eine direkte Verbindung zu Parteioberen herstellten.

Bei vielem frage ich mich: Hat mein Brieffreund Sergej mir das geschickt, oder bilde ich mir das nur ein? Die Süßigkeiten-Packung in Form eines Plastik-Weihnachtsbaums, den ein roter Stern schmückt? Oder die mit Süßigkeiten gefüllte Plastik-Balalaika? Es gab fast nichts, was ich mir von ihm gewünscht hätte, außer vielleicht einen Periskop-Kugelschreiber, den man zum Zeigestock ausziehen konnte, oder einen Eishockeyschläger, auch wenn ich nicht Eishockey spielte, aber so etwas schickte er mir nie.

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